Preparation for Thailand
Ich habe begonnen...und etwas gefunden.
Die Begrüsssung dauerte kaum drei Sekunden.
"Hello... Mister Kleem... Beem?"
"Klimbim." (das lief bei meinem echten Namen natürlich leicht anders, habe es hier aber einfach angepasst).
"Klim... bim?"
"Yes. A difficult name."
Sie lachte sofort. Er klang nicht peinlich berührt, eher so, als hätte er sich mit seinem Namen längst arrangiert und mache jetzt einfach ein kleines Spiel daraus. Das mochte sie. Und sie fragte sich, ob er immer so redete: ein bisschen trocken, ein bisschen ausweichend, aber nie unfreundlich. Sie dachte sich gleich, dass er wahrscheinlich zu den Männern gehörte, die mehr sagen, als man auf den ersten Blick merkt, und gleichzeitig so tun, als wäre alles nur ein lockerer Witz.
"Hello. I am Nalin."
"A pleasure."
"You okay now?"
"Apparently surviving two serious operations on my abdomen counts as progress."
"You had very difficult time?"
"Mostly horizontal. Two operations for an inflammatory diverticulitis have left my abdomen rather busy, and I am currently still carrying a temporary stoma."
Sie nickte. Er sagte solche Sachen mit einer Ruhe, die fast schon wieder charmant war.
Nalin überlegte kurz, ob das seine Art war, Schmerz klein zu machen, damit er nicht so schwer im Raum hing. Sie verstand nicht alles davon, aber sie fand es angenehm.
"Now cannot travel?"
"Not yet. The body is still negotiating with the surgeons."
"Thailand?"
"That was the plan. Retirement preparation. A small research trip."
"Research?"
"Coffee shops. Sea view. Plastic chairs."
"Plastic chair?"
"Very important part of Thai culture."
Sie dachte kurz nach. Er sagte das mit einer Ernsthaftigkeit, als ginge es um etwas, das man wirklich kennen musste, bevor man irgendwo ankam. Vielleicht war das seine Art, sich vorzubereiten.
"Yes. Maybe."
"Good. We already agree on important things."
Kurze Pause.
"You speak English very well."
"That sentence always creates a problem for me."
"Problem?"
"More a philosophical inconvenience."
Nalin lächelte. Er wich der einfachen Antwort aus, aber nicht so, dass es unhöflich wirkte.
Eher, als würde er ihr einen kleinen Umweg anbieten, damit sie selbst entscheiden konnte, ob sie ihm folgen wollte. Diese Art mochte sie. Sie fragte sich, ob er das absichtlich machte oder ob er einfach so dachte. Wahrscheinlich beides.
"You don't like English?"
"Oh, I like English. I simply don't trust it."
"Why?"
"Because it pretends to be simple and then creates seventeen exceptions."
Sie lachte. Er hatte diesen trockenen Ton, der so tat, als wäre alles nur Logik, und gerade deshalb wirkte es ein bisschen verspielt. Nalin dachte: Der ist bestimmt einer von denen, die man erst nach und nach versteht. Und genau das ist irgendwie angenehm.
"Thai maybe same."
"Excellent. I have chosen wisely."
Sie lächelte bei dem Satz. Er klang wie ein kleiner Scherz, aber auch ein bisschen wie eine Entscheidung, die er gern ernst meinte, ohne es offen zu sagen. Sie fragte sich, ob er so sprach, wenn ihm jemand gefiel. Der Gedanke gefiel ihr wiederum.
"Thai no betray."
"That is a very confident statement from someone about to teach me five meanings of the same sound."
Sie grinste. Er schien sie genau genug zu beobachten, um solche Dinge sofort aufzugreifen. Das gefiel ihr. Und sie beschloss, nicht zu zeigen, dass sie sich überlegte, was wohl hinter seiner Art steckte. Manche Dinge durfte man einfach freundlich stehen lassen.
"Maybe."
Sie hielt die erste Karte hoch.
ไม่
"Mai."
"Good."
"No."
Klimbim schwieg.
"I see."
"Different mai."
"How many?"
"Enough."
"That is not a number."
"No."
Sie erklärte die Töne.
Nach einer Weile sagte er:
"I have a suspicion."
"What?"
"Thai is not a language. It is a polite examination of emotional stability."
Sie lachte. Er sagte das mit so viel Überzeugung, dass sie sich fragte, ob er vielleicht schon nach wenigen Minuten begriffen hatte, wie viel Geduld man hier brauchte. Oder ob er einfach gern Dinge so formulierte, dass sie ein bisschen schräg und ein bisschen klug klangen. Sie mochte das. Sehr sogar.
"You funny."
"I try not to be. It rarely works."
"Okay. One question."
"Go ahead."
"When you come Pattaya... first thing you do?"
"Sit somewhere with coffee and watch people."
"Only watch?"
"Mostly."
"Very Pattaya."
"Exactly."
"And after?"
"Spend too much time deciding which coffee shop is better."
"They look same."
"That is precisely why it is difficult."
Sie nickte ernst. Er machte aus Kleinigkeiten sofort eine Art Prinzip. Nalin fand das amüsant und irgendwie liebenswert. Vielleicht war er einer dieser Männer, die sich hinter scheinbar nebensächlichen Bemerkungen verstecken, obwohl sie in Wahrheit sehr genau wissen, was sie wollen. Sie musste darüber lächeln.
"True."
"And then someone explains why Chang is better."
"Yes."
"And another why Leo is the only acceptable choice."
"Every day."
"I suspected civilisation had important discussions here."
"You drink beer?"
"I disappoint many people."
"No beer?"
"I prefer a decent white wine."
"Ohhh."
"While everyone debates Chang versus Leo, I wonder if someone has treated a Sauvignon Blanc with proper respect."
Nalin lachte. Er sagte das so ernst, dass es schon wieder komisch war. Und sie fragte sich, ob er wirklich Wein meinte oder ob das nur seine elegante Art war zu sagen, dass er sich nicht gern in die üblichen Reihen einordnen ließ. Sie beschloss, ihn einfach machen zu lassen. Das war oft die beste Art, mit solchen Männern umzugehen.
"Very nice."
"That is a diplomatic answer."
"I learn."
"Good. You will need it."
"And I want learn advanced Farang skill."
"What skill?"
"Going into 7-Eleven for water."
"Yes?"
"And leaving twenty minutes later with toasties, batteries, yoghurt, mosquito spray and no memory of deciding."
Nalin lachte. Sie stellte sich vor, wie er mit ernster Miene durch einen 7-Eleven ging und am Ende mit einem kleinen Berg unnötiger Dinge wieder rauskommt. Das Bild gefiel ihr.
Er wirkte wie jemand, der sich über solche Alltagsdinge später selbst noch wundern würde.
"You already understand Thailand."
"That sounds positive."
"It is."
"I was worried."
"Why?"
"Because I usually become good at things nobody asked me to learn."
Sie hielt die nächste Karte hoch.
ไหม
"Mai."
"No."
"Need another mai."
"I have only just recovered from the first one."
"No limit."
"I see."
"Thai people patient."
"That is fortunate."
"Why?"
"Because my brain has submitted a complaint."
Sie lachte. Er sagte solche Sätze, als wäre Selbstironie einfach eine normale Form von Höflichkeit. Nalin mochte das. Und sie fragte sich, ob er vielleicht gerade deshalb so war: weil er nie so tat, als müsste er alles im Griff haben. Er ließ sich lieber ein bisschen treiben.
Die Wahrheit war: Klimbim hatte sich seit diesen ihn so bedrohenden Operationen nicht mehr wie früher im Griff, war verletzt, angezählt und versuchte das mit Humor zu überdecken. Der blieb ihm nämlich...
"You learn fast."
"I learn slowly, but I complain efficiently."
Sie schaute ihn an.
"You are... different." (sagte sie wörtlich maximal überzeugt mit leicht hochgezogener Augenbraue).
"That is a polite way to say complicated."
"Maybe interesting."
"I will accept interesting."
"Good."
Im Laufe des Gespräches...
"You smile more now."
"I have noticed."
"Good."
"My doctors will be disappointed."
"Why?"
"They fixed my body. Apparently they should have sent me a Thai teacher."
Nalin lachte (hat sie. Sogar recht laut und ungewöhnlich offen. Gefiel mir.
Sie fragte sich, ob er nur scherzte oder ob er wirklich meinte, dass ihn dieses Lernen auf eine seltsame Weise aufrichtete. Sie musste nicht alles wissen. Es reichte, dass es ihr gefiel.
"Maybe little medicine."
"I shall inform science."
"When you strong again..."
"If."
Sie hob einen Finger.
"When."
"...When."
"You come Pattaya."
"I hope so."
"I buy first coffee."
"Very kind."
"You buy cake."
"So this is already financially balanced."
"Exactly."
Sie lächelte. Er machte aus jeder kleinen Verabredung sofort eine Art stilles Abkommen.
Nalin fand das sehr angenehm. Vielleicht war das seine Art, Nähe zu zeigen, ohne sie groß zu benennen. Sie verstand nicht jedes Detail daran, aber sie nahm es gern an.
"And maybe..."
"Yes?"
"If homework very good..."
"I receive coffee?"
"Maybe."
"That is impressively unclear."
"Thai style."
"I see. Certainty is not included."
"No hurry."
"I am becoming very experienced in no hurry."
"You know..."
"Yes?"
"You look gentleman."
"I try to maintain the illusion."
"You don't need try."
"Careful."
"Why?"
"Because I have spent years avoiding becoming charming accidentally."
Sie lachte. Er sagte das mit so viel Selbstverständlichkeit, dass sie sich fragte, ob er sich selbst vielleicht viel strenger beurteilte, als er es nach außen zeigte.
Sie mochte diese kleine Unschärfe an ihm. Sie ließ Raum für Fantasie.
"Too late."
"Oh dear."
Die letzte Stunde vor der Pause.
"One more question."
"I am ready."
"When you come Thailand..."
"Yes?"
"You are British?"
Klimbim sah sie an. Ziemlich verwirrt.
"I'm not British."
"I know."
"...You do?"
"You speak English. You drink wine. You complain polite."
"I object to all three accusations."
"But not loudly."
"...That would be terribly impolite."
Sie lachte. Er war wirklich schwer einzuordnen.
Nalin fragte sich, ob er das wusste. Wahrscheinlich schon. Vielleicht gefiel ihm genau das.
"No. Not British."
"Good."
"You are..."
Sie suchte nach dem Wort.
"Different."
"That is probably the safest description."
"Why?"
"Because nobody has ever classified me successfully."
Sie lachte. Er sagte das, als wäre es eine kleine Lebensweisheit. Nalin dachte, dass manche Männer sich gern hinter solchen Sätzen verstecken, wenn sie eigentlich nur nicht zu schnell verstanden werden wollen. Sie fand das nicht störend.
"What are you?"
"German efficiency with French disappointment and a temporary British accent. At least not american".
Nalin sah ihn an.
"Whaaaat...? Very complicated."
"Europe in one person. Mostly inconvenient."
"I think you impossible."
"I prefer 'rarely straightforward'."
"Same same."
"That phrase is dangerously powerful."
Sie winkte.
"See you next lesson, Mister Klimbim."
"I will prepare."
"Homework?"
"Of course."
"Good."
"And I shall prepare emotionally for the next mai."
Nalin lachte.
"Very important."
Der Bildschirm wurde schwarz.
Klimbim blieb noch einen Moment sitzen.
Nicht wegen der fünf verschiedenen "mai".
Nicht wegen Chang oder Leo.
Sondern weil irgendwo in Thailand vermutlich gerade eine junge Lehrerin ihren Kolleginnen erzählte, sie habe einen Schüler gefunden, der höflich, stoisch, ein bisschen kompliziert und komplett entschlossen war.
Nalin hätte das wahrscheinlich nicht ganz so gesagt. Sie hätte eher gelächelt und sich gedacht, dass er seltsam war, auf eine angenehme Art. Dass er Dinge sagte, die man nicht sofort ganz verstand, aber auch nicht sofort auseinandernehmen musste. Genau das machte ihn sympathisch. Und vielleicht, dachte sie, war es klüger, solche Männer nicht zu schnell zu erklären. Man konnte sie auch einfach mit einem Lächeln mitnehmen.
Manche Missverständnisse, dachte er, sollte man aus Höflichkeit nicht sofort korrigieren.
Vielleicht beginnt der Ruhestand gar nicht mit dem Flug nach Thailand.
Vielleicht beginnt er genau hier.
Mit einem Lächeln.
Und fünf verschiedenen Arten, "mai" falsch auszusprechen.