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News Der Rentner in Pattaya - eine bissig satirische Abrechnung

Klimbim

Kein anderes Hobby?
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24 November 2024
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Pattaya-Naturkunde – Teil 9​

Enrico und das Weltvisaamt​


Eine satirische Beobachtung. Alle Figuren sind frei erfunden. Sollten sich irgendwo Ähnlichkeiten ergeben, handelt es sich selbstverständlich um einen bedauerlichen Zufall.

In der freien Wildbahn Pattayas gibt es eine besonders robuste Unterart des deutschen Langzeit-Expats: den Selbstjuristen.

Sein Lieblingssatz lautet:

„Ich mach das alles selber. Ist überhaupt kein Problem.“

Komischerweise fällt dieser Satz meistens kurz vor dem Problem.

Der Selbstjurist braucht grundsätzlich keinen Fachmann. Visa? Kein Problem. Immigration? Kein Problem. Aufenthaltsrecht? Auch kein Problem.

Warum? Er hat das Internet. Google.

Einen Bekannten.

Und natürlich Erfahrung.

Das ist wichtig.

Denn Erfahrung ersetzt in Pattaya offenbar Studium, Berufszulassung und ungefähr 25 Jahre Berufspraxis.

Ein besonders schönes Exemplar heißt Enrico.

Mitte sechzig, kurze Hose, Sandalen und ein Hemd, dessen Farbe irgendwo zwischen Ferienanlage und Warnweste liegt.

Die Haare kurz und akkurat nach hinten gekämmt.

Nicht weil es besonders gut aussieht.

Sondern weil es seit 1998 so gemacht wird.

Dazu eine Sonnenbrille, die auch bei Regen auf der Nase bleibt.

Und einen Bauch, der den Raum ungefähr zwei Sekunden vor ihm betritt.

Enrico lebt schon lange in Thailand und kennt sich aus.

Mit allem. Vor allem mit Dingen, von denen er keine Ahnung hat.

„Visa?“

Enrico lacht: „Mach ich selber.“

„Immigration?“

„Mach ich selber.“

„Schengen-Visum?“

Enrico schaut kurz zur Seite.

„Auch kein Problem.“

An dieser Stelle wird es für die Naturwissenschaften interessant.

Enrico hat nämlich die Frau seines Lebens gefunden. Sie ist ganz anders. Natürlich.

Nennen wir sie Pim.

Pim ist Anfang zwanzig und arbeitet gelegentlich in einer Bar. Lange Haare, viel Glitzer und ein Smartphone, das wahrscheinlich mehr kostet als die Einrichtung ihrer Wohnung.

Enrico ist verliebt.

Sehr.

„My wife.“

Pim nennt ihn „Enriiiico“.

Und Enrico hat große Pläne.

Pim soll nach Deutschland.

Nicht nur nach Deutschland.

Ins Erzgebirge.

Er möchte ihr Sachsen zeigen.

„Da ist Natur.“

Pim schaut ihn an.

„Nature?“

„Ja.“

„Many people?“

„Nein.“

Sie überlegt.

„Why go there?“

Enrico lächelt.

„Das ist meine Heimat.“

Pim lächelt zurück.

„Okay, baby.“

Sie weiß nicht, was das Erzgebirge ist.

Aber sie weiß jetzt, dass es in Deutschland liegt.

Damit ist die Reiseplanung im Wesentlichen abgeschlossen.

Enrico beginnt mit dem Visum.

Einen Anwalt braucht er nicht.

„Warum soll ich dafür einen Anwalt bezahlen? Ich weiß doch, wie das geht.“

Er hat schließlich schon einmal ein Visum bekommen.

Das ist ungefähr die gleiche Argumentation wie: „Ich bin einmal mit einem Flugzeug geflogen. Ich kann jetzt auch Pilot werden.“

Also sammelt Enrico Informationen.

Foren, Facebook, YouTube.

Ein Rolf schreibt irgendwo: „Meine Freundin war 2019 mit Schengen hier. Ging problemlos.“

Enrico speichert den Beitrag.

Damit ist die Rechtslage geklärt.

Dann geht er doch zu einem Fachanwalt für Ausländerrecht. Irgendwie ist ihm nämlich alles zu viel Aufwand (die Sorte kenne ich selbst nur zu gut...)

Der Anwalt hört sich alles an.

„Es geht also um ein Schengen-Visum für Ihre Partnerin?“

„Ja.“

„Dann müssen wir zunächst klären, wie der Reisezweck dargestellt wird, wie die Finanzierung nachgewiesen werden kann und welche Unterlagen die Rückkehrbereitschaft Ihrer Partnerin belegen.“

Enrico lehnt sich zurück.

„Das weiß ich.“

Der Anwalt blinzelt.

„Ach so.“

„Ich hab mich informiert.“

„Sehr gut.“

„Die Botschaft macht da immer denselben Quatsch.“

„Welchen Quatsch genau?“

„Na, diesen ganzen Papierkram.“

Der Anwalt bleibt ruhig.

„Eine Verpflichtungserklärung kann erforderlich sein. Dann wird unter anderem Ihre finanzielle Leistungsfähigkeit geprüft.“

Enrico runzelt die Stirn.

„Meine was?“

„Ihre finanzielle Leistungsfähigkeit.“

„Die wissen doch, dass ich Geld habe.“

„Dann dürfte der Nachweis ja kein Problem sein.“

„Ich muss denen meinen Gehaltsnachweis geben?“

„Je nach Fall sind entsprechende Nachweise über Einkommen und finanzielle Mittel erforderlich.“

Enrico schaut ihn an.

„Also jetzt mal langsam.“

Der Anwalt wartet.

„Ich will meine Freundin nach Deutschland holen.“

„Sie möchten, dass sie Deutschland für einen Kurzaufenthalt besucht.“

„Ja.“

„Dann müssen die Voraussetzungen für das Schengen-Visum erfüllt und nachgewiesen werden.“

„Und dafür soll ich beweisen, was ich verdiene?“

„Unter anderem.“

„Warum?“

„Weil die Finanzierung des Aufenthalts geklärt sein muss.“

„Ich kann die doch bezahlen.“

„Genau dafür gibt es die Verpflichtungserklärung.“

„Ja, aber warum muss ich das beweisen?“

Der Anwalt schaut ihn kurz an.

„Weil Sie es zugesagt haben.“

Enrico nickt.

„Aha.“

Dann kommt der Moment.

„Wir sind doch hier nicht in der DDR.“

Der Anwalt schaut irritiert.

Enrico legt nach:

„Sind Sie von der Stasi?“

Stille.

Der Anwalt legt seinen Kugelschreiber hin.

„Herr Enrico.“

„Ja?“

„Ich bin Rechtsanwalt.“

„Na und?“

„Und kein Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit.“

„War doch nur eine Frage.“

„Nein, das war keine besonders sinnvolle Frage.“

„Man wird ja wohl noch fragen dürfen.“

Der Anwalt schaut ihn an.

Das ist vermutlich der erste Moment in seiner beruflichen Laufbahn, in dem er sich fragt, ob eine Visumberatung eigentlich als Extremsport anerkannt werden kann.

Er versucht es noch einmal.

„Zusätzlich brauchen wir eine gültige Reisekrankenversicherung. Und wir müssen uns mit der Frage beschäftigen, ob nachvollziehbar ist, dass Ihre Partnerin nach dem Besuch wieder nach Thailand zurückkehrt.“

Enrico: „Natürlich kommt die zurück.“

„Das muss entsprechend plausibel gemacht werden.“

„Warum?“

„Weil genau das im Visumverfahren geprüft wird.“

„Die arbeitet doch.“

„Dann sollten entsprechende Nachweise vorgelegt werden.“

„Die arbeitet in einer Bar.“

Der Anwalt macht eine kleine Pause.

„Dann wird man prüfen müssen, welche Bindungen an Thailand tatsächlich nachweisbar sind.“

Enrico: „Das ist doch alles Quatsch.“

„Nein. Das ist das Verfahren.“

„Das ist deutsche Bürokratie.“

„Das ist europäisches Visarecht.“

Enrico nickt.

„Sehen Sie. Genau das meine ich.“

Der Anwalt schaut kurz aus dem Fenster.

Pim sitzt daneben und versteht ungefähr die Hälfte.

„Enrico. Why lawyer ask many paper?“

„Germany.“

„Why Germany ask?“

„Because they don't trust.“

„Trust who?“

„You.“

Pim schaut den Anwalt an.

Dann Enrico.

„Why he no trust me?“

Enrico:

„Because Germany.“

Pim nickt.

Das scheint ihr zu reichen.

Dann fragt sie: „How much money lawyer?“

Enrico:

„Too much.“

„Visa come?“

„Don't know.“

„Money come back?“

„No.“

Pim denkt kurz nach: „Then lawyer very clever.“

Der Anwalt hebt eine Augenbraue.

Enrico tut so, als hätte er es nicht gehört.

Dann kommt die Rechnung.

Der Anwalt möchte sein Honorar.

Nicht nur, wenn das Visum erteilt wird.

Sondern für die Beratung.

Enrico ist fassungslos.

„Aber Sie wissen doch gar nicht, ob das Visum klappt.“

„Das ist richtig.“

„Und dafür soll ich bezahlen?“

„Ja.“

„Auch wenn die Botschaft ablehnt?“

„Ja.“

„Das ist doch kein Erfolg.“

„Nein.“

„Dann bezahle ich für Misserfolg?“

„Nein. Sie bezahlen für meine Tätigkeit.“

Enrico lehnt sich zurück.

„Das ist doch unglaublich.“

„Warum?“

„Weil Sie keine Garantie geben.“

„Ein Rechtsanwalt kann Ihnen keine Garantie für die Entscheidung einer Behörde geben.“

Enrico: „Na wunderbar.“

„Ich kann Ihnen sagen, wie die Rechtslage ist, welche Unterlagen erforderlich sind und welche rechtlichen Möglichkeiten bestehen.“

„Das weiß ich selber.“

Der Anwalt schaut ihn an.

„Dann verstehe ich nicht ganz, warum Sie hier sind.“

Enrico: „Weil ich dachte, Sie wissen vielleicht was.“

„Das war auch mein Eindruck.“

Enrico zieht die Sache jetzt selbst durch.

Er kennt schließlich die Vorschriften.

Er hat sie gelesen.

Zumindest die Überschrift.

Dann kommt die Botschaft.

Dort sitzt ein Mitarbeiter und fragt nach Unterlagen.

Enrico erklärt ihm zunächst, wie das Verfahren funktioniert.

Der Mitarbeiter hört zu.

„Wir benötigen diese Unterlagen.“

Enrico: „Nein.“

„Doch.“

„Ich habe mich informiert.“

„Das mag sein.“

„Im Internet steht das anders.“

„Das kann sein.“

„Dann machen Sie es falsch.“

Der Mitarbeiter schaut ihn an.

„Wir bearbeiten diese Anträge beruflich.“

Enrico: „Ich auch.“

„Was genau?“

„Ich hab Erfahrung.“

Der Mitarbeiter schweigt.

Für einen kurzen Moment ist selbst die Bürokratie sprachlos.

Pim sitzt daneben.

„Enrico.“

„Ja?“

„Why man angry?“

„Der versteht das nicht.“

„What he not understand?“

„Das Visum.“

Pim schaut Enrico an.

„You understand?“

„Natürlich.“

„Then why no visa?“

Stille.

Enrico schaut zur Decke.

Der Himmel bleibt unbeteiligt.

Irgendwann kommt der Bescheid.

Das Visum wird nicht erteilt.

Enrico liest ihn.

Noch einmal.

Dann: „Die sind doch alle bescheuert.“

Pim: „No visa?“

„Nein.“

„Why?“

„Deutschland.“

„Germany bad?“

„Ja.“

„But you want me Germany.“

„Ja.“

Pim denkt nach.

„Germany bad but you want me there?“

Enrico: „Das ist kompliziert.“

Pim nickt.

„Europe very complicated.“

Damit hat sie die Angelegenheit erstaunlich gut zusammengefasst.

Enrico beschließt, nie wieder einen Anwalt zu nehmen.

„Die haben doch keine Ahnung.“

Auch die Botschaft hat keine Ahnung.

Die Ausländerbehörde hat keine Ahnung.

Die Visaabteilung hat keine Ahnung.

Eigentlich hat niemand Ahnung.

Nur Enrico.

Das Problem ist lediglich: Es funktioniert trotzdem nicht.

Einige Wochen später sitzt Enrico wieder in Pattaya.

Chang auf dem Tisch.

Pim daneben.

Das Visum noch immer nicht da.

Enrico erklärt einem anderen Deutschen:

„Ich sag dir, die in Deutschland machen alles falsch.“

„Was hast du denn gemacht?“

„Alles selbst.“

„Und?“

„Hat nicht geklappt.“

„Warum?“

Enrico nimmt einen Schluck Chang.

„Deutschland.“

Pim nickt.

Sie versteht zwar nicht genau, was Deutschland damit zu tun hat.

Aber solange Deutschland irgendwann eine Menge Geld bedeutet, findet sie Deutschland grundsätzlich hervorragend.

Und das Erzgebirge würde sie sich zur Not auch ansehen.

Wenn dort irgendwo eine Bar ist.

In der freien Wildbahn Pattayas ist Enrico kein Einzelfall.

Diese Tiere brauchen grundsätzlich keinen Fachmann.

Außer wenn etwas schiefgeht.

Dann brauchen sie sehr schnell einen.

Der aber bitte nichts kosten darf.

Und eine Erfolgsgarantie sollte er natürlich trotzdem geben.

Enrico hat seine eigene Rechtsabteilung.

Sie besteht aus Google, Facebook, einem YouTube-Video von 2018 und Rolf aus dem Forum.

Das einzige Problem ist, dass diese vier gelegentlich unterschiedliche Rechtsauffassungen vertreten.

Aber daran soll Deutschland schuld sein.

Natürlich.

Fortsetzung folgt.

Wenn Enrico das nächste Mal seinen eigenen Pass verlängert.

______________________________________________

Kleiner Exkurs: Der Rückkehrwille​


Und bevor jetzt die Enricos dieser Welt völlig zu Unrecht geschlossen in den Sack gesteckt werden, noch ein kleiner persönlicher Exkurs.

Ich habe mit einer Visa-Abteilung selbst schon ausgesprochen interessante Erfahrungen sammeln dürfen. Und deshalb muss ich an dieser Stelle fairerweise sagen: Es liegt nicht immer am Enrico.

Manchmal liegt es auch daran, dass die Realität bei der Visa-Abteilung nur unter Vorbehalt Zutritt erhält.

Nehmen wir den berühmten Rückkehrwillen.

Ein bemerkenswertes Wort.

Der Antragsteller soll glaubhaft machen, dass er zurückkehren will.

Das Problem dabei ist nur: Ein Wille ist zunächst einmal ein Wille.

Man kann ihn äußern.

Man kann ihn erklären.

Man kann ihn beteuern.

Man kann sogar sehr überzeugend dabei aussehen.

Aber beweisen?

Schwierig.

Ich kann schließlich auch zum Schalter gehen und sagen:

„Ich habe den festen Willen, in drei Wochen wieder auszureisen.“

Daraufhin müsste eigentlich jemand prüfen, ob ich wirklich den festen Willen habe.

Wie genau man einen Willen allerdings amtlich vermisst, ist mir bis heute nicht vollständig klar.

Vielleicht gibt es dafür inzwischen ein Formular.

Rückkehrwille, Anlage B, dreifach.

Juristisch betrachtet ist die Sache allerdings etwas weniger mystisch, als sie im Behördenalltag gelegentlich wirkt.

Maßgeblich ist nicht, ob ein Antragsteller seine innere Gefühlslage in einer Weise offenbart, die selbst einem mittelalterlichen Beichtvater imponieren würde. Entscheidend ist vielmehr, ob aus den konkreten Umständen eine hinreichend belastbare Prognose für die fristgerechte Rückkehr abgeleitet werden kann.

Das klingt nüchtern, ist aber in der Praxis durchaus anspruchsvoll. Denn eine Prognose bleibt eine Prognose.

Sie ist keine Zeitmaschine, kein Orakel und schon gar kein amtlich beglaubigter Blick in die Zukunft. Die Behörde muss den Einzelfall würdigen, darf sich also nicht in bloßen Allgemeinplätzen erschöpfen; zugleich muss ihre Entscheidung nachvollziehbar, sachgerecht und rechtlich überprüfbar bleiben.

Mit anderen Worten: Der Rückkehrwille darf nicht einfach behauptet, aber auch nicht nach Belieben wegfantasiert werden.

Und genau deshalb kann ich die Frustration mancher Enricos durchaus ein Stück weit verstehen.

Wenn ein Mensch das Gefühl bekommt, dass am Ende nicht seine tatsächliche Situation betrachtet wird, sondern ein ziemlich pauschales Raster darübergelegt wird, ist es nachvollziehbar, dass irgendwann der Satz fällt:

„Die haben doch alle keine Ahnung.“

Das ist dann zwar nicht unbedingt die juristisch hilfreichste Reaktion.

Aber menschlich verständlich.

Rechtlich kommt es eben nicht nur darauf an, ob eine Entscheidung ärgerlich ist, sondern auch darauf, ob sie auf einer tragfähigen Tatsachengrundlage beruht, die einschlägigen gesetzlichen Maßstäbe korrekt angewendet wurden und die Begründung erkennen lässt, dass der konkrete Antrag tatsächlich geprüft worden ist.

Das ist weniger spektakulär als ein empörter Auftritt am Schalter, aber erfahrungsgemäß deutlich erfolgversprechender.

Und genau deshalb gibt es Fachanwälte für Ausländerrecht.

Die beschäftigen sich beruflich damit, diese wunderbare Schnittstelle zwischen Mensch, Gesetz, Behörde und Realität zu überleben.

Manchmal ist es deshalb tatsächlich klüger, einem guten Fachanwalt zu vertrauen, statt nach drei YouTube-Videos selbst zum internationalen Visaexperten zu werden.

Wobei auch hier eine gewisse Vorsicht angebracht ist.

Denn wie in jedem Beruf gibt es Menschen, die wirklich ihren Job machen.

Und Menschen, die vor allem sehr genau wissen, was sie dafür berechnen können.

Beides existiert.

Auch Anwälte sind schließlich nur Menschen.

Enrico übrigens auch.

Allerdings sollte man bei der Auswahl eines Rechtsbeistands nicht ausschließlich darauf achten, ob jemand besonders entschlossen „Das kriegen wir schon hin!“ sagen kann.

Entscheidend sind vielmehr Fachkenntnis, eine realistische Einschätzung der Erfolgsaussichten, eine saubere Prüfung der Unterlagen und eine transparente Kommunikation über Kosten, Risiken und mögliche Rechtsbehelfe. Ein seriöser Anwalt verkauft keine Gewissheit, wo das Recht nur Wahrscheinlichkeiten zulässt.

Das ist vielleicht weniger beruhigend als ein vollmundiges Versprechen.

Dafür ist es meistens ehrlicher.

Und wenn man ehrlich ist, hat er bei einer Sache sogar recht:

Ein Visumverfahren kann verdammt frustrierend sein.

Nur ist die Lösung vermutlich nicht, dass Enrico selbst das Ausländerrecht neu schreibt.

Das hat Deutschland bereits erledigt.

Und genau deshalb ist es ja so kompliziert.
 

Klimbim

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24 November 2024
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Teil 10: Pattaya-Naturkunde – Rüdiger, der gemeine Waschbär​


Eine wahre Geschichte. Nur die Satire ist erfunden.

Heute geht es um Rüdiger.

Rüdiger ist ein besonders interessantes Exemplar des gemeinen Waschbären.

Nicht wegen der schwarzen Augenmaske, obwohl die Sonnenbrille bei ihm durchaus diesen Eindruck erweckt.

Rüdiger ist 61, kommt aus Bottrop und hat 35 Jahre auf dem Bau gearbeitet. Sein Körper sieht entsprechend aus. Breite Schultern, kräftige Arme und ein Bauch, der irgendwann beschlossen hat, nicht mehr zurückzutreten.

Dazu ein grauer Schnauzer, kurze Haare, Goldkette, kurze Hose, Sandalen und weiße Tennissocken.

Die Kombination trägt Rüdiger nicht ironisch.

Er hält sie für praktisch.

An der Hand trägt er eine Uhr, die ungefähr so groß ist wie ein mittelgroßer Werkzeugkasten. Um den Bauch eine schwarze Bauchtasche. Darin befinden sich Pass, Bargeld, Zigaretten, Feuerzeug, zwei alte Quittungen und ein Schraubenzieher.

„Kannze immer gebrauchen.“

Wofür, weiß er selbst nicht.

Aber Rüdiger hat 35 Jahre auf dem Bau gearbeitet. Der Mann wird schon wissen, warum er einen Schraubenzieher mit sich herumträgt.

Er spricht mit dieser wunderbaren Ruhrpott-Direktheit, bei der komplizierte Sachverhalte meistens nach spätestens zwei Sätzen erledigt sind.

Wenn jemand sagt:

„Das ist etwas differenzierter zu betrachten“,

sagt Rüdiger:

„Entweder is dat Scheiße oder nich.“

Damit ist für ihn die Sache geklärt.

2025 kam er nach Pattaya.

61 Jahre, 50.000 Euro Ersparnisse und einen festen Plan im Kopf.

Den Plan hatte er aus YouTube.

„Pattaya macht dich mit 1.000 Euro im Monat zum König. Nein, sogar zum Kaiser.“

Rüdiger fand das überzeugend.

Er hatte gerechnet.

Miete, Essen, Bier, bisschen rumfahren, bisschen Meer, bisschen Liebe.

„Da kannze doch gar nich pleitegehen.“

Das war 2025.

Inzwischen ist von den 50.000 Euro deutlich weniger übrig.

Rüdiger spricht darüber nicht besonders gerne.

Wenn das Thema aufkommt, sagt er meistens:

„Ja, mein Gott. Ich hab ja auch gelebt.“

Das stimmt.

Er hat gelebt.

Offenbar ziemlich konsequent.

Nun hat er beschlossen, sparsamer zu werden.

Heute ist der erste Tag seines neuen Lebens.

Um zehn Uhr morgens sagt er:

„So. Ab heute mach ich keinen Quatsch mehr.“

Um elf sitzt er auf dem Balkon und schaut auf Pattaya.

Um halb eins schreibt er Klaus:

„Heute Abend keine Bar.“

Klaus antwortet:

„Alles klar.“

Um 16:30 Uhr ruft Rüdiger zum Kriegsrat.

Natürlich nicht in einer Bar.

„Wir treffen uns im Café. Da kannze vernünftig reden.“

Klaus kommt.

Uwe kommt.

Ralf kommt.

Jeder hat inzwischen eine militärische Funktion.

Klaus ist der Generalstabschef für Aufklärung. Er kennt jede Bar zwischen Naklua und Jomtien und behauptet, das sei berufliche Recherche.

Uwe ist Oberst für Logistik und Nachschub. Er kümmert sich um Bargeld, Getränke, Zigaretten und darum, dass unterwegs niemand verhungert.

Ralf ist Kommandeur der psychologischen Kriegsführung.

Seine besondere Begabung besteht darin, einen Satz zu sagen, der harmlos klingt und regelmäßig sämtliche Vorsätze zerstört.

Rüdiger selbst ist natürlich der Oberbefehlshaber der Operation „Heute nicht“.

Er legt einen Zettel auf den Tisch.

Darauf steht:

OPERATION HEUTE NICHT

Klaus sieht sich das an.

„Wat is der Feind?“

Rüdiger:

„Die Bar.“

„Welche?“

„Ja, die Bar.“

Klaus lehnt sich zurück.

„Das wird schwierig.“

Rüdiger schaut ihn an.

„Wieso?“

„Weil et mehrere gibt.“

Rüdiger wird kurz still.

Uwe bestellt einen Kaffee.

„Wir könnten auch einfach nach Hause.“

Alle schauen ihn an.

Das ist ein guter Vorschlag.

Leider ist Ralf anwesend.

„Wir könnten vorher noch einen trinken.“

Rüdiger sieht ihn an.

„Du bist für psychologische Kriegsführung zuständig.“

„Ja.“

„Dann halt dich ma zurück.“

„Mach ich.“

Fünf Minuten später stehen sie vor einer Bar.

Keiner weiß genau, wie es dazu gekommen ist.

Rüdiger schaut auf das Schild.

„Dat war nich der Plan.“

Klaus:

„Nein.“

Uwe:

„Aber wir sind pünktlich.“

Rüdiger seufzt.

„Nur einen.“

Das ist der Moment, in dem der gemeine Waschbär seine natürliche Umgebung betritt.

Und dann kommt Nok.

Nok ist 19 und kommt aus dem Isaan.

Sie hat große Augen, lange Haare und eine sehr klare Vorstellung davon, wie ihr Leben irgendwann aussehen könnte.

In ihrer Fantasie gibt es einen starken, reichen Mann aus dem Westen. Nicht unbedingt mit Umhang. Aber fast.

Er kommt ins Dorf, steigt aus einem großen Auto und sagt:

„Keine Sorge. Jetzt bin ich da.“

Dann ist plötzlich alles möglich.

Das Dach wird repariert.

Mama bekommt eine neue Waschmaschine.

Papa bekommt einen Fernseher, auf dem endlich auch Fußball läuft.

Der kleine Bruder bekommt ein neues Handy und hört für ungefähr zwei Tage auf, die große Schwester zu nerven.

Und irgendwo sitzt Oma im Schatten und erzählt den Nachbarinnen, dass ihre Enkelin wirklich ein gutes Mädchen ist.

Nok stellt sich das alles ziemlich genau vor.

Der Supermann hat in ihrem Kopf natürlich Geld.

Er ist großzügig.

Er ist stark.

Er ist treu.

Und er sagt nicht ständig:

„Das kann ich mir gerade nicht leisten.“

Rüdiger kennt diese Vorstellung nicht.

Er hält sich trotzdem für den Mann.

Nok setzt sich neben ihn.

„Rüdiiiger.“

Rüdiger schaut sie an.

Klaus schaut Rüdiger an.

Ralf schaut Klaus an.

Uwe schaut auf die Rechnung.

Nok lächelt.

„You come Isaan?“

Rüdiger:

„Ja, irgendwann. Wat meinze denn?“

Sie zeigt ihm ein Foto vom Haus ihrer Familie.

Rüdiger schaut auf das Dach.

„Da muss ma wat machen.“

Klaus legt den Stift weg.

„Oh.“

Uwe fragt:

„Was?“

Klaus:

„Nix. Ich erkenne nur den Beginn einer neuen Operation.“

Nok erzählt weiter.

Das Dach.

Die Familie.

Der Wasserhahn.

Der kleine Bruder.

Rüdiger hört aufmerksam zu.

Er nickt.

„Ja.“

Dann:

„Kriegen wa hin.“

Klaus sieht ihn an.

„Wer ist wir?“

Rüdiger antwortet nicht.

Nok lächelt.

Das reicht.

Eine halbe Stunde später bestellt Rüdiger noch einen Drink.

Für Nok natürlich auch.

„Dat is jetz einmalig“, sagt er.

Klaus schreibt in seinen Block:

19:02 Uhr.

Finanzielle Front durchbrochen.

Ralf schaut über seine Schulter.

„Kannst du das nicht freundlicher formulieren?“

Klaus:

„Nein.“

Rüdiger bekommt sein Handy.

Eine Nachricht von der Bank.

Er schaut drauf.

Steckt es wieder weg.

Uwe:

„Wat is?“

„Nix.“

„Kontostand?“

„Hab ich nich geguckt.“

Alle wissen, dass er gelogen hat.

Rüdiger sieht wieder zu Nok.

Sie lächelt.

Und da ist der Krieg eigentlich schon vorbei.

Nicht mit Kanonendonner.

Nicht mit einer dramatischen Kapitulation.

Sondern mit einem kleinen Lächeln und dem Satz:

„Rüdiiiger, you good man.“

Rüdiger lehnt sich zurück.

„Ja.“

Klaus packt seine Unterlagen zusammen.

„Dann können wir eigentlich nach Hause.“

Rüdiger:

„Wieso?“

„Weil wir verloren haben.“

Rüdiger muss lachen.

„Ach komm, hör auf.“

Klaus steht auf.

„Du hast heute Morgen noch gesagt, du gibst keinen Baht aus.“

Rüdiger schaut auf den Tisch.

Dann auf Nok.

Dann auf die Rechnung.

„Ja.“

Kurze Pause.

„Aber da wusst ich ja noch nich, dat die kommt.“

Das ist Rüdigers Problem.

Er plant immer für den Tag.

Nur der Tag hält sich nicht an den Plan.

Und so endet auch die Operation „Heute nicht“ wie fast alle militärischen Unternehmungen des gemeinen Waschbären:

mit einer Rechnung, die höher ist als vorgesehen, einem angeschlagenen Budget und der festen Überzeugung, dass es morgen wirklich anders wird.

Am nächsten Morgen sitzt Rüdiger wieder auf dem Balkon.

Kaffee.

Sonne.

Pattaya.

Er öffnet YouTube.

Wieder ein Video:

„Mit 1.000 Euro luxuriös durch Pattaya.“

Rüdiger schaut es sich an.

„Der Mann hat Ahnung.“

Dann schreibt er Klaus:

„Kriegsrat heute 17 Uhr.“

Klaus:

„Schon wieder?“

Rüdiger:

„Diesma wegen Nok.“

Klaus antwortet:

„Dann bringe ich den Generalstab mit.“

Rüdiger steckt das Handy ein.

Schaut hinaus.

„Heute geh ich wirklich nich in die Bar.“

Der gemeine Waschbär schaut kurz zur Straße.

Dann wieder aufs Handy.

Nok hat geschrieben.

„Rüdiiiger “

Rüdiger seufzt.

„Scheiße.“

Und steht auf.
 

Klimbim

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24 November 2024
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Pattaya-Naturkunde – Teil 11: Der gemeine Immigration Officer​


Eine (fast) wahre Geschichte, die ich im Pool 2024 vernahm und mich beim Zuhören dabei am Kirschwasser verschluckte. Bernd wird sich erinnern...

Und doch: es ist und bleibt Satire...


Der gemeine Immigration Officer lebt in Thailand.

Man erkennt ihn daran, dass er immer dann erscheint, wenn ein deutscher Pattaya-Veteran überzeugt ist, endlich alle Unterlagen beisammenzuhaben.

Der Veteran sitzt morgens um 8:12 Uhr bei Immigration.

Pass.

Kopien.

Passfotos.

Formulare.

Kopien der Formulare.

Kopien der Passseite mit dem Stempel, den derselbe Officer vor drei Monaten selbst hineingestempelt hat.

Er hat wirklich alles dabei.

Sogar eine Mappe für Unterlagen, von denen er nicht weiß, ob sie gebraucht werden.

Er ist vorbereitet.

Dann kommt der Officer.

Nimmt den Pass.

Blättert.

Schaut auf die erste Seite.

Dann auf die zweite.

Dann auf den Veteranen.

„Copy?“

Der Veteran zeigt auf einen Stapel.

„Hier.“

Der Officer nimmt eine Kopie.

Schaut darauf.

„No.“

„Warum?“

„Wrong copy.“

„Was ist falsch?“

Der Officer zeigt auf eine andere Kopie.

„This one.“

Der Veteran schaut darauf.

Dann auf die andere.

Dann wieder auf den Officer.

„Die sind identisch.“

Der Officer nickt.

„No.“

Damit ist die Sache geklärt.

Nach zehn Jahren Thailand weiß der Veteran inzwischen, dass „Okay“ bei Immigration kein Ausdruck von Zustimmung ist.

Es bedeutet eher:

Ich habe verstanden, dass wir beide wissen, dass ich keine Chance habe.

Dann:

„Photo.“

„Ich habe Fotos.“

„New photo.“

„Warum?“

„Because.“

Das ist bei Immigration ungefähr die juristische Langfassung von:

Weil ich das jetzt gerne so hätte.

Der Veteran geht zum Fotografen.

Kommt zurück.

„Too small.“

Er holt größere.

„Too big.“

Der Veteran schaut den Officer an.

„Noch größer?“

„No.“

„Kleiner?“

„Yes.“

„Wie klein?“

Der Officer zeigt mit zwei Fingern ungefähr auf einen Punkt.

Der Veteran geht wieder zum Fotografen.

Man könnte darüber lachen.

Man kann aber auch einfach noch ein Foto machen.

Das ist thailändische Konfliktbewältigung.

Dann kommt der Kontoauszug.

„Bank statement.“

Der Veteran reicht ihn.

„Old.“

„Von gestern.“

„Old.“

„Gestern!“

„Need today.“

Der Veteran schaut auf die Uhr.

9:17 Uhr.

Die Bank hat seit 47 Minuten geöffnet.

„Go bank.“

„Und dann?“

„Come back.“

Der Veteran geht.

Kommt zurück.

Frischer Auszug.

Der Officer schaut ihn an.

„Stamp.“

„Die Bank stempelt das nicht.“

„Need stamp.“

„Aber die Bank macht das nicht.“

Der Officer nickt.

„Need stamp.“

Der Veteran sieht ihn an.

„Das haben wir gerade schon besprochen.“

„Yes.“

„Und?“

„Need stamp.“

Man kann ein Gespräch auch beenden, ohne einen Schlusssatz zu finden.

Dann Versicherung.

Dann TM30.

Dann Unterschrift.

Dann noch eine Unterschrift.

Der Veteran fragt irgendwann:

„Brauchen Sie auch eine Kopie von mir?“

Der Officer schaut ihn an.

„What?“

„Nichts.“

Das ist der Moment, in dem man als Ausländer aufhört, eigene Ideen einzubringen.

Dann kommt:

„Tomorrow come.“

Der Veteran schaut auf die Uhr.

11:43 Uhr.

„Warum?“

„New officer.“

„Und?“

„He check.“

„Was checkt er?“

Der Officer überlegt kurz.

„Everything.“

Der Veteran setzt sich wieder hin.

In diesem Moment erscheint der Visa-Agent.

Sehr ordentliches Hemd.

Sehr ruhige Stimme.

Ein Mann, der aussieht, als würde er selbst beim Überreichen einer Rechnung noch Mitgefühl ausstrahlen.

„Herr Müller.“

„Ja?“

„Soll ich mir das einmal anschauen?“

Der Veteran schiebt ihm die Unterlagen hin.

„Ich weiß nicht einmal mehr, was jetzt fehlt.“

Der Agent blättert.

„Ah.“

„Was?“

Er zeigt auf ein Blatt.

„Das.“

„Was ist damit?“

„Es fehlt.“

Der Veteran schaut auf das Blatt.

„Das liegt doch da.“

„Ja.“

„Dann fehlt es doch nicht.“

Der Agent lächelt.

„Es fehlt in der Akte.“

Der Veteran schaut zum Officer.

Der Officer schaut auf seinen Computer.

„Exactly.“

Der Veteran lehnt sich zurück.

„Ich glaube, ich verstehe langsam.“

„Das dauert ein bisschen“, sagt der Agent.

„Was kostet es?“

Der Agent nennt einen Betrag.

Der Veteran schluckt.

„Für ein Blatt?“

„Für die Lösung.“

Der Veteran schaut zum Officer.

Der blättert bereits im nächsten Pass.

„Okay.“

Zwanzig Minuten später ist alles erledigt.

Der Veteran bekommt seinen Pass zurück.

„Das ging aber schnell.“

Der Agent lächelt.

„Wir kennen das System.“

Der Veteran schaut ihn an.

„Ich glaube, ich kenne das System inzwischen auch.“

„Sehr gut.“

„Und wenn ich nächstes Mal wieder selbst komme?“

„Natürlich.“

„Und wenn wieder etwas fehlt?“

„Dann komme ich wieder.“

Der Veteran nickt.

„Das dachte ich mir.“

Das Interessante an Immigration ist nämlich nicht, dass Unterlagen fehlen.

Das Interessante ist, dass Unterlagen auch dann fehlen können, wenn sie vorhanden sind.

Ein Dokument kann da sein und gleichzeitig fehlen.

Eine Unterschrift kann korrekt sein und trotzdem falsch.

Ein Kontoauszug kann von gestern sein und damit zu alt.

Und eine Kopie kann exakt dieselbe Kopie sein und trotzdem nicht die richtige Kopie.

Das muss man erst einmal akzeptieren.

Danach wird vieles leichter.

Der Veteran kommt beim nächsten Termin wieder.

Der Officer nimmt den Pass.

Schaut hinein.

„Copy?“

Der Veteran reicht ihm die Kopie.

„No.“

Der Veteran schaut zum Agenten.

Der hebt leicht die Augenbrauen.

„Ich würde warten.“

„Worauf?“

„Auf die nächste Frage.“

Der Officer schaut auf den Pass.

„Photo?“

Der Veteran seufzt.

Der Agent lächelt.

„Immerhin wissen wir diesmal schon, wo der Fotograf ist.“

Der Veteran muss lachen.

„Wie viel?“

Der Agent schaut ihn an.

„Für das Foto?“

„Nein.“

Pause.

„Für mein Leben.“

Der Agent denkt kurz nach.

„Das wäre etwas teurer.“

Selbst der Officer muss kurz lächeln.

Nur ganz kurz.

Dann stempelt er.

Vielleicht war das sogar Absicht.

Man weiß es nicht.

Und jetzt kommt meine persönliche Bemerkung dazu.

Wenn ich mir das Ganze so anschaue, frage ich mich manchmal, warum man sich seinen Ruhestand eigentlich freiwillig als jährliche Verwaltungsprüfung gestalten sollte.

Man kann natürlich den klassischen Weg nehmen.

Man zieht nach Thailand, richtet sich ein, eröffnet irgendwann ein Konto, sammelt Unterlagen und beginnt anschließend jedes Jahr aufs Neue das beliebte Spiel:

„Welche Kopie möchte der freundliche Herr heute?“

Das hat durchaus seinen Reiz.

Es ist ein bisschen wie Angeln.

Man weiß nie genau, was man fängt.

Nur dass man statt eines Fisches am Ende einen neuen Kontoauszug nach Hause trägt.

Es gibt allerdings auch eine andere Möglichkeit, die man sich zumindest einmal anschauen kann.

Die Sache wird bereits in Deutschland erledigt.

Man beantragt dort das passende Visum für einen längeren Aufenthalt im Ruhestand, reicht seine Unterlagen ein und weist die verlangten finanziellen Mittel nach.

Und genau das ist der kleine Unterschied, den ich persönlich ziemlich interessant finde:

Für den finanziellen Nachweis kann grundsätzlich ein entsprechendes Konto in Deutschland herangezogen werden.

Man muss also nicht erst in Thailand ankommen und anschließend versuchen, die finanzielle Grundlage über ein thailändisches Bankkonto aufzubauen.

Dann steigt man irgendwann in Deutschland ins Flugzeug.

Kommt in Bangkok an.

Geht durch die Einreise.

Der Beamte schaut in den Pass.

Stempelt.

Und damit ist der entsprechende Aufenthalt zunächst einmal erteilt.

Das Ganze hat einen gewissen Nachteil.

Man verpasst möglicherweise einige der schönsten Momente des thailändischen Verwaltungswesens.

Man erlebt nicht, wie eine Kopie von gestern heute plötzlich zu alt ist.

Man muss nicht zur Bank fahren, weil ein Stempel fehlt, den die Bank grundsätzlich nicht verwendet.

Man bekommt nicht gesagt, dass morgen ein anderer Officer alles noch einmal überprüft.

Und man muss auch nicht herausfinden, warum ein Dokument, das auf dem Tisch liegt, offiziell nicht existiert.

Kurz gesagt:

Man kommt an.

Man bekommt seinen Stempel.

Man nimmt seinen Koffer.

Und geht.

Das ist natürlich weniger spannend.

Aber vielleicht ist genau das der Sinn eines Ruhestands.

Ich persönlich finde jedenfalls die Vorstellung ganz sympathisch, einen längeren Aufenthalt in Thailand bereits in Deutschland ordentlich vorzubereiten und dann bei der Einreise einfach seinen Stempel zu bekommen.

Ohne vorher mit einem Menschen diskutieren zu müssen, der seit sieben Minuten schweigend auf eine Kopie schaut.

Andere sehen das anders.

Das ist völlig in Ordnung.

Manche Menschen mögen Kreuzfahrten.

Manche fahren gerne Achterbahn.

Und manche sitzen freiwillig bei Immigration und warten darauf, dass ein Beamter mit völlig ernstem Gesicht fragt:

„Copy?“

Der Veteran jedenfalls sitzt inzwischen wieder zu Hause.

Er hat seinen Pass.

Er hat seinen Stempel.

Er hat eine Rechnung vom Visa-Agenten.

Und er hat einen neuen Ordner gekauft.

Auf dem steht:

IMMIGRATION

Darunter hat er handschriftlich geschrieben:

NICHT ÖFFNEN.

Eine Woche später ruft der Agent an.

„Herr Müller?“

„Ja.“

„Nur zur Erinnerung. Ihr nächster Termin.“

Stille.

„Wann?“

„In drei Monaten.“

Der Veteran atmet auf.

„Dann habe ich ja Zeit.“

„Ja.“

Pause.

„Bis dahin fällt Ihnen bestimmt noch etwas ein.“

Der Veteran legt auf.

Schaut auf den Ordner.

Dann auf seinen Pass.

Dann auf das Telefon.

„Scheiße.“

Und irgendwo bei Immigration nimmt gerade ein Officer den nächsten Pass in die Hand.

Blättert.

Schaut hoch.

„Copy?“

Der Mann vor ihm nickt.

„Natürlich.“

Er hat inzwischen gelernt.

Die Frage ist nicht mehr, ob er eine Kopie hat.

Die Frage ist nur noch:

Welche?
 

Klimbim

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Pattaya-Naturkunde – Sondermeldung: Der Club der totalen Versager​


Da ich im nächsten Frühjahr wieder in Pattaya aufschlagen werde, wird es voraussichtlich eine kleine zoologische Erweiterung meiner bisherigen Naturkunde geben.

Ich plane einen Stammtisch.

Der Name steht bereits fest: Club der totalen Versager.

Warum?

Weil wir uns vermutlich alle irgendwann im Leben gefragt haben, was wir eigentlich machen.

Manche haben darauf eine Antwort gefunden.

Andere sind nach Pattaya gegangen.

Und genau für Letztere ist dieser Stammtisch gedacht.

Wobei „Versager“ selbstverständlich nicht ganz ernst gemeint ist.

Es handelt sich eher um eine freundliche Sammelbezeichnung für Menschen, die irgendwann festgestellt haben, dass das Leben auch ohne perfekt ausgefüllten Lebenslauf ganz gut funktionieren kann.

Der eine war Unternehmer.

Der andere Handwerker.

Einer kommt aus der IT.

Einer aus der Gastronomie.

Einer aus dem öffentlichen Dienst.

Einer hat wahrscheinlich irgendetwas studiert, worüber er heute nicht mehr sprechen möchte.

Und einer weiß immer, wie man etwas repariert, obwohl niemand weiß, woher er das weiß.

Genau darum soll es gehen.

Nicht um einen weiteren Tisch, an dem sechs Männer drei Stunden lang erklären, warum Deutschland untergeht.

Davon gibt es bereits genügend.

Es soll um Geschichten gehen.

Um Erfahrungen.

Um Informationen, die man tatsächlich gebrauchen kann.

Um Dinge, die man nach fünf Jahren Thailand gerne gewusst hätte, bevor man den ersten Fehler gemacht hat.

Also ungefähr drei Minuten vor dem ersten Fehler.

Wer sich mit Behörden auskennt, kann vielleicht jemandem helfen.

Wer eine Firma gegründet hat, kennt vielleicht einen Trick.

Wer schon einmal eine Wohnung gekauft, gemietet oder wieder verlassen hat, besitzt möglicherweise Erkenntnisse, die anderen viel Geld und noch mehr Nerven ersparen.

Wer eine Versicherung gefunden hat, die tatsächlich etwas taugt, wird vermutlich innerhalb von fünf Minuten von zwölf Menschen umringt.

Und wer weiß, wo man in Pattaya vernünftig frühstücken kann, sollte seine Information besser nicht geheim halten.

Wir wollen außerdem bewusst international bleiben.

Bisher haben sich Menschen aus Frankreich, Israel, der Türkei, Deutschland, der Schweiz, den Vereinigten Staaten, Kanada, den Philippinen und natürlich auch Thailand angekündigt.

Damit wäre zumindest geografisch schon einmal sichergestellt, dass wir uns nicht alle über dieselbe Regierung beschweren.

Wir müssen also improvisieren.

Das macht die Sache interessanter.

Auch sprachlich wird es vermutlich recht unterhaltsam.

Eine verbindliche Sprachregelung gibt es nicht.

Jeder spricht so, wie ihm der Schnabel gewachsen ist.

Deutsch.

Englisch.

Französisch.

Türkisch.

Hebräisch.

Thai.

Schweizerisch, soweit man das ohne Übersetzer erkennt.

Und zur Not mit Händen und Füßen.

Das hat in Thailand schließlich eine gewisse Tradition.

Wichtig ist eigentlich nur, dass man sich versteht.

Oder zumindest gemeinsam darüber lachen kann, dass man sich nicht verstanden hat.

Was ich mir allerdings wünsche, ist eine gewisse Grundvoraussetzung:

Man darf bei uns gerne völlig unterschiedliche Ansichten haben.

Man darf sich widersprechen.

Man darf über Politik diskutieren.

Man darf über Deutschland schimpfen.

Man darf Thailand kritisieren.

Man darf die Welt für kompliziert halten.

Man darf sogar anderer Meinung sein als ich.

Das gehört dazu.

Nur sollte man dabei nicht irgendwann anfangen, andere Menschen grundsätzlich nach Herkunft, Hautfarbe, Religion oder irgendeinem anderen Merkmal für weniger wert zu halten.

Dafür gibt es genügend andere Stammtische.

Unser Tisch soll lieber einer sein, an dem Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammensitzen und nach zwei Stunden feststellen:

„Eigentlich sind wir alle ziemlich bekloppt.“

Das wäre zumindest ein internationaler Konsens.

Und vermutlich der erste, auf den sich Frankreich, Israel, die Türkei, Deutschland, die Schweiz, Amerika, Kanada, die Philippinen und Thailand ohne längere Verhandlungen einigen können.

Der Club der totalen Versager soll also kein Verein sein.

Keine Partei.

Keine Sekte.

Keine Selbsthilfegruppe.

Und schon gar kein Ort, an dem jemand nach fünf Minuten aufsteht und erklärt, dass er die Wahrheit gepachtet hat.

Davon bekommt man in Pattaya bereits an jeder zweiten Bar ausreichend Anschauungsmaterial.

Es soll einfach ein Tisch sein.

Menschen.

Bier, Kaffee oder was auch immer.

Geschichten.

Erfahrungen.

Ein bisschen gegenseitige Hilfe.

Ein bisschen internationaler Austausch.

Und möglichst viel Gelächter.

Ich werde den genauen Termin und den Ort bekannt geben, sobald ich im nächsten Frühjahr wieder in Pattaya bin und selbst herausgefunden habe, wo ich eigentlich wohne.

Bis dahin geht die Pattaya-Naturkunde natürlich weiter.

Es gibt schließlich noch genügend Arten zu beobachten.

Den Immigration Officer.

Den Pattaya-Veteranen.

Den Condo-Makler.

Den Auswanderer, der seit neun Jahren „nächsten Monat endgültig zurück nach Deutschland“ fliegt.

Den YouTuber, der jeden Morgen das billigste Frühstück der Stadt findet.

Und natürlich den Mann, der seit 2008 erklärt, dass der Baht jetzt aber wirklich zusammenbricht.

Material ist also vorhanden.

Der Club der totalen Versager kommt.

International.

Mehrsprachig.

Vermutlich leicht chaotisch.

Und hoffentlich so sympathisch, dass niemand merkt, wie schlecht wir eigentlich organisiert sind.

Wobei das natürlich auch wieder ein Qualitätsmerkmal wäre.

Schließlich heißt der Laden nicht:

Club der hervorragend organisierten Menschen mit langfristiger Lebensplanung.

Das wäre ja langweilig.

Wir heißen:

Club der totalen Versager.

Und wir meinen das ausgesprochen liebevoll.
 

Klimbim

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Pattaya-Naturkunde – Teil 12: Der gemeine Pattaya-Condo-Geier​


Der gemeine Pattaya-Condo-Geier heißt Ethan.

Ethan ist jung, gepflegt, trägt das Haar mit genau der Menge Gel, die man braucht, um auch bei 34 Grad noch auszusehen, als käme man gerade aus einer Londoner Business School.

Er spricht perfektes Englisch.

Londoner Akzent.

Sein Ziel ist klar: großes Geschäft, große Projekte, große Rendite.

Und dann trifft er Urs.

Urs ist Schweizer.

Seit Jahren in Pattaya.

Konservativ, höflich, freundlich.

Vor allem aber möchte Urs eines:

seine Ruhe.

Das ist leider genau die falsche Eigenschaft für ein Gespräch mit Ethan.

Urs sagt niemals einfach Nein.

Er sagt:

„Das müsste ich mir vielleicht einmal in Ruhe überlegen.“

Ethan hört:

Interessiert.

„Ich bin jetzt eigentlich nicht unbedingt auf der Suche nach etwas Neuem.“

Ethan hört:

Er sucht etwas Neues.

„Ich möchte mich da nicht vorschnell festlegen.“

Ethan:

„Exactly. No pressure.“

Urs lächelt höflich.

Man sieht ihm an, dass er eigentlich gehen möchte.

Er bleibt trotzdem stehen.

Schweizer Höflichkeit ist eine erstaunliche Sache.

Man kann damit einen Krieg verhindern.

Oder versehentlich ein Condo kaufen.

Ethan zeigt ihm eine Wohnung.

„One bedroom. Sea view.“

Urs schaut hinaus.

Zwischen zwei Hochhäusern ist ein schmaler Streifen Meer zu erkennen.

„Das ist jetzt vielleicht nicht unbedingt eine klassische Meersicht.“

„Exactly. Framed sea view.“

Urs nickt.

Natürlich.

Er möchte Ethan nicht widersprechen.

„Sehr schön.“

Ethan hat ihn.

„You like it.“

„Ja, also … schön ist es schon.“

„Perfect.“

„Ich brauche eigentlich keine zweite Wohnung.“

„That’s exactly why you should buy it.“

Urs schaut ihn an.

„Warum?“

„If you needed a second apartment, you would be solving a problem. You don't have a problem. So you're buying an option.“

Urs denkt darüber nach.

Er merkt, dass daran irgendetwas nicht stimmt.

Leider fällt ihm keine höfliche Formulierung ein, mit der er es sagen könnte.

„Das kann man sicher so sehen.“

Ethan lächelt.

„Exactly.“

Urs hätte jetzt gern Nein gesagt.

Aber Nein klingt so endgültig.

Also sagt er: „Im Moment wäre das für mich vielleicht nicht unbedingt notwendig.“

„So it’s timing.“

„Nein, eigentlich …“

Urs stoppt.

Das war gefährlich.

„… grundsätzlich müsste man das anschauen.“

Ethan nickt.

„Absolutely.“

Am nächsten Tag bekommt Urs die Unterlagen.

Er antwortet: „Vielen Dank. Ich werde das in Ruhe prüfen.“

Ethan liest: Deal pending.

Urs versucht noch einmal, sich zu retten.

„Ich wüsste eigentlich gar nicht, was ich mit der Wohnung machen sollte.“

„Rent it.“

„Ich möchte nicht vermieten.“

„Then keep it private.“

„Aber dann steht sie leer.“

„No wear and tear.“

Urs schweigt.

Das ist tatsächlich ein Argument.

Leider.

„Und wenn ich sie gar nicht brauche?“

Ethan lächelt.

„Then you have flexibility.“

„Welche Flexibilität?“

„The flexibility not to use it.“

Urs sieht ihn an.

Für einen Moment ist in seinem Gesicht etwas, das fast nach Verzweiflung aussieht.

Aber nur fast.

Er ist Schweizer.

„Ja … das ist natürlich auch eine Sichtweise.“

Und genau in diesem Moment tut einem Urs wirklich leid.

Denn Urs will nichts.

Keine Rendite.

Keine Flexibilität.

Keine Meerblick-Option.

Keine zweite Wohnung.

Er möchte eigentlich nur zurück in sein Condo, die Tür schließen und vielleicht einen Kaffee trinken.

Aber dafür müsste er Ethan sagen: Nein.

Und Urs ist ein höflicher Mensch.

Er kann das nicht.

Also fragt er: „Was wäre denn der Preis?“

Ethan nennt ihn.

Urs wird blass.

„Das ist jetzt schon ziemlich viel.“

„You’re not buying square meters.“

„Was kaufe ich dann?“

„Location.“

Urs schaut aus dem Fenster.

Der schmale Streifen Meer liegt immer noch zwischen den Gebäuden.

„Ja.“

Er sagt es leise.

„Natürlich.“

Am Ende unterschreibt Urs.

Nicht, weil Ethan ihn überzeugt hätte.

Sondern weil Urs irgendwann feststellt, dass das Condo zwar viel Geld kostet, aber weitere vierzehn Gespräche mit Ethan noch mehr.

Nerven sind schliesslich unbezahlbar.

Eine Woche später sitzt Urs in seiner neuen Wohnung.

Er hat jetzt zwei Condos.

Er benutzt eines.

Das andere steht leer.

Genau wie vorhergesagt.

Ethan ruft an.

„Urs, I have another unit.“

Urs schließt für einen Moment die Augen.

Er könnte jetzt sagen: „Nein.“

Ein einziges Wort.

Ein schönes Wort.

Ein befreiendes Wort.

Er sagt: „Also …“

Pause.

„Man soll ja nie grundsätzlich etwas ausschließen.“

Ethan lächelt.

„Exactly.“

Und irgendwo in Pattaya wird gerade ein weiteres Condo verkauft.

An einen Mann, der eigentlich nur seine Ruhe wollte.

Man muss ihn einfach gernhaben.

Er war von Anfang an dagegen.

Nur gesagt hat er es nie.
 

thaiguy

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Klimbim.... welchen der 47 Schweizerdialekte willste denn nun? Schweizerdeutsch ist ein Tarnbegriff fuer dieses Babylon (wir reden hier nicht von einem Club).
 

Hohenstein

Erfahrener Biertrinker
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Pratumnak
Wann kommt die Abrechnung über Klingelbim himself ? Der Weltverbesserer war ja ne Weile in Pattaya und nach meiner Sicht der Dinge auch ganz schön verpeilt , das hab ich ihm auch so gesagt 😉 beim viel zu süßen Kaffee 🤣
 

Klimbim

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Wann kommt die Abrechnung über Klingelbim himself ? Der Weltverbesserer war ja ne Weile in Pattaya und nach meiner Sicht der Dinge auch ganz schön verpeilt , das hab ich ihm auch so gesagt 😉 beim viel zu süßen Kaffee 🤣

Die Selbstsatire gibt’s übrigens längst. Zum Beispiel die Sache mit der Versicherung. Steht alles da. Man müsste es halt lesen. 😉

Und das mit dem Kaffee ist Monate her. Ich hatte dir damals sogar hervorragenden türkischen Kaffee angeboten. Wenn du lieber wässriges Gebräu trinkst, kann ich dafür nun wirklich nichts.

Aber schön, dass ich dir trotzdem so nachhaltig im Gedächtnis geblieben bin. Für einen einzigen Kaffee ist das schon erstaunlich viel Aufmerksamkeit. Fast schon schmeichelhaft.
 
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Klimbim

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Klimbim.... welchen der 47 Schweizerdialekte willste denn nun?

47 Dialekte? Dann nehme ich einfach den, bei dem man beim Zuhören noch erkennt, ob gerade ein Schweizer spricht oder ein Hamster um Hilfe ruft.

Ich stelle mir immer eine Art zufriedenes Nagetier vor, wenn ich das höre...
 
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Klimbim

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Pattaya-Naturkunde – Teil 13

Zwei sehr unterschiedliche Arten, Thailand zu entdecken

Hinweis: Bei dieser Geschichte handelt es sich um eine frei erfundene Fabel und zugleich um Satire.

Die Tiere, ihre Eigenschaften, Gespräche und Lebensgewohnheiten sind vollständig der Fantasie des Autors entsprungen.

Ähnlichkeiten mit lebenden Personen, tatsächlichen Forenmitgliedern oder sonstigen Menschen sind selbstverständlich rein zufällig.

Wer sich trotzdem wiedererkennt, sollte vielleicht zunächst den Hamster fragen.

In den wärmeren Regionen Südostasiens haben sich neben dem gemeinen Pattaya-Rentner noch weitere bemerkenswerte Lebensformen entwickelt.

Eine davon ist der Dachs.

Der Dachs ist meistens männlich, irgendwo zwischen Mitte vierzig und Anfang sechzig, trägt gern eine etwas zu enge Funktionsjacke, obwohl es 31 Grad hat, und besitzt eine Sonnenbrille, die hauptsächlich dazu dient, nicht zu erkennen zu geben, dass er gerade zuhört.

Sein Haar ist kurz.

Sehr kurz.

Nicht unbedingt aus modischen Gründen.

Eher aus weltanschaulichen.

Er bevorzugt Schuhe, die aussehen, als könnten sie zur Not auch einen Bürgersteig in einer kleinen Stadt in der Provinz reparieren, irgendwo in einer dünn besiedelten Gegend, wo sich Fuchs und Hase im Grunde Gute Nacht sagen.

Auf dem Kopf sitzt gern eine Kappe.

Nicht irgendeine.

Eine mit Botschaft.

Manchmal steht etwas darauf.

Manchmal ist einfach nur die Flagge drauf.

Manchmal beides.

Der Dachs selbst behauptet, er sei völlig unpolitisch.

Das ist ein wichtiger Bestandteil seines politischen Profils.

Er spricht nicht gern über Politik.

Er spricht lieber darüber, was alles nicht mehr geht.

Das sei schließlich keine Politik.

Das sei Realität.

Der Dachs lebt in Thailand.

Das ist wichtig.

Denn sonst wäre er kein Dachs.

Er verbringt erstaunlich viel Zeit damit, über Deutschland zu berichten.

Was dort gerade passiert.

Was dort früher passiert ist.

Was dort seiner Meinung nach bald passieren wird.

Und was dort auf keinen Fall mehr passieren darf.

Er besitzt dazu eine bemerkenswerte Informationsausstattung:

Facebook.

YouTube.

Eine WhatsApp-Gruppe.

Und einen Bekannten, der „direkt an der Quelle“ sitzt.

Wo diese Quelle genau liegt, weiß niemand.

Aber sie scheint zuverlässig zu sprudeln.

Der Dachs ist außerdem überzeugt davon, dass er sich seine Meinung selbst bildet.

Das tut er auch.

Er nimmt dafür meistens dieselbe Meinung wie gestern und bildet sie jeden Morgen neu.

Das spart Zeit.

Neben dem Dachs lebt eine zweite Art.

Nennen wir sie den Kranich.

Der Kranich sieht äußerlich zunächst weniger eindeutig aus.

Er könnte aus Hamburg kommen.

Aus Zürich.

Aus Amsterdam.

Oder aus einem Ort, von dem der Dachs noch nie gehört hat.

Er trägt meistens Kleidung, die keine politische Botschaft enthält.

Das macht ihn schon verdächtig.

Er spricht Deutsch.

Englisch.

Oft noch eine weitere Sprache.

Wenn er etwas nicht versteht, fragt er.

Das ist beim Dachs nicht besonders beliebt.

Denn der Kranich besitzt eine gefährliche Eigenschaft:

Er kann sagen:

„Keine Ahnung.“

Und anschließend trotzdem entspannt weiteressen.

Der Dachs kann das nicht.

Wenn er etwas nicht weiß, erklärt er zunächst, warum es nicht stimmen kann.

Der Kranich reist nach Thailand, weil er Thailand interessant findet.

Menschen.

Essen.

Sprache.

Geschichte.

Religion.

Alltag.

Unterschiede.

Er sieht etwas und denkt:

„Interessant.“

Der Dachs sieht dasselbe und denkt:

„In Deutschland wäre das anders.“

„Warum?“

„Weil es bei uns eben so ist.“

Der Kranich nickt.

„Aha.“

„Was?“

„Nichts.“

Eine Garküche.

Der Kranich: „Das sieht gut aus.“

Der Dachs: „Na ja.“

„Was?“

„Hygiene.“

„Hast du gesehen, wie sie es zubereitet?“

„Nein.“

„Dann weißt du es doch gar nicht.“

„Man sieht es.“

„Was?“

„Den Stand.“

„Der ist sauber.“

„Heute.“

„Du hast ihn gerade zum ersten Mal gesehen.“

„Eben.“

Der Kranich probiert das Essen.

„Sehr gut.“

Der Dachs wartet.

„Und?“

„Sehr gut.“

„Warte ab.“

„Worauf?“

„Morgen.“

Der Kranich isst weiter.

„Was passiert morgen?“

„Irgendwas.“

Der Dachs kann aus nahezu jeder Alltagssituation eine große Erkenntnis gewinnen.

Der Bus kommt pünktlich.

„Zufall.“

Der Bus kommt zu spät.

„Typisch.“

Der Bus kommt überhaupt nicht.

„Genau.“

„Was genau?“

„Das System.“

Der Kranich:

„Welches?“

„Na, das.“

„Du hast gerade drei verschiedene Situationen mit demselben Ergebnis bewertet.“

„Ich habe Erfahrung.“

Das ist ein Satz, der beim Dachs häufig auftaucht.

Er ersetzt Zahlen.

Er ersetzt Quellen.

Er ersetzt manchmal sogar Erinnerungen.

„Ich habe Erfahrung.“

Der Kranich hat ebenfalls Erfahrung.

Nur benutzt er sie anders.

Er war in Laos.

In Vietnam.

In Japan.

In Malaysia.

Er spricht etwas Thai.

Ein bisschen Mandarin.

Sehr gutes Englisch.

Und er kann sich auf Französisch zumindest so verständigen, dass ein Taxifahrer versteht, wohin er möchte.

Der Dachs findet das interessant.

„Warum lernst du so viele Sprachen?“

„Weil ich gern mit Leuten rede.“

„Deutsch reicht doch.“

„Für was?“

„Für alles.“

Der Kranich überlegt.

„Du hast gerade mit dem Kellner Englisch gesprochen.“

„Ja.“

„Warum?“

„Der kann kein Deutsch.“

„Aha.“

Pause.

„Dann braucht er wohl noch Deutsch.“

Manchmal reden sie über Menschen, die anders leben.

Der Dachs sagt:

„Ich habe nichts gegen die.“

„Natürlich nicht.“

„Überhaupt nichts.“

„Gut.“

„Solange sie sich anpassen.“

„Woran?“

„An unsere Art.“

„Welche?“

Der Dachs wird kurz still.

„Na, unsere.“

„Was ist die?“

„Das weiß man doch.“

„Ich frage nur.“

„Das kann man nicht alles erklären.“

„Warum nicht?“

„Weil man es eben kennt.“

Der Kranich nickt.

„Dann ist es wahrscheinlich schwierig, es jemandem zu erklären, der es nicht kennt.“

Der Dachs schaut ihn an.

„Genau.“

„Was genau?“

„Dass du das nicht verstehst.“

Der Dachs ist überhaupt ein großer Freund von Klarheit.

Allerdings hauptsächlich bei den Antworten anderer Leute.

Bei seinen eigenen wird es gern etwas grundsätzlicher.

„Was genau stört dich?“

„Alles.“

„Alles?“

„Na ja.“

„Was denn?“

„Die Entwicklung.“

„Welche?“

„Die allgemeine.“

„Und was wäre besser?“

„Früher.“

„Wann?“

„Früher.“

„Was war da besser?“

„Alles.“

„Auch die Mieten?“

„Da waren die Menschen wenigstens noch normal.“

„Das ist keine Antwort.“

„Doch.“

„Worauf?“

„Auf deine Frage.“

Der Kranich schaut kurz ins Leere.

„Das ist beeindruckend.“

„Was?“

„Wie wenig man sagen kann und trotzdem so lange im Gespräch bleibt.“

Der Kranich hat allerdings noch etwas festgestellt.

Der Dachs mag Gedanken am liebsten in einer Größe, die bequem durch den Eingang seines Baus passt.

Ein Gedanke darf ruhig kompliziert sein.

Aber bitte nicht zu lang.

Sobald ein Satz mehrere Kurven macht, wird der Dachs unruhig.

Hat ein Gedanke einen Nebensatz, fragt er gern:

„Kannst du das nicht einfach sagen?“

Hat er zwei, wird es schon gefährlich.

Bei drei besteht akute Überforderungsgefahr.

Der Kranich versucht gelegentlich, etwas genauer zu erklären.

Nicht weil er unbedingt recht haben möchte.

Sondern weil manche Dinge eben nicht in einen Satz passen.

Der Dachs hört eine Weile zu.

Dann kommt zuverlässig:

„Mach's kurz.“

Der Kranich:

„Warum?“

„Damit man weiß, worum es geht.“

„Aber genau darum geht es doch.“

„Ja, aber einfacher.“

Der Kranich denkt kurz nach.

„Du möchtest also, dass die Welt so kompliziert bleibt, wie sie ist, aber bitte in kurzen Sätzen?“

Der Dachs schaut ihn an.

„Genau.“

Der Kranich nickt.

„Das ist zumindest konsequent.“

Seitdem versucht er, seine Gedanken in möglichst kleine Portionen zu schneiden.

Der Dachs ist zufrieden.

Die Welt ist wieder übersichtlich.

Und falls ein Gedanke dabei unterwegs verloren geht, war er vermutlich ohnehin nicht wichtig.

Und dann passiert das Unvermeidliche.

Der Kranich schreibt eine kleine Satire.

Nicht über einzelne Personen.

Einfach über die verschiedenen Arten von Menschen, die sich in Pattaya herumtreiben.

Der Rentner.

Der Schnäppchenjäger.

Der Immobilienkäufer.

Der Barhocker mit Reisepass.

Der Mann, der seit zehn Jahren in Thailand lebt und immer noch „Sawasdee“ nachschauen muss.

Die meisten lachen.

Einige erkennen Freunde wieder.

Manche erkennen sich selbst.

Der Kranich erkennt sich ebenfalls.

„Verdammt“, sagt er.

„Das bin ja ich.“

Und lacht.

Der Dachs lacht ebenfalls.

Zunächst.

Er findet den Abschnitt über den Immobilienkäufer hervorragend.

Auch den mit dem deutschen Fernsehen.

Dann kommt die Passage über Menschen, die nach Thailand gezogen sind und anschließend erstaunlich viel Zeit damit verbringen, darüber zu erklären, warum sie genau hierher gezogen sind.

Der Dachs liest langsamer.

Sehr langsam.

Die innere Landesgrenze wird geschlossen.

Er liest den Absatz noch einmal.

Dann schreibt er:

„Wen meinst du eigentlich damit?“

Der Kranich:

„Niemanden Bestimmten.“

„Aha.“

„Warum?“

„Nur so.“

Dieses „Nur so“ ist in der Naturbeobachtung ungefähr das Äquivalent zu einem Eichhörnchen, das plötzlich anfängt, seine eigenen Nüsse zu zählen.

„Man kann ja nicht alle über einen Kamm scheren.“

„Stimmt.“

„Es gibt auch vernünftige Leute.“

„Natürlich.“

„Und viele, die einfach nur ihre Ruhe wollen.“

„Auch richtig.“

„Und nicht jeder, der sich über Dinge beschwert, ist gleich verbittert.“

„Hab ich nie behauptet.“

„Aber genau so klingt es.“

„Wie?“

„Na ja.“

„Was?“

„So.“

Der Kranich nimmt einen Schluck.

„Das ist jetzt interessant.“

„Was?“

„Ich habe einen Text über einen Typen geschrieben.“

„Und?“

„Du erklärst mir seit fünf Minuten, warum du es nicht bist.“

Stille.

Der Dachs schaut ihn an.

„Das ist doch lächerlich.“

„Ja.“

„Ich habe mich überhaupt nicht angesprochen gefühlt.“

„Natürlich nicht.“

„Gut.“

„Dann ist ja alles bestens.“

„Eben.“

Pause.

„Aber diese Stelle mit den Leuten, die ständig alles schlechtreden, fand ich trotzdem daneben.“

Der Kranich legt das Handy weg.

„Welche Stelle?“

„Die mit Leuten, die bei jeder Gelegenheit dasselbe Thema anfangen.“

„Du hast das Thema doch gerade selbst angefangen.“

„Weil es wirklich so ist.“

„Natürlich.“

„Das ist eine Tatsache.“

„Dann war die Satire ja sehr erfolgreich.“

Der Dachs besitzt noch eine besondere Fähigkeit.

Er kann jede Diskussion über Thailand innerhalb von drei Minuten wieder auf etwas bringen, das er schon seit Jahren erzählt.

„Schöne Aussicht.“

„Früher war das hier anders.“

„Das Essen ist gut.“

„Früher war das besser.“

„Die Leute sind freundlich.“

„Früher waren die Leute noch anders.“

„Der Roller ist praktisch.“

„Früher hat man solche Sachen nicht gebraucht.“

„Das ist ein Tempel.“

„Früher hatten wir auch Kirchen.“

Der Kranich schaut ihn an.

„Du bist erstaunlich oft früher.“

„Ich lebe seit acht Jahren hier.“

„Das meinte ich nicht.“

Besonders schön wird es, wenn beide gemeinsam durch einen Markt gehen.

Der Kranich probiert eine Frucht.

„Was ist das?“

„Keine Ahnung.“

„Schmeckt gut.“

„Du weißt nicht mal, was du isst?“

„Nein.“

Der Dachs ist entsetzt.

„Das würde ich niemals machen.“

Fünf Minuten später kauft er eine Packung deutsche Bratwurst aus dem Kühlregal.

„Was ist da drin?“

„Bratwurst.“

„Ja, aber genau?“

„Keine Ahnung.“

„Na gut.“

Der Kranich lächelt.

„Das ist etwas anderes.“

„Was?“

„Die ist deutsch.“

„Eben.“

Und dann kommt der Moment, an dem der Dachs die Satire endgültig persönlich nimmt.

Er schreibt einen langen Kommentar.

Sehr lang.

Mit historischen Zusammenhängen.

Mit einem Beispiel aus dem Jahr 1997.

Mit einem Satz über seine Jugend.

Mit einem weiteren über „die normale Bevölkerung“.

Und irgendwo mittendrin steht:

„Ich kann ja über mich selbst lachen.“

Das ist der natürliche Ruf des Tieres.

So wie der Kuckuck „Kuckuck“ ruft, ruft der Dachs:

„Ich kann ja über mich selbst lachen.“

Danach folgt ein Kommentar von 816 Wörtern.

Man sollte diesen Vorgang nicht stören.

Er kommt in freier Wildbahn nicht jeden Tag vor.

Der Kranich liest alles.

Dann schreibt er:

„War doch gar nicht gegen dich.“

Stille.

„Das habe ich auch nicht gesagt.“

„Okay.“

„Aber man wird ja wohl noch sagen dürfen …“

Der Kranich wartet.

„Was?“

„Seine Meinung.“

„Natürlich.“

„Dann sind wir uns ja einig.“

„Worüber?“

„Darüber, dass ich meine Meinung sagen darf.“

„Habe ich etwas anderes behauptet?“

„Nein.“

„Gut.“

„Aber man muss ja heutzutage aufpassen.“

„Wobei?“

„Was man sagt.“

„Du hast gerade 816 Wörter geschrieben.“

„Eben.“

Der Kranich lacht.

Nicht über ihn.

Über die Situation.

Das ist ein entscheidender Unterschied.

Der Dachs versteht ihn trotzdem falsch.

„Du findest das lustig?“

„Ja.“

„Mich?“

„Nein.“

„Was dann?“

Der Kranich zeigt auf den Tisch.

„Uns.“

Der Dachs schaut auf sein Bier.

Dann auf die Straße.

Dann wieder auf sein Bier.

„Das ist natürlich auch eine Möglichkeit.“

Und damit wäre die Situation eigentlich gerettet.

Fast.

Denn vier Sekunden später beginnt der Dachs schon wieder.

Diesmal über etwas völlig anderes.

Was genau, weiß der Kranich später nicht mehr.

Es war irgendein Gegenstand.

Ein Preis.

Eine Bedienung.

Eine Speisekarte.

Vielleicht auch nur ein Stuhl, der schief stand.

Aber irgendwo war etwas nicht so, wie es seiner Ansicht nach sein sollte.

Der Dachs hatte dazu eine Meinung.

Natürlich hatte er eine Meinung.

Er hatte schließlich Erfahrung.

Irgendwann wird es dunkel.

Der Dachs steht auf.

Er verabschiedet sich knapp und macht sich auf den Weg.

Nicht besonders zufrieden.

Aber immerhin konsequent.

Am Rand der Straße verschwindet er zwischen ein paar Büschen.

Dort liegt sein Bau.

Tief.

Eng.

Gemütlich.

Von außen sieht man nicht viel.

Der Dachs kriecht hinein.

Drinnen ist es dunkel.

Sehr dunkel.

Man kann sich kaum bewegen.

Aber immerhin ist alles so, wie er es kennt.

Und wenn draußen etwas anders ist, muss man es dort drinnen nicht sehen.

Das ist durchaus praktisch.

Der Kranich bleibt noch einen Moment sitzen.

Dann breitet er die Flügel aus.

Er steigt auf.

Einmal.

Noch einmal.

Und plötzlich ist der ganze Ort unter ihm.

Die Straßen.

Die Lichter.

Die Bars.

Die Mopeds.

Die kleinen Märkte.

Die Menschen.

Und auch der Dachs irgendwo da unten.

Von oben sieht vieles erstaunlich anders aus.

Man erkennt Zusammenhänge, die man unten zwischen zwei Plastikstühlen manchmal übersieht.

Der Kranich kreist noch eine Weile.

Dann denkt er:

„Eigentlich ganz interessant hier.“

Und fliegt weiter.

Nicht weil er alles besser weiß.

Sondern weil es seiner Natur entspricht, sich gelegentlich etwas Abstand zu verschaffen.

Er hat auch keine besondere Lust, in den Dachs-Bau zu kriechen.

Dort ist es dunkel.

Eng.

Und wenn man sich hinlegt, kommt man schlecht wieder heraus.

Außerdem riecht es ein bisschen nach gestern.

Der Kranich bevorzugt die Aussicht.

Der Dachs bevorzugt den Bau.

Beide sind damit zufrieden.

Der eine sieht die Welt von oben.

Der andere erklärt sie von unten.

Und irgendwo unter einem Plastikstuhl beginnt ein kleiner Hamster ganz leicht mit dem Fuß zu wippen.

Nicht aus Wut.

Nicht aus Empörung.

Nur weil er das Gespräch schon einmal gehört hat.

Und weil selbst ein Hamster irgendwann merkt:

Man kann zehntausend Kilometer weit reisen.

Aber manche Tiere schaffen es trotzdem, immer am selben Stammtisch anzukommen.

Der Kranich dreht noch eine Runde über der Stadt.

Dann verschwindet er im Abendhimmel.

Der Dachs bleibt in seinem Bau.

Dort ist es wenigstens ruhig.

Und wenn man die Welt nicht sehen kann, muss man sich auch nicht darüber ärgern, wie sie aussieht.
 

Klimbim

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24 November 2024
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Teil 14: Pattaya-Naturkunde – Der Iltis und die Gläubiger

Eine frei erfundene Fabel.

Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Personen sind rein zufällig. Besonders mit Personen, die beim Wort „Geschäftsidee“ plötzlich sehr still werden.

In Pattaya lebt ein Iltis.

Der Iltis kam nicht wegen der Sonne.

Er kam, weil es in Deutschland irgendwann zu viele Menschen gab, die ihm Geld geliehen hatten.

Seine Geschäftsidee war hervorragend.

Zumindest solange sie nur auf Papier existierte.

„Das wird groß.“

„Was genau?“

„Das erkläre ich später.“

Später kam.

Das Geschäft nicht.

Das Geld war trotzdem weg.

Also ging der Iltis nach Thailand.

Seitdem lebt er vorsichtig.

Wohnung auf fremden Namen.

Motorrad auf fremden Namen.

Telefonnummer gewechselt.

Facebook gelöscht.

Sein eigener Name wird nur noch ausgesprochen, wenn es sich wirklich nicht vermeiden lässt. Flüsternd...

Also ungefähr nie.

Bei Immigration steht eines Tages ein thailändischer Beamter vor ihm.

Der Mann schaut auf seinen Pass.

Der Iltis schaut auf den Beamten.

Der Beamte stempelt.

Der Iltis schwitzt.

Draußen ruft er einen Freund an.

„Die wissen Bescheid.“

„Wer?“

„Immigration.“

„Woher?“

„Der hat mich so angeschaut.“

„Wie schaut man denn, wenn man 40.000 Euro zurückhaben will?“

Der Iltis denkt nach.

„Genau so.“

Auch seine Putzfrau macht ihm Sorgen.

Sie ist freundlich.

Zu freundlich.

„Where you from?“

„Germany.“

„You live alone?“

Der Iltis erstarrt.

„Warum fragt die das?“

„Vielleicht aus Höflichkeit.“

„Niemand fragt aus Höflichkeit, ob jemand allein lebt.“

Am nächsten Tag bringt sie Kaffee.

Der Iltis trinkt ihn nicht.

„Die will wissen, wann ich morgens aufstehe.“

Die Putzfrau nickt höflich.

Sie hat keine Ahnung, warum.

Sie weiß nur inzwischen, dass der Mann vermutlich einen sehr interessanten Kühlschrank besitzt.

Eines Abends geht der Iltis in eine Bar.

Neben ihm sitzt ein junges Bargirl.

Er ist ihr erster deutscher Kunde.

Sie lächelt.

Der Iltis lächelt zurück.

Sie redet mit ihm, fragt ein bisschen herum und sagt irgendwann:

„You take me tonight?“

Der Iltis sagt zunächst ja.

Dann schaut er sie an.

Sie schaut ihn an.

Und plötzlich wird der Iltis sehr ernst.

„Who sent you?“

Das Bargirl blinzelt.

„What?“

„Who sent you?“

„Nobody.“

Der Iltis schaut sich um.

„Germany?“

Sie versteht gar nichts mehr.

Er denkt an einen Gläubiger.

An Geld.

An seine Vergangenheit.

An Filme.

„Maybe not.“

„Why?“

„I go.“

Der Iltis steht auf und verschwindet.

Das Bargirl bleibt sitzen.

Sie hat gerade ihren ersten deutschen Kunden gehabt.

Er wollte sie mitnehmen.

Dann hat er geglaubt, sie sei geschickt worden, um ihn umzubringen.

Sie schaut ihrer Freundin hinterher.

„What is wrong with German man?“

Die Freundin zuckt mit den Schultern.

Das Bargirl denkt nach.

Sehr ernst.

Maybe Germany very dangerous country.

Sie zählt gedanklich auf.

German man have money.

German man have problem.

German man think Thai girl want kill him.

Stille...

Maybe all German like this?

Sie schaut zur Tür.

Der Iltis ist längst weg.

If first German customer already like this…

Sie überlegt.

Maybe German country have many problem.

Dann kommt ihr eine noch schlimmere Erkenntnis: Maybe German man no need girlfriend.

Maybe German man need doctor.

Sie nickt langsam.

„Very difficult country.“

Und damit hat sie nach einem einzigen deutschen Kunden bereits eine kleine soziologische Theorie über Deutschland entwickelt.

Nachts schläft der Iltis schlecht.

Gegen drei Uhr wird er wach.

Fenster.

Straße.

Nichts.

Eine Katze.

Ein Roller.

Ein Mann mit Plastiktüte.

Der Iltis wartet.

Vielleicht kommt noch jemand.

Nichts.

„Die beobachten mich.“

Von wem?

Keine Ahnung.

Aber wahrscheinlich professionell.

In fremden Hotels kontrolliert er zuerst das Zimmer.

Unter dem Bett.

Hinter dem Fernseher.

Rauchmelder.

Steckdosen.

Spiegel.

Einmal untersucht er zehn Minuten lang den Wasserkocher.

„Warum?“

„Kamera.“

„Im Wasserkocher?“

„Man kann nie wissen.“

Er hat noch nie eine gefunden.

Das bestätigt ihn in seiner Vorsicht.

Ein schwarzes Auto fährt langsam an seinem Haus vorbei.

Der Iltis duckt sich.

„Da.“

„Was?“

„Die suchen mich.“

Das Auto gehört einem Pizzadienst.

Der Iltis bestellt dort trotzdem nichts.

Man weiß nie.

Das eigentlich Schöne ist:

Niemand sucht ihn.

Der ehemalige Geschäftspartner hat längst eine neue Firma.

Die Gläubiger haben andere Sorgen.

Der Immigration Officer kennt ihn nicht.

Die Putzfrau will ihren Lohn.

Das Bargirl wollte 1.500 Baht.

Und das schwarze Auto lieferte Pizza.

Nur der Iltis weiß davon nichts.

Er sitzt nachts auf seinem Balkon und wartet auf die internationale Abrechnung.

Dann fährt unten ein Roller vorbei.

Der Fahrer schaut kurz hoch.

Der Iltis duckt sich.

„Er hat mich erkannt.“

Der Roller fährt weiter.

Der Iltis zieht die Vorhänge zu.

Kontrolliert den Türspion.

Schaut unter das Bett.

Prüft den Wasserkocher.

Um 3:17 Uhr steht er wieder am Fenster.

Die Straße ist leer.

Der Iltis nickt zufrieden.

„Gut.“

Dann sieht er die Katze.

Sie sitzt immer noch da.

Der Iltis schaut sie lange an.

„Die ist aber gestern auch schon da gewesen.“

Die Katze schaut zurück.

Der Iltis schließt den Vorhang.

Man kann schließlich nie wissen.

Und irgendwo in Pattaya sitzt inzwischen ein junges Bargirl und überlegt ernsthaft, ob Deutschland wirklich ein ganzes Land voller solcher Leute ist.

Sie hat noch nie in Deutschland gearbeitet.

Aber sie hat jetzt einen Eindruck.

Und der ist ziemlich eindeutig.

Very strange country.
 

Klimbim

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24 November 2024
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Pattaya-Naturkunde – Teil 15: Jürgen und die Muschelwirtschaft

Es gibt Menschen, die kommen nach Pattaya und haben einen Plan.

Dann gibt es Menschen, die kommen mit tausend Plänen.

Letztere sind besonders interessant.

Pattaya nimmt ihnen nämlich nicht die Pläne weg.

Es sorgt lediglich dafür, dass sie irgendwann alle gleichzeitig gelten.

Und dann sitzt plötzlich einer an der Bar, hat kein Geld, drei Goldzähne und eine eigene Währung.

Hier kommt Jürgen.

Jürgen saß in der Bar und grinste.

Eigentlich grinste er immer.

Es war kein freundliches Grinsen.

Es war das Grinsen eines Mannes, der gerade eine Geschäftsidee hatte und noch nicht wusste, wer sie ihm bezahlen würde.

Jürgen war ein Affe.

Das sah man schon an der Körperhaltung.

Er saß leicht nach vorne gebeugt, die Arme locker zwischen den Knien, den Kopf ein wenig schief und die Schultern so, als würde er jederzeit auf einen Baum klettern wollen, falls die Unterhaltung wirtschaftlich ungünstig wurde.

Sein Gesicht war schmal, die Ohren standen etwas ab und sein Mund war für ein menschliches Gesicht erstaunlich breit.

Dazu hatte er sehr große Zähne.

Drei davon glänzten besonders.

Direkt in der Mitte.

Gold.

Auf jedem saß ein kleiner Stein, der im Licht auffällig funkelte.

Jürgen behauptete, es seien Diamanten.

Es waren keine.

Es war Glas.

Aber sehr gutes Glas.

Jürgen nannte das „optisch identisches Premium“.

Man durfte ihn damit nicht aufhalten.

Jürgen war nämlich Unternehmer.

Zumindest sah er sich selbst so.

Er hatte zwar kein Unternehmen, das nennenswert Geld verdiente, aber dafür eine bemerkenswerte Anzahl von Geschäftsideen.

Deutsche Luxussocken in Thailand.

Deutsches Brot auf Bestellung.

Eine App, die das Pattaya-Erlebnis digitalisieren sollte.

Nichts davon war wirklich groß geworden.

Jürgen schon.

Zumindest seine Überzeugung davon.

Seine Konten waren dagegen regelmäßig kleiner als seine Ideen.

Drei davon waren überzogen.

Die Kreditkarte funktionierte hauptsächlich noch als rechteckiger Kunststoffgegenstand.

Und wenn es finanziell wirklich eng wurde, kam manchmal Geld aus Deutschland.

Von der Familie.

Jürgen nannte das nicht Unterstützung.

Er nannte es:

„Private Liquiditätsoptimierung.“

An diesem Abend saßen Dieter und Ralf mit ihm an der Bar.

Dieter war der Dachs.

Den regelmäßigen Lesern dürfte er noch bekannt sein.

Dieter ist derjenige, der die Welt gern möglichst klein hält.

Gedanken sollten kurz sein.

Menschen möglichst eindeutig.

Probleme bitte ohne komplizierte Nebenwirkungen.

Wenn ein Satz mehr als einen Nebensatz enthält, wird Dieter misstrauisch.

Er ist ein ausgesprochen provinzieller Dachs.

Nicht böse.

Nur überzeugt davon, dass die Welt wesentlich übersichtlicher wäre, wenn alle etwas weniger nachdenken würden.

Ralf dagegen ist ein Papagei.

Ralf redet viel.

Meistens wiederholt er Dinge, die andere gerade gesagt haben.

Für Jürgen ist das allerdings ausreichend.

Er hält Ralf deshalb für einen hervorragenden Geschäftspartner.

Jürgen legt die Hände auf den Tisch.

Die drei Goldzähne blitzen.

„Ich hab was Großes.“

Dieter schaut ihn an.

„Wie viel Geld brauchst du?“

„Diesmal geht es nicht ums Geld.“

Dieter lehnt sich zurück.

„Dann wird es wirklich schlimm.“

Jürgen grinst.

„Wäsche.“

„Was ist mit Wäsche?“

„Wir holen sie nachts ab.“

Dieter wartet.

„Warum?“

Jürgen beugt sich vor.

„Diskretion.“

Dieter schaut ihn an.

„Welche Diskretion?“

„Na, stell dir vor, du bist ein deutscher Mann in Pattaya.“

„Bin ich nicht.“

„Hypothetisch.“

„Gut.“

„Du wohnst in einem Condo.“

„Ja.“

„Und du willst nicht, dass tagsüber jemand deine Wäsche abholt.“

Dieter wartet.

„Warum?“

Jürgen lächelt.

„Weil man nie weiß, wer zuschaut.“

Dieter sieht zu Ralf.

Ralf sieht zu Jürgen.

Jürgen nickt bedeutungsvoll.

„Night Laundry Executive Service.“

Dieter:

„Du holst nachts Wäsche ab.“

„Diskret.“

„Mit einem Roller.“

„Unauffällig.“

„Mit einem Sack.“

„Premium-Sack.“

Dieter nickt langsam.

„Aha.“

Er versteht es nicht.

Aber er kennt Jürgen inzwischen gut genug, um zu wissen, dass Verständnis hier ohnehin nichts mehr retten würde.

Das Geschäftsmodell ist eigentlich einfach.

Zwischen zwei und vier Uhr nachts fährt ein Mitarbeiter durch Pattaya.

Kein Klingeln.

Kein Hupen.

Keine Werbung.

Der Kunde kommt mit einem schwarzen Wäschesack aus dem Condo.

Übergabe.

Weiterfahren.

Jürgen nennt das:

„Absolute Laundry Privacy.“

Dieter fragt:

„Und dann?“

„Waschen.“

„Wo?“

„Bei einer Wäscherei.“

„Dann bist du ein Abholservice.“

Jürgen grinst.

„Nein.“

„Was dann?“

„Premium-Laundry-Logistics.“

Dieter sieht ihn an.

„Du fährst nachts mit fremder Wäsche auf einem Roller herum.“

Jürgen zeigt auf ihn.

„Genau.“

„Und dafür zahl ich?“

„Für die Diskretion.“

„Welche?“

Jürgen lächelt.

„Das ist das Geschäftsmodell.“

Dann kommt der eigentliche Clou.

Jürgen zieht einen kleinen Stoffbeutel aus der Tasche.

Er öffnet ihn.

Darin liegen Muscheln.

Dieter schaut hinein.

„Was ist das?“

„Währung.“

Dieter sagt nichts.

Ralf: „Währung ? Alles sauber?"

Jürgen strahlt.

„Genau.“

„Muscheln?“

„Muscheln.“

„Du willst, dass die Leute ihre Wäsche mit Muscheln bezahlen?“

„Nicht direkt.“

Dieter wartet.

„Sie kaufen zuerst Muschel-Credits.“

„Mit Geld?“

„Ja.“

„Und dann?“

„Dann bezahlen sie mit Muschel-Credits.“

Dieter schaut ihn an.

„Warum?“

Jürgen lächelt so breit, dass alle drei Goldzähne gleichzeitig sichtbar werden.

„Weil Muscheln knapp sind.“

Dieter zeigt zum Strand.

„Die liegen da.“

„Noch.“

Jürgen war übrigens schon einmal auf einem anderen Weg unterwegs gewesen.

Bitcoin.

Eine Zeit lang hatte er versucht, damit Geschäfte zu machen.

Bitcoin-Zahlungen.

Bitcoin-Projekte.

Bitcoin-Investments.

Bitcoin hier.

Bitcoin da.

Ein Onkel im Forum hier, der müsste von dieser Idee noch überzeugt werden...anderes Thema. Die Bitcoinsekte lebe hoch...

Aber für unseren Affen? Bitcoin?

Es hatte nur leider nicht ganz so funktioniert, wie Jürgen sich das vorgestellt hatte.

Das konnte natürlich nicht am Konzept liegen.

Das Konzept war schließlich genial.

Also musste etwas anderes her.

Jürgen hatte lange darüber nachgedacht.

Sehr lange.

Dann war ihm eine fundamentale Wahrheit gekommen:

Wenn Fiat-Geld irgendwann untergeht und Bitcoin offenbar noch nicht schnell genug reich macht, braucht man eben etwas, das wirklich knapp ist.

Muscheln.

Jürgen hatte sich das inzwischen fest in den Kopf gesetzt.

Knappheit gegen Knappheit.

Wenn die Währungen zusammenbrechen, wollte er wenigstens einen Sack voll davon besitzen.

Und wenn er vorher noch einen Markt darum bauen konnte, umso besser.

„Wir etablieren eine eigene Währung.“

„Warum?“

„Unabhängigkeit.“

„Von was?“

„Vom Geld.“

Dieter schaut auf den Tisch.

„Aber du nimmst Geld.“

„Am Anfang.“

„Warum?“

„Für die Umstellung.“

„Auf was?“

Jürgen zeigt auf die Muscheln.

„Auf die Zukunft.“

Dieter nimmt einen Schluck Bier.

„Ich glaube, ich bleibe beim Baht.“

Jürgen schüttelt den Kopf.

„Genau diese Einstellung hält euch klein.“

Am nächsten Abend präsentiert Jürgen sein System Nok und Mali.

Die beiden sitzen an der Bar.

Jürgen setzt sich dazu.

Grinst.

Die drei Goldzähne funkeln.

Er legt eine Muschel auf den Tisch.

„Money.“

Nok schaut die Muschel an. Zurerst intensiv, dann zunehmend verwirrt...

Dann Jürgen.

„What?“

„Money.“

Mali nimmt die Muschel.

„This?“

„Yes.“

„Money?“

„Future money.“

Nok schaut zu Mali.

Mali schaut zu Nok.

Es ist dieser kurze Blick zwischen zwei Menschen, die gerade gemeinsam zu dem Ergebnis gekommen sind, dass ein Mann möglicherweise nicht mehr vollständig erreichbar ist.

Jürgen erklärt weiter.

„You can get paid in shells.“

Nok:

„Why?“

„Because shells have value.“

Mali zeigt Richtung Strand.

„Many shells.“

„Exactly.“

„Then why value?“

Jürgen lächelt.

„Because we say so.“

Mali schaut ihn an.

Nok schaut ihn an.

Ralf, der inzwischen ebenfalls am Tisch sitzt, sagt:

„Because we say so.“

Jürgen nickt zufrieden.

„Ralf versteht das Prinzip.“

Dann wird Jürgen noch mutiger.

„Barfine.“

Nok hört auf zu lächeln.

„What?“

Jürgen legt eine größere Muschel auf den Tisch.

„Barfine.“

„No.“

„Yes.“

„Money.“

„Shell.“

„Money.“

„Shell.“

Nok schaut ihn an.

Mali hat inzwischen beide Hände vor dem Mund.

Sie versucht offensichtlich, nicht zu lachen.

Dann kommt die Mamasan herüber.

„What is happening?“

Nok zeigt auf Jürgen.

„He wants pay barfine with shells.“

Die Mamasan schaut auf Jürgen.

Dann auf die Muschel.

Dann wieder auf Jürgen.

„What wrong with you?“

Jürgen grinst.

„Nothing. I’m building an economy.“

Die Mamasan nimmt die Muschel.

Betrachtet sie.

Dreht sie um.

Legt sie zurück.

„No.“

Jürgen:

„Why?“

„Because I want money.“

Jürgen nickt.

„That is the old system.“

Die Mamasan schaut ihn an.

„Yes.“

Kurze Pause.

„And it works.“

Jürgen lässt sich davon nicht beeindrucken.

„For now.“

Die Mamasan nimmt die Muschel noch einmal.

Diesmal legt sie sie ihm direkt in die Hand.

„Go beach.“

Jürgen ist beleidigt.

Nicht persönlich.

Wirtschaftlich.

Er setzt sich wieder zu Dieter.

„Die Leute verstehen Innovation nicht.“

Dieter nickt.

„Das ist wahr.“

Jürgen sieht ihn dankbar an.

„Danke.“

„Ich meinte dich.“

Jürgen denkt kurz darüber nach.

Dann grinst er wieder.

„Auch möglich.“

Drei Tage später hat Jürgen ein Logo.

Eine goldene Muschel.

Darunter steht:

SHELLPAY – THE FUTURE OF LOCAL CURRENCY

Dieter betrachtet es.

„Was ist das?“

„Eine Währung.“

„Wer benutzt die?“

„Bald alle.“

„Warum?“

„Weil wir zuerst anfangen.“

„Und wenn keiner mitmacht?“

Jürgen grinst.

„Dann müssen wir den Markt künstlich verknappen.“

Dieter schaut ihn an.

„Wie? Was geht jetzt ab?"

„Wir sammeln die Muscheln ein.“

„Alle?“

„Alle.“

„Und dann?“

„Dann haben wir die Kontrolle.“

Dieter sieht zum Strand.

„Und wenn andere einfach neue sammeln?“

Jürgen schweigt.

Das ist ein unerwartet schwieriges Problem.

Man sieht es ihm an.

Die drei Goldzähne glänzen trotzdem.

Schließlich sagt er:

„Dann müssen wir schneller sammeln.“

Am Ende des Abends sitzt Jürgen wieder an der Bar.

Dieter trinkt sein Bier.

Ralf wiederholt gelegentlich einzelne Wörter.

Jürgen schreibt auf eine Serviette.

„Was kommt jetzt?“, fragt Dieter.

„Frühstück.“

„Was für Frühstück?“

„Keins.“

Dieter schaut ihn an.

„Wie bitte?“

„Wir verkaufen das Gefühl von Frühstück.“

Dieter schließt die Augen. Sein Blick zeigt echte Verzweiflung...

Ralf sagt:

„Frühstück.“

Jürgen nickt zufrieden.

„Genau.“

Auf Jürgens Konto ist inzwischen wieder ein Betrag im Minus, der deutlich größer ist als sein aktuelles Barvermögen.

Was er übermorgen essen wird, weiß er nicht.

Aber das ist nicht wichtig.

Jürgen hat schließlich einen Plan.

Einen großen.

Sehr großen.

International.

Morgen früh fährt er an den Strand.

Muscheln sammeln.

Für seine neue Währung.

Die Zukunft liegt schließlich bereits herum.

Man muss sie nur einsammeln.

Und wenn alles gut läuft, verkauft er sie anschließend den Leuten zurück.

Für Geld.

Naturkundliche Einordnung

Der Jürgen gehört zur seltenen Unterart des gemeinen Geschäftsideen-Affen (Macacus entrepreneurensis pattayensis).

Sein natürliches Habitat ist die Bar.

Seine bevorzugte Nahrung sind Geschäftsideen.

Sein Feind ist der Kontostand.

Besonders auffällig ist seine Fähigkeit, aus jeder finanziellen Not innerhalb weniger Minuten ein internationales Geschäftsmodell zu entwickeln.

Der Jürgen kann pleite sein.

Er kann sich verrechnet haben.

Er kann morgen nicht wissen, was er essen wird.

Aber er wird niemals ohne Plan sein.

Spätestens beim Frühstück entsteht ein neuer.

Und irgendwo zwischen Soi Buakhao und Jomtien steht dann plötzlich ein Affe am Strand, sammelt Muscheln ein und erklärt einem verdutzten Touristen:

„Das ist keine Muschel.“

„Was dann?“

Jürgen grinst.

Drei Glasdiamanten blitzen.

„Asset.“

Damit ist die nächste Wirtschaftskrise offiziell eröffnet.
 

Klimbim

Kein anderes Hobby?
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24 November 2024
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Und jetzt seid ihr dran:

Welches Pattaya-Tier fehlt uns noch?

Keine Sorge, ihr müsst dafür nicht besonders intelligent sein.

Schreibt einfach das Tier, das euch spontan einfällt.

Und falls euch dabei ein bestimmter Leser einfällt, dürft ihr auch dessen Namen nennen.

Wir wollen die Wissenschaft schließlich nicht unnötig einschränken.

Also: Welches Exemplar soll als Nächstes naturkundlich untersucht werden?

Und bitte denkt daran:

Wer sich beim Lesen dieser Reihe bisher noch nie ein kleines bisschen ertappt gefühlt hat, ist vermutlich nicht besonders gut im Selbstbeobachten.

Drei Vorschläge hätte ich schon:

1. Der Thailand-Experte
War dreimal hier, lebt seit 15 Jahren in Deutschland und weiß trotzdem ganz genau, wie Thailand funktioniert.

2. Der Foren-Guru
Seit 20 Jahren in Pattaya. Hat zu allem eine Meinung, zu nichts eine Quelle und beginnt jeden zweiten Satz mit: „Ich lebe hier, ich weiß das.“

3. Der stille Mitleser
Schreibt nie etwas, liest aber alles. Kennt jeden Streit, jede Bar und jeden Vollidioten im Forum. Natürlich völlig neutral.

Und ja:

Ich weiß ziemlich genau, wer von euch welcher Typ ist.

Also los:

Welches Pattaya-Tier fehlt noch?

Überlegt gut.

Ich brauche schließlich noch Material für die nächste Folge.
 
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Ajax

Luftbildfetischist
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2 Oktober 2018
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Der Adler natürlich, der Pattaya ständig überfliegt und Pattaya wie kein anderer von oben sieht :biggrin: :weg
Und Krokodile soll es hier auch geben - Lebende und manche auch auf Märkten vom Grill...
 
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Klimbim

Kein anderes Hobby?
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Der Adler natürlich, der Pattaya ständig überfliegt und Pattaya wie kein anderer von oben sieht :biggrin: :weg
Und Krokodile soll es hier auch geben - Lebende und manche auch auf Märkten vom Grill...


Pattaya-Naturkunde – Teil 17: Der Adler

Der Adler hat einen entscheidenden Vorteil gegenüber allen anderen Tieren dieser Serie:

Er sieht Pattaya von oben.

Das ist für einen Adler ganz praktisch.

Man sieht mehr Details. Die können sber dummerweise auch Kopfweh verursachen.

Oder für lustige Ablenkung sorgen...

Und genau das scheint bei manchen Menschen durchaus ein Vorteil zu sein.

Er zieht seine erste Runde über die Stadt.

Unten entdeckt er Manfred.

Manfred sitzt vor einem 7/11 und erklärt einem Schweizer, warum Deutschland eigentlich keine Demokratie mehr sei.

„Ich geh seit zwölf Jahren nicht mehr wählen.“

Der Schweizer schaut ihn an.

„Warum?“

„Bringt doch nichts.“

Der Adler kreist weiter.

Interessant.

Der Mensch hält sich für politisch ausgeschlossen und hat dafür persönlich erstaunlich viel getan.

Der Adler versteht das.

Vögel wählen schließlich auch nicht.

Sie fliegen einfach dahin, wo es ihnen gefällt.

Ein paar Straßen weiter sitzt Olaf vor einem Café und schaut auf sein Handy.

„63.412.“

„Was?“

„Bitcoin.“

„Und?“

Olaf schaut ihn ernst an.

„Das kann jetzt alles bedeuten.“

„Was denn?“

„Alles.“

Dann bezahlt Olaf seinen Kaffee bar.

Der Adler zieht eine kleine Kurve.

Ein Tier, das der staatlichen Währung nicht vertraut und trotzdem Münzen benutzt.

Der Adler beschließt, darüber nicht weiter nachzudenken.

Man soll sich schließlich nicht unnötig in fremde Glaubenssysteme und Sektenrituale einmischen.

Am Strand entdeckt er Jürgen. Eine Steigerung, vermutlich "Bitcoinjünger in Endphase" 😋.

Jürgen sitzt auf einer Plastikmatte und sortiert Muscheln.

Daneben steht ein Schild:

SHELLPAY – THE FUTURE OF LOCAL CURRENCY.

Ein Tourist bleibt stehen.

„What is Shellpay?“

Jürgen:

„Money.“

„Can I use it?“

„Not yet.“

„Why?“

„Scarcity.“

Der Tourist schaut auf die Muscheln.

Dann auf Jürgen.

„How much?“

Jürgen nimmt eine besonders schöne Muschel.

„Twenty.“

„Twenty what?“

Jürgen denkt kurz nach.

„Shell.“

Der Adler fliegt weiter.

Erstaunlich.

Der Mensch hat eine Währung erfunden, deren Wert ausschließlich darin besteht, dass er selbst behauptet, sie habe einen.

Der Adler kennt das Prinzip.

Das nennt man bei Vögeln einen besonders selbstbewussten Zweig.

Dann sieht er Rüdiger.

Rüdiger steht vor einer Bar.

In der Hand hält er einen Zettel:

HEUTE NICHT IN DIE BAR.

Er liest ihn.

Schaut zur Bar.

Liest den Zettel noch einmal.

Dann sagt er:

„Das war eigentlich für gestern.“

Er steckt ihn ein und geht hinein.

Der Adler fliegt eine Weile schweigend über ihm.

Sehr konsequent.

Menschen haben offenbar eine erstaunliche Fähigkeit, ihre eigenen Regeln zeitlich so zu verschieben, dass sie niemals im Weg stehen.

Auf einer Bank sitzt @Hohenstein.

Hohenstein ist eigentlich kein komplizierter Mensch.

Das ist sein größter Vorteil.

Und sein größtes Problem.

Er liest gerade einen Beitrag im Forum.

Der Beitrag ist ungefähr 1.800 Wörter lang.

Hohenstein liest die ersten drei Zeilen.

Dann scrollt er nach unten.

Dann wieder nach oben.

Dann schüttelt er den Kopf.

„Viel zu lang.“

Der Adler bleibt stehen.

Das interessiert ihn.

Hohenstein schreibt einen Kommentar:

„Kann man das nicht kürzer sagen?“

Er liest seinen eigenen Satz.

Löscht ihn.

Schreibt:

„Kurz.“

Liest ihn.

Löscht ihn wieder.

Dann schreibt er:

„Ein Satz reicht.“

Jetzt ist Hohenstein zufrieden.

Er ist überzeugt, dass praktisch jedes Problem der Welt dadurch entstanden ist, dass jemand zu viele Wörter benutzt hat.

Politik?

„Kurz sagen.“

Beziehungen?

„Kurz reden.“

Visa?

„Unterlagen abgeben.“

Steuern?

„Bezahlen.“

Thailand?

„Gut.“

Deutschland?

„Schlecht.“

Er beschreibt es für in manchen Kreisen neumodisch ausgedrückt als "Kummerland".

Warum?

Hohenstein denkt kurz nach.

„Zu kompliziert.“

Der Adler kreist über ihm.

Er hat die Welt auf vier Wörter reduziert.

Hohenstein sieht nach oben.

„Auch du könntest dich kürzer fassen.“

Der Adler ist überrascht.

„Ich?“

„Ja.“

„Wie denn?“

Hohenstein zeigt nach oben.

„Flieg.“

Der Adler schweigt und irgendwo lacht eine verwirrte Taube, die das bemerkt...

Kurz ist simpel.

Das ist tatsächlich ein ziemlich gutes Argument.

Hohenstein nickt zufrieden.

„Siehst du.“

Dann schreibt er seinen nächsten Forenbeitrag.

„Alles ganz einfach.“

Vier Wörter.

Der längste Text, den er an diesem Tag verfasst hat.

Der Adler schaut noch einmal hinunter.

Vielleicht hat er recht.

Wenn man alles nur weit genug verkürzt, wird es am Ende sogar für Hohenstein verständlich.

Der Adler fliegt weiter.

Am Pool liegt Dieter, der Dachs.

Dieter liest einen Artikel über Thailand.

Überschrift:

„Thailand verändert sich.“

Dieter klappt das Handy zu.

„Siehst du.“

„Was?“, fragt Klaus.

„Genau das.“

Klaus versteht nichts.

Dieter ist zufrieden.

Endlich wieder eine klare Meinung.

Der Adler beobachtet ihn.

Hohenstein würde sagen, Dieter hätte sich noch kürzer fassen können.

Dieter nimmt einen Schluck.

„Früher war es besser.“

Der Adler nickt langsam.

Natürlich.

Bei Menschen scheint früher ein ziemlich großer Ort zu sein.

Alle wollen zurück.

Niemand weiß genau, wo er liegt.

Dann entdeckt er Klimbim.

Klimbim sitzt an einem Tisch.

Vor ihm liegen eine alte Versicherungspolice, eine neue Versicherungspolice, ein Widerruf, eine Passkopie, eine Kopie des Bankbuches und ein Kugelschreiber.

Der Kugelschreiber ist blau.

Klimbim betrachtet die Unterlagen.

Sehr lange.

Dann sagt er:

„Also.“

Pause.

„Die Versicherung hat inzwischen meine Versicherung gekündigt, damit ich sie neu abschließen kann.“

Er schaut auf das Papier.

„Das ist insofern angenehm, weil ich dann wieder genau dieselbe Versicherung bekommen kann, die ich bereits hatte.“

Pause. Er denkt nach...

„Nur vorher musste ich kündigen.“

Er blättert weiter.

„Und für die Rückzahlung brauche ich eine blaue Unterschrift.“

Ein Luftzug streift Klimbim...

Er fragt sich welche Unterschrift...

„Die ich bereits geleistet habe.“

Noch eine Pause.

„Nur offenbar nicht ausreichend blau.“

Der Adler landet kurz auf einem Geländer.

Klimbim sieht nach oben. Betrachtet kurz den Adler. Nur kurz, damit Hohenstein nicht Anlass sieht einzuschreiten.

Klimbim sagt zum Adler: „Ich finde das alles eigentlich ziemlich nachvollziehbar.“

Der Adler schaut auf die Unterlagen.

Dann auf Klimbim.

Dann wieder auf die Unterlagen.

Er ist gefährlich ruhig.

Klimbim nimmt den blauen Kugelschreiber.

„Ich werde jetzt einfach noch einmal unterschreiben.“

„Blau?“

„Ja.“

„Und dann?“

„Dann warten wir.“

„Worauf?“

Klimbim schaut aus dem Fenster.

„Auf das Geld.“

Pause.

„Oder auf eine weitere Farbe.“

Der Adler fliegt weiter.

Ein bemerkenswert höflicher Mann, aber zu kompliziert.

Der Adler selbst hätte vermutlich längst jemanden gefressen.

Ein paar Straßen weiter entdeckt er Urs, den Schweizer.

Urs steht mit einem Makler vor einem Gebäude.

„Very good investment.“

Urs nickt.

„Ah.“

„Special price.“

„Ah.“

„Only today.“

Urs schaut auf die Wohnung.

„Sehr schön.“

„You like?“

„Ja.“

„Then we make contract.“

Urs nickt.

Der Adler kreist einmal um das Gebäude.

Zehn Minuten später besitzt Urs ein Condo.

Zwanzig Minuten später besitzt er zwei.

Der Adler wartet.

Urs sagt:

„Ich wollte eigentlich nur mal schauen.“

Der Makler lächelt.

„Now you have two.“

Urs:

„Ja.“

Kurze Pause.

„Das ging schnell.“

Der Adler denkt:

Ein sehr neutraler vorsichtiger Vogel, wäre ebenfalls so geworden.

Vor einem Amt steht Enrico. Aus Chemnitz.

Enrico hält einen Ordner unter dem Arm.

„Ich habe alle Unterlagen.“

Die Mitarbeiterin schaut hinein.

„You need proof.“

„Proof of what?“

„Return.“

„I will return.“

„Proof.“

„I just told you.“

„Yes.“

„So?“

„Proof.“

Enrico schaut auf seinen Ordner.

Der Adler kreist darüber.

Menschen verlangen Beweise für Dinge, die erst in der Zukunft passieren.

Er findet das grundsätzlich vernünftig.

Vögel machen es ähnlich.

Wenn ein Nest leer ist, fliegt man trotzdem hin.

Man schaut einfach nach.

An einer Seitenstraße steht der Angsthase.

Er schaut nach links.

Nach rechts.

Dann verschwindet er hinter einem Müllcontainer.

Ein schwarzes Auto fährt vorbei.

Der Angsthase flüstert:

„Die sind da.“

Der Adler schaut nach unten.

Das Auto gehört einem Pizza-Lieferdienst.

Der Fahrer hält an.

„Pizza?“

Der Angsthase duckt sich.

„Nein!“

Der Fahrer fährt weiter.

Der Angsthase wartet.

Dann schaut er nach oben.

Der Adler kreist über ihm.

„Was?“

Der Angsthase zeigt auf den Himmel.

„Jetzt schicken sie schon Adler.“

Der Adler denkt:

Das wird langsam persönlich.

Er zieht eine elegante Kurve.

Der Angsthase folgt ihm mit den Augen.

„Ich wusste es.“

Der Adler beschließt, lieber nicht zu antworten.

Und dann sieht er Thaiguy.

Er sitzt irgendwo vor seinem 7/11. In Bangkok.

Der Adler hat Fernsicht, typisch Adler halt.

Was sieht er bei Thaiguy?

Bier.

Handy.

Er liest den neuesten Beitrag im Forum.

Er schreibt nichts.

Er liest.

Scrollt.

Liest weiter.

Dann schüttelt er den Kopf.

„Unglaublich.“

Der Adler kreist nach einem Flug zur Hauotstadt dann doch über ihm.

Endlich einer, der beobachtet, ohne sofort eine Erklärung dafür zu haben.

Thaiguy scrollt weiter.

Dann kommt ein neuer Beitrag.

Er liest.

Pause.

Dann beginnt er zu tippen.

Der Adler wird aufmerksam.

Ah.

Zu früh gefreut.

Thaiguy ist schließlich der einzige Mensch, der sogar beim stillen Mitlesen den Eindruck erweckt, als würde er innerlich bereits eine Gegendarstellung vorbereiten.

Der Adler steigt höher.

Unter ihm liegt ganz Pattaya.

Manfred diskutiert über Deutschland.

Olaf über Bitcoin.

Jürgen über Muscheln.

Rüdiger über sein neues Leben.

Hohenstein über die Länge eines Beitrags.

Dieter über früher.

Klimbim über eine Versicherung, die offenbar gleichzeitig besteht und nicht besteht.

Urs besitzt inzwischen fünf Wohnungen, obwohl er eigentlich nur schauen wollte.

Enrico versucht verzweifelt, einen zukünftigen Rückkehrwillen in der Gegenwart zu beweisen damit seine Hellokittyglitzerbraut aus der Soi der tanzenden Jungfrauen mit ihm nach Sachsen kommen kann.

Der Angsthase versteckt sich vor einem Pizzalieferanten.

Und Thaiguy schreibt gerade einen Kommentar. Über die Vorteile von Frauen, die nicht widersprechen...

(kann ich ja durchaus manchmal sehr gut verstehen, aber bitte nicht laut weiter sagen...)

Der Adler zieht einen großen Kreis.

Er könnte weiterfliegen.

Nach Norden.

Nach Süden.

Irgendwohin, wo die Menschen weniger kompliziert sind.

Aber er bleibt.

Denn so idiotisch sie auch sind:

Sie sind seine Menschen.

Ein bisschen laut.

Ein bisschen verloren.

Manchmal erstaunlich freundlich.

Und fast immer davon überzeugt, dass sie gerade genau wissen, was sie tun.

Der Adler kennt dieses Gefühl.

Er kennt es vom Fliegen.

Nur nennt man es bei Vögeln Orientierung.

Bei Menschen offenbar Lebenserfahrung.

Er breitet die Flügel aus und gleitet weiter über Pattaya.

Von oben sieht alles erstaunlich friedlich aus.

Dann fällt ihm etwas auf.

Unten rennt jemand.

Der Adler schaut genauer hin.

Der Angsthase.

Hinter ihm ein Pizzalieferant.

Der Adler lächelt innerlich.

Vielleicht ist das hier doch ein ziemlich gutes Revier.

Und ganz unten auf einer Bank sitzt Hohenstein.

Er schaut dem Adler nach.

Dann sagt er:

„Hätte er auch kürzer machen können.“

Der Adler hört es.

Er dreht den Kopf.

Dann fliegt er weiter.

Manche Dinge muss selbst ein Adler nicht kommentieren.
 
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Hohenstein

Erfahrener Biertrinker
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Pratumnak
Ich hätte für die Kurzfassung diesmal auch 5 Sätze zugestanden. Über Politik sollten wir uns hier lieber nicht austauschen 💀 was Kummerland betrifft gebe ich die Hoffnung noch nicht auf obwohl es mir eigentlich egal ist , ich habe da nichts mehr
 

Klimbim

Kein anderes Hobby?
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24 November 2024
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Ich hätte für die Kurzfassung diesmal auch 5 Sätze zugestanden. Über Politik sollten wir uns hier lieber nicht austauschen 💀 was Kummerland betrifft gebe ich die Hoffnung noch nicht auf obwohl es mir eigentlich egal ist , ich habe da nichts mehr


Bitte kürzer.
 
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