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News Der Rentner in Pattaya - eine bissig satirische Abrechnung

Klimbim

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24 November 2024
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Pattaya-Naturkunde – Teil 9​

Enrico und das Weltvisaamt​


Eine satirische Beobachtung. Alle Figuren sind frei erfunden. Sollten sich irgendwo Ähnlichkeiten ergeben, handelt es sich selbstverständlich um einen bedauerlichen Zufall.

In der freien Wildbahn Pattayas gibt es eine besonders robuste Unterart des deutschen Langzeit-Expats: den Selbstjuristen.

Sein Lieblingssatz lautet:

„Ich mach das alles selber. Ist überhaupt kein Problem.“

Komischerweise fällt dieser Satz meistens kurz vor dem Problem.

Der Selbstjurist braucht grundsätzlich keinen Fachmann. Visa? Kein Problem. Immigration? Kein Problem. Aufenthaltsrecht? Auch kein Problem.

Warum? Er hat das Internet. Google.

Einen Bekannten.

Und natürlich Erfahrung.

Das ist wichtig.

Denn Erfahrung ersetzt in Pattaya offenbar Studium, Berufszulassung und ungefähr 25 Jahre Berufspraxis.

Ein besonders schönes Exemplar heißt Enrico.

Mitte sechzig, kurze Hose, Sandalen und ein Hemd, dessen Farbe irgendwo zwischen Ferienanlage und Warnweste liegt.

Die Haare kurz und akkurat nach hinten gekämmt.

Nicht weil es besonders gut aussieht.

Sondern weil es seit 1998 so gemacht wird.

Dazu eine Sonnenbrille, die auch bei Regen auf der Nase bleibt.

Und einen Bauch, der den Raum ungefähr zwei Sekunden vor ihm betritt.

Enrico lebt schon lange in Thailand und kennt sich aus.

Mit allem. Vor allem mit Dingen, von denen er keine Ahnung hat.

„Visa?“

Enrico lacht: „Mach ich selber.“

„Immigration?“

„Mach ich selber.“

„Schengen-Visum?“

Enrico schaut kurz zur Seite.

„Auch kein Problem.“

An dieser Stelle wird es für die Naturwissenschaften interessant.

Enrico hat nämlich die Frau seines Lebens gefunden. Sie ist ganz anders. Natürlich.

Nennen wir sie Pim.

Pim ist Anfang zwanzig und arbeitet gelegentlich in einer Bar. Lange Haare, viel Glitzer und ein Smartphone, das wahrscheinlich mehr kostet als die Einrichtung ihrer Wohnung.

Enrico ist verliebt.

Sehr.

„My wife.“

Pim nennt ihn „Enriiiico“.

Und Enrico hat große Pläne.

Pim soll nach Deutschland.

Nicht nur nach Deutschland.

Ins Erzgebirge.

Er möchte ihr Sachsen zeigen.

„Da ist Natur.“

Pim schaut ihn an.

„Nature?“

„Ja.“

„Many people?“

„Nein.“

Sie überlegt.

„Why go there?“

Enrico lächelt.

„Das ist meine Heimat.“

Pim lächelt zurück.

„Okay, baby.“

Sie weiß nicht, was das Erzgebirge ist.

Aber sie weiß jetzt, dass es in Deutschland liegt.

Damit ist die Reiseplanung im Wesentlichen abgeschlossen.

Enrico beginnt mit dem Visum.

Einen Anwalt braucht er nicht.

„Warum soll ich dafür einen Anwalt bezahlen? Ich weiß doch, wie das geht.“

Er hat schließlich schon einmal ein Visum bekommen.

Das ist ungefähr die gleiche Argumentation wie: „Ich bin einmal mit einem Flugzeug geflogen. Ich kann jetzt auch Pilot werden.“

Also sammelt Enrico Informationen.

Foren, Facebook, YouTube.

Ein Rolf schreibt irgendwo: „Meine Freundin war 2019 mit Schengen hier. Ging problemlos.“

Enrico speichert den Beitrag.

Damit ist die Rechtslage geklärt.

Dann geht er doch zu einem Fachanwalt für Ausländerrecht. Irgendwie ist ihm nämlich alles zu viel Aufwand (die Sorte kenne ich selbst nur zu gut...)

Der Anwalt hört sich alles an.

„Es geht also um ein Schengen-Visum für Ihre Partnerin?“

„Ja.“

„Dann müssen wir zunächst klären, wie der Reisezweck dargestellt wird, wie die Finanzierung nachgewiesen werden kann und welche Unterlagen die Rückkehrbereitschaft Ihrer Partnerin belegen.“

Enrico lehnt sich zurück.

„Das weiß ich.“

Der Anwalt blinzelt.

„Ach so.“

„Ich hab mich informiert.“

„Sehr gut.“

„Die Botschaft macht da immer denselben Quatsch.“

„Welchen Quatsch genau?“

„Na, diesen ganzen Papierkram.“

Der Anwalt bleibt ruhig.

„Eine Verpflichtungserklärung kann erforderlich sein. Dann wird unter anderem Ihre finanzielle Leistungsfähigkeit geprüft.“

Enrico runzelt die Stirn.

„Meine was?“

„Ihre finanzielle Leistungsfähigkeit.“

„Die wissen doch, dass ich Geld habe.“

„Dann dürfte der Nachweis ja kein Problem sein.“

„Ich muss denen meinen Gehaltsnachweis geben?“

„Je nach Fall sind entsprechende Nachweise über Einkommen und finanzielle Mittel erforderlich.“

Enrico schaut ihn an.

„Also jetzt mal langsam.“

Der Anwalt wartet.

„Ich will meine Freundin nach Deutschland holen.“

„Sie möchten, dass sie Deutschland für einen Kurzaufenthalt besucht.“

„Ja.“

„Dann müssen die Voraussetzungen für das Schengen-Visum erfüllt und nachgewiesen werden.“

„Und dafür soll ich beweisen, was ich verdiene?“

„Unter anderem.“

„Warum?“

„Weil die Finanzierung des Aufenthalts geklärt sein muss.“

„Ich kann die doch bezahlen.“

„Genau dafür gibt es die Verpflichtungserklärung.“

„Ja, aber warum muss ich das beweisen?“

Der Anwalt schaut ihn kurz an.

„Weil Sie es zugesagt haben.“

Enrico nickt.

„Aha.“

Dann kommt der Moment.

„Wir sind doch hier nicht in der DDR.“

Der Anwalt schaut irritiert.

Enrico legt nach:

„Sind Sie von der Stasi?“

Stille.

Der Anwalt legt seinen Kugelschreiber hin.

„Herr Enrico.“

„Ja?“

„Ich bin Rechtsanwalt.“

„Na und?“

„Und kein Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit.“

„War doch nur eine Frage.“

„Nein, das war keine besonders sinnvolle Frage.“

„Man wird ja wohl noch fragen dürfen.“

Der Anwalt schaut ihn an.

Das ist vermutlich der erste Moment in seiner beruflichen Laufbahn, in dem er sich fragt, ob eine Visumberatung eigentlich als Extremsport anerkannt werden kann.

Er versucht es noch einmal.

„Zusätzlich brauchen wir eine gültige Reisekrankenversicherung. Und wir müssen uns mit der Frage beschäftigen, ob nachvollziehbar ist, dass Ihre Partnerin nach dem Besuch wieder nach Thailand zurückkehrt.“

Enrico: „Natürlich kommt die zurück.“

„Das muss entsprechend plausibel gemacht werden.“

„Warum?“

„Weil genau das im Visumverfahren geprüft wird.“

„Die arbeitet doch.“

„Dann sollten entsprechende Nachweise vorgelegt werden.“

„Die arbeitet in einer Bar.“

Der Anwalt macht eine kleine Pause.

„Dann wird man prüfen müssen, welche Bindungen an Thailand tatsächlich nachweisbar sind.“

Enrico: „Das ist doch alles Quatsch.“

„Nein. Das ist das Verfahren.“

„Das ist deutsche Bürokratie.“

„Das ist europäisches Visarecht.“

Enrico nickt.

„Sehen Sie. Genau das meine ich.“

Der Anwalt schaut kurz aus dem Fenster.

Pim sitzt daneben und versteht ungefähr die Hälfte.

„Enrico. Why lawyer ask many paper?“

„Germany.“

„Why Germany ask?“

„Because they don't trust.“

„Trust who?“

„You.“

Pim schaut den Anwalt an.

Dann Enrico.

„Why he no trust me?“

Enrico:

„Because Germany.“

Pim nickt.

Das scheint ihr zu reichen.

Dann fragt sie: „How much money lawyer?“

Enrico:

„Too much.“

„Visa come?“

„Don't know.“

„Money come back?“

„No.“

Pim denkt kurz nach: „Then lawyer very clever.“

Der Anwalt hebt eine Augenbraue.

Enrico tut so, als hätte er es nicht gehört.

Dann kommt die Rechnung.

Der Anwalt möchte sein Honorar.

Nicht nur, wenn das Visum erteilt wird.

Sondern für die Beratung.

Enrico ist fassungslos.

„Aber Sie wissen doch gar nicht, ob das Visum klappt.“

„Das ist richtig.“

„Und dafür soll ich bezahlen?“

„Ja.“

„Auch wenn die Botschaft ablehnt?“

„Ja.“

„Das ist doch kein Erfolg.“

„Nein.“

„Dann bezahle ich für Misserfolg?“

„Nein. Sie bezahlen für meine Tätigkeit.“

Enrico lehnt sich zurück.

„Das ist doch unglaublich.“

„Warum?“

„Weil Sie keine Garantie geben.“

„Ein Rechtsanwalt kann Ihnen keine Garantie für die Entscheidung einer Behörde geben.“

Enrico: „Na wunderbar.“

„Ich kann Ihnen sagen, wie die Rechtslage ist, welche Unterlagen erforderlich sind und welche rechtlichen Möglichkeiten bestehen.“

„Das weiß ich selber.“

Der Anwalt schaut ihn an.

„Dann verstehe ich nicht ganz, warum Sie hier sind.“

Enrico: „Weil ich dachte, Sie wissen vielleicht was.“

„Das war auch mein Eindruck.“

Enrico zieht die Sache jetzt selbst durch.

Er kennt schließlich die Vorschriften.

Er hat sie gelesen.

Zumindest die Überschrift.

Dann kommt die Botschaft.

Dort sitzt ein Mitarbeiter und fragt nach Unterlagen.

Enrico erklärt ihm zunächst, wie das Verfahren funktioniert.

Der Mitarbeiter hört zu.

„Wir benötigen diese Unterlagen.“

Enrico: „Nein.“

„Doch.“

„Ich habe mich informiert.“

„Das mag sein.“

„Im Internet steht das anders.“

„Das kann sein.“

„Dann machen Sie es falsch.“

Der Mitarbeiter schaut ihn an.

„Wir bearbeiten diese Anträge beruflich.“

Enrico: „Ich auch.“

„Was genau?“

„Ich hab Erfahrung.“

Der Mitarbeiter schweigt.

Für einen kurzen Moment ist selbst die Bürokratie sprachlos.

Pim sitzt daneben.

„Enrico.“

„Ja?“

„Why man angry?“

„Der versteht das nicht.“

„What he not understand?“

„Das Visum.“

Pim schaut Enrico an.

„You understand?“

„Natürlich.“

„Then why no visa?“

Stille.

Enrico schaut zur Decke.

Der Himmel bleibt unbeteiligt.

Irgendwann kommt der Bescheid.

Das Visum wird nicht erteilt.

Enrico liest ihn.

Noch einmal.

Dann: „Die sind doch alle bescheuert.“

Pim: „No visa?“

„Nein.“

„Why?“

„Deutschland.“

„Germany bad?“

„Ja.“

„But you want me Germany.“

„Ja.“

Pim denkt nach.

„Germany bad but you want me there?“

Enrico: „Das ist kompliziert.“

Pim nickt.

„Europe very complicated.“

Damit hat sie die Angelegenheit erstaunlich gut zusammengefasst.

Enrico beschließt, nie wieder einen Anwalt zu nehmen.

„Die haben doch keine Ahnung.“

Auch die Botschaft hat keine Ahnung.

Die Ausländerbehörde hat keine Ahnung.

Die Visaabteilung hat keine Ahnung.

Eigentlich hat niemand Ahnung.

Nur Enrico.

Das Problem ist lediglich: Es funktioniert trotzdem nicht.

Einige Wochen später sitzt Enrico wieder in Pattaya.

Chang auf dem Tisch.

Pim daneben.

Das Visum noch immer nicht da.

Enrico erklärt einem anderen Deutschen:

„Ich sag dir, die in Deutschland machen alles falsch.“

„Was hast du denn gemacht?“

„Alles selbst.“

„Und?“

„Hat nicht geklappt.“

„Warum?“

Enrico nimmt einen Schluck Chang.

„Deutschland.“

Pim nickt.

Sie versteht zwar nicht genau, was Deutschland damit zu tun hat.

Aber solange Deutschland irgendwann eine Menge Geld bedeutet, findet sie Deutschland grundsätzlich hervorragend.

Und das Erzgebirge würde sie sich zur Not auch ansehen.

Wenn dort irgendwo eine Bar ist.

In der freien Wildbahn Pattayas ist Enrico kein Einzelfall.

Diese Tiere brauchen grundsätzlich keinen Fachmann.

Außer wenn etwas schiefgeht.

Dann brauchen sie sehr schnell einen.

Der aber bitte nichts kosten darf.

Und eine Erfolgsgarantie sollte er natürlich trotzdem geben.

Enrico hat seine eigene Rechtsabteilung.

Sie besteht aus Google, Facebook, einem YouTube-Video von 2018 und Rolf aus dem Forum.

Das einzige Problem ist, dass diese vier gelegentlich unterschiedliche Rechtsauffassungen vertreten.

Aber daran soll Deutschland schuld sein.

Natürlich.

Fortsetzung folgt.

Wenn Enrico das nächste Mal seinen eigenen Pass verlängert.

______________________________________________

Kleiner Exkurs: Der Rückkehrwille​


Und bevor jetzt die Enricos dieser Welt völlig zu Unrecht geschlossen in den Sack gesteckt werden, noch ein kleiner persönlicher Exkurs.

Ich habe mit einer Visa-Abteilung selbst schon ausgesprochen interessante Erfahrungen sammeln dürfen. Und deshalb muss ich an dieser Stelle fairerweise sagen: Es liegt nicht immer am Enrico.

Manchmal liegt es auch daran, dass die Realität bei der Visa-Abteilung nur unter Vorbehalt Zutritt erhält.

Nehmen wir den berühmten Rückkehrwillen.

Ein bemerkenswertes Wort.

Der Antragsteller soll glaubhaft machen, dass er zurückkehren will.

Das Problem dabei ist nur: Ein Wille ist zunächst einmal ein Wille.

Man kann ihn äußern.

Man kann ihn erklären.

Man kann ihn beteuern.

Man kann sogar sehr überzeugend dabei aussehen.

Aber beweisen?

Schwierig.

Ich kann schließlich auch zum Schalter gehen und sagen:

„Ich habe den festen Willen, in drei Wochen wieder auszureisen.“

Daraufhin müsste eigentlich jemand prüfen, ob ich wirklich den festen Willen habe.

Wie genau man einen Willen allerdings amtlich vermisst, ist mir bis heute nicht vollständig klar.

Vielleicht gibt es dafür inzwischen ein Formular.

Rückkehrwille, Anlage B, dreifach.

Juristisch betrachtet ist die Sache allerdings etwas weniger mystisch, als sie im Behördenalltag gelegentlich wirkt.

Maßgeblich ist nicht, ob ein Antragsteller seine innere Gefühlslage in einer Weise offenbart, die selbst einem mittelalterlichen Beichtvater imponieren würde. Entscheidend ist vielmehr, ob aus den konkreten Umständen eine hinreichend belastbare Prognose für die fristgerechte Rückkehr abgeleitet werden kann.

Das klingt nüchtern, ist aber in der Praxis durchaus anspruchsvoll. Denn eine Prognose bleibt eine Prognose.

Sie ist keine Zeitmaschine, kein Orakel und schon gar kein amtlich beglaubigter Blick in die Zukunft. Die Behörde muss den Einzelfall würdigen, darf sich also nicht in bloßen Allgemeinplätzen erschöpfen; zugleich muss ihre Entscheidung nachvollziehbar, sachgerecht und rechtlich überprüfbar bleiben.

Mit anderen Worten: Der Rückkehrwille darf nicht einfach behauptet, aber auch nicht nach Belieben wegfantasiert werden.

Und genau deshalb kann ich die Frustration mancher Enricos durchaus ein Stück weit verstehen.

Wenn ein Mensch das Gefühl bekommt, dass am Ende nicht seine tatsächliche Situation betrachtet wird, sondern ein ziemlich pauschales Raster darübergelegt wird, ist es nachvollziehbar, dass irgendwann der Satz fällt:

„Die haben doch alle keine Ahnung.“

Das ist dann zwar nicht unbedingt die juristisch hilfreichste Reaktion.

Aber menschlich verständlich.

Rechtlich kommt es eben nicht nur darauf an, ob eine Entscheidung ärgerlich ist, sondern auch darauf, ob sie auf einer tragfähigen Tatsachengrundlage beruht, die einschlägigen gesetzlichen Maßstäbe korrekt angewendet wurden und die Begründung erkennen lässt, dass der konkrete Antrag tatsächlich geprüft worden ist.

Das ist weniger spektakulär als ein empörter Auftritt am Schalter, aber erfahrungsgemäß deutlich erfolgversprechender.

Und genau deshalb gibt es Fachanwälte für Ausländerrecht.

Die beschäftigen sich beruflich damit, diese wunderbare Schnittstelle zwischen Mensch, Gesetz, Behörde und Realität zu überleben.

Manchmal ist es deshalb tatsächlich klüger, einem guten Fachanwalt zu vertrauen, statt nach drei YouTube-Videos selbst zum internationalen Visaexperten zu werden.

Wobei auch hier eine gewisse Vorsicht angebracht ist.

Denn wie in jedem Beruf gibt es Menschen, die wirklich ihren Job machen.

Und Menschen, die vor allem sehr genau wissen, was sie dafür berechnen können.

Beides existiert.

Auch Anwälte sind schließlich nur Menschen.

Enrico übrigens auch.

Allerdings sollte man bei der Auswahl eines Rechtsbeistands nicht ausschließlich darauf achten, ob jemand besonders entschlossen „Das kriegen wir schon hin!“ sagen kann.

Entscheidend sind vielmehr Fachkenntnis, eine realistische Einschätzung der Erfolgsaussichten, eine saubere Prüfung der Unterlagen und eine transparente Kommunikation über Kosten, Risiken und mögliche Rechtsbehelfe. Ein seriöser Anwalt verkauft keine Gewissheit, wo das Recht nur Wahrscheinlichkeiten zulässt.

Das ist vielleicht weniger beruhigend als ein vollmundiges Versprechen.

Dafür ist es meistens ehrlicher.

Und wenn man ehrlich ist, hat er bei einer Sache sogar recht:

Ein Visumverfahren kann verdammt frustrierend sein.

Nur ist die Lösung vermutlich nicht, dass Enrico selbst das Ausländerrecht neu schreibt.

Das hat Deutschland bereits erledigt.

Und genau deshalb ist es ja so kompliziert.
 

Klimbim

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Teil 10: Pattaya-Naturkunde – Rüdiger, der gemeine Waschbär​


Eine wahre Geschichte. Nur die Satire ist erfunden.

Heute geht es um Rüdiger.

Rüdiger ist ein besonders interessantes Exemplar des gemeinen Waschbären.

Nicht wegen der schwarzen Augenmaske, obwohl die Sonnenbrille bei ihm durchaus diesen Eindruck erweckt.

Rüdiger ist 61, kommt aus Bottrop und hat 35 Jahre auf dem Bau gearbeitet. Sein Körper sieht entsprechend aus. Breite Schultern, kräftige Arme und ein Bauch, der irgendwann beschlossen hat, nicht mehr zurückzutreten.

Dazu ein grauer Schnauzer, kurze Haare, Goldkette, kurze Hose, Sandalen und weiße Tennissocken.

Die Kombination trägt Rüdiger nicht ironisch.

Er hält sie für praktisch.

An der Hand trägt er eine Uhr, die ungefähr so groß ist wie ein mittelgroßer Werkzeugkasten. Um den Bauch eine schwarze Bauchtasche. Darin befinden sich Pass, Bargeld, Zigaretten, Feuerzeug, zwei alte Quittungen und ein Schraubenzieher.

„Kannze immer gebrauchen.“

Wofür, weiß er selbst nicht.

Aber Rüdiger hat 35 Jahre auf dem Bau gearbeitet. Der Mann wird schon wissen, warum er einen Schraubenzieher mit sich herumträgt.

Er spricht mit dieser wunderbaren Ruhrpott-Direktheit, bei der komplizierte Sachverhalte meistens nach spätestens zwei Sätzen erledigt sind.

Wenn jemand sagt:

„Das ist etwas differenzierter zu betrachten“,

sagt Rüdiger:

„Entweder is dat Scheiße oder nich.“

Damit ist für ihn die Sache geklärt.

2025 kam er nach Pattaya.

61 Jahre, 50.000 Euro Ersparnisse und einen festen Plan im Kopf.

Den Plan hatte er aus YouTube.

„Pattaya macht dich mit 1.000 Euro im Monat zum König. Nein, sogar zum Kaiser.“

Rüdiger fand das überzeugend.

Er hatte gerechnet.

Miete, Essen, Bier, bisschen rumfahren, bisschen Meer, bisschen Liebe.

„Da kannze doch gar nich pleitegehen.“

Das war 2025.

Inzwischen ist von den 50.000 Euro deutlich weniger übrig.

Rüdiger spricht darüber nicht besonders gerne.

Wenn das Thema aufkommt, sagt er meistens:

„Ja, mein Gott. Ich hab ja auch gelebt.“

Das stimmt.

Er hat gelebt.

Offenbar ziemlich konsequent.

Nun hat er beschlossen, sparsamer zu werden.

Heute ist der erste Tag seines neuen Lebens.

Um zehn Uhr morgens sagt er:

„So. Ab heute mach ich keinen Quatsch mehr.“

Um elf sitzt er auf dem Balkon und schaut auf Pattaya.

Um halb eins schreibt er Klaus:

„Heute Abend keine Bar.“

Klaus antwortet:

„Alles klar.“

Um 16:30 Uhr ruft Rüdiger zum Kriegsrat.

Natürlich nicht in einer Bar.

„Wir treffen uns im Café. Da kannze vernünftig reden.“

Klaus kommt.

Uwe kommt.

Ralf kommt.

Jeder hat inzwischen eine militärische Funktion.

Klaus ist der Generalstabschef für Aufklärung. Er kennt jede Bar zwischen Naklua und Jomtien und behauptet, das sei berufliche Recherche.

Uwe ist Oberst für Logistik und Nachschub. Er kümmert sich um Bargeld, Getränke, Zigaretten und darum, dass unterwegs niemand verhungert.

Ralf ist Kommandeur der psychologischen Kriegsführung.

Seine besondere Begabung besteht darin, einen Satz zu sagen, der harmlos klingt und regelmäßig sämtliche Vorsätze zerstört.

Rüdiger selbst ist natürlich der Oberbefehlshaber der Operation „Heute nicht“.

Er legt einen Zettel auf den Tisch.

Darauf steht:

OPERATION HEUTE NICHT

Klaus sieht sich das an.

„Wat is der Feind?“

Rüdiger:

„Die Bar.“

„Welche?“

„Ja, die Bar.“

Klaus lehnt sich zurück.

„Das wird schwierig.“

Rüdiger schaut ihn an.

„Wieso?“

„Weil et mehrere gibt.“

Rüdiger wird kurz still.

Uwe bestellt einen Kaffee.

„Wir könnten auch einfach nach Hause.“

Alle schauen ihn an.

Das ist ein guter Vorschlag.

Leider ist Ralf anwesend.

„Wir könnten vorher noch einen trinken.“

Rüdiger sieht ihn an.

„Du bist für psychologische Kriegsführung zuständig.“

„Ja.“

„Dann halt dich ma zurück.“

„Mach ich.“

Fünf Minuten später stehen sie vor einer Bar.

Keiner weiß genau, wie es dazu gekommen ist.

Rüdiger schaut auf das Schild.

„Dat war nich der Plan.“

Klaus:

„Nein.“

Uwe:

„Aber wir sind pünktlich.“

Rüdiger seufzt.

„Nur einen.“

Das ist der Moment, in dem der gemeine Waschbär seine natürliche Umgebung betritt.

Und dann kommt Nok.

Nok ist 19 und kommt aus dem Isaan.

Sie hat große Augen, lange Haare und eine sehr klare Vorstellung davon, wie ihr Leben irgendwann aussehen könnte.

In ihrer Fantasie gibt es einen starken, reichen Mann aus dem Westen. Nicht unbedingt mit Umhang. Aber fast.

Er kommt ins Dorf, steigt aus einem großen Auto und sagt:

„Keine Sorge. Jetzt bin ich da.“

Dann ist plötzlich alles möglich.

Das Dach wird repariert.

Mama bekommt eine neue Waschmaschine.

Papa bekommt einen Fernseher, auf dem endlich auch Fußball läuft.

Der kleine Bruder bekommt ein neues Handy und hört für ungefähr zwei Tage auf, die große Schwester zu nerven.

Und irgendwo sitzt Oma im Schatten und erzählt den Nachbarinnen, dass ihre Enkelin wirklich ein gutes Mädchen ist.

Nok stellt sich das alles ziemlich genau vor.

Der Supermann hat in ihrem Kopf natürlich Geld.

Er ist großzügig.

Er ist stark.

Er ist treu.

Und er sagt nicht ständig:

„Das kann ich mir gerade nicht leisten.“

Rüdiger kennt diese Vorstellung nicht.

Er hält sich trotzdem für den Mann.

Nok setzt sich neben ihn.

„Rüdiiiger.“

Rüdiger schaut sie an.

Klaus schaut Rüdiger an.

Ralf schaut Klaus an.

Uwe schaut auf die Rechnung.

Nok lächelt.

„You come Isaan?“

Rüdiger:

„Ja, irgendwann. Wat meinze denn?“

Sie zeigt ihm ein Foto vom Haus ihrer Familie.

Rüdiger schaut auf das Dach.

„Da muss ma wat machen.“

Klaus legt den Stift weg.

„Oh.“

Uwe fragt:

„Was?“

Klaus:

„Nix. Ich erkenne nur den Beginn einer neuen Operation.“

Nok erzählt weiter.

Das Dach.

Die Familie.

Der Wasserhahn.

Der kleine Bruder.

Rüdiger hört aufmerksam zu.

Er nickt.

„Ja.“

Dann:

„Kriegen wa hin.“

Klaus sieht ihn an.

„Wer ist wir?“

Rüdiger antwortet nicht.

Nok lächelt.

Das reicht.

Eine halbe Stunde später bestellt Rüdiger noch einen Drink.

Für Nok natürlich auch.

„Dat is jetz einmalig“, sagt er.

Klaus schreibt in seinen Block:

19:02 Uhr.

Finanzielle Front durchbrochen.

Ralf schaut über seine Schulter.

„Kannst du das nicht freundlicher formulieren?“

Klaus:

„Nein.“

Rüdiger bekommt sein Handy.

Eine Nachricht von der Bank.

Er schaut drauf.

Steckt es wieder weg.

Uwe:

„Wat is?“

„Nix.“

„Kontostand?“

„Hab ich nich geguckt.“

Alle wissen, dass er gelogen hat.

Rüdiger sieht wieder zu Nok.

Sie lächelt.

Und da ist der Krieg eigentlich schon vorbei.

Nicht mit Kanonendonner.

Nicht mit einer dramatischen Kapitulation.

Sondern mit einem kleinen Lächeln und dem Satz:

„Rüdiiiger, you good man.“

Rüdiger lehnt sich zurück.

„Ja.“

Klaus packt seine Unterlagen zusammen.

„Dann können wir eigentlich nach Hause.“

Rüdiger:

„Wieso?“

„Weil wir verloren haben.“

Rüdiger muss lachen.

„Ach komm, hör auf.“

Klaus steht auf.

„Du hast heute Morgen noch gesagt, du gibst keinen Baht aus.“

Rüdiger schaut auf den Tisch.

Dann auf Nok.

Dann auf die Rechnung.

„Ja.“

Kurze Pause.

„Aber da wusst ich ja noch nich, dat die kommt.“

Das ist Rüdigers Problem.

Er plant immer für den Tag.

Nur der Tag hält sich nicht an den Plan.

Und so endet auch die Operation „Heute nicht“ wie fast alle militärischen Unternehmungen des gemeinen Waschbären:

mit einer Rechnung, die höher ist als vorgesehen, einem angeschlagenen Budget und der festen Überzeugung, dass es morgen wirklich anders wird.

Am nächsten Morgen sitzt Rüdiger wieder auf dem Balkon.

Kaffee.

Sonne.

Pattaya.

Er öffnet YouTube.

Wieder ein Video:

„Mit 1.000 Euro luxuriös durch Pattaya.“

Rüdiger schaut es sich an.

„Der Mann hat Ahnung.“

Dann schreibt er Klaus:

„Kriegsrat heute 17 Uhr.“

Klaus:

„Schon wieder?“

Rüdiger:

„Diesma wegen Nok.“

Klaus antwortet:

„Dann bringe ich den Generalstab mit.“

Rüdiger steckt das Handy ein.

Schaut hinaus.

„Heute geh ich wirklich nich in die Bar.“

Der gemeine Waschbär schaut kurz zur Straße.

Dann wieder aufs Handy.

Nok hat geschrieben.

„Rüdiiiger “

Rüdiger seufzt.

„Scheiße.“

Und steht auf.
 

Klimbim

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24 November 2024
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Pattaya-Naturkunde – Teil 11: Der gemeine Immigration Officer​


Eine (fast) wahre Geschichte, die ich im Pool 2024 vernahm und mich beim Zuhören dabei am Kirschwasser verschluckte. Bernd wird sich erinnern...

Und doch: es ist und bleibt Satire...


Der gemeine Immigration Officer lebt in Thailand.

Man erkennt ihn daran, dass er immer dann erscheint, wenn ein deutscher Pattaya-Veteran überzeugt ist, endlich alle Unterlagen beisammenzuhaben.

Der Veteran sitzt morgens um 8:12 Uhr bei Immigration.

Pass.

Kopien.

Passfotos.

Formulare.

Kopien der Formulare.

Kopien der Passseite mit dem Stempel, den derselbe Officer vor drei Monaten selbst hineingestempelt hat.

Er hat wirklich alles dabei.

Sogar eine Mappe für Unterlagen, von denen er nicht weiß, ob sie gebraucht werden.

Er ist vorbereitet.

Dann kommt der Officer.

Nimmt den Pass.

Blättert.

Schaut auf die erste Seite.

Dann auf die zweite.

Dann auf den Veteranen.

„Copy?“

Der Veteran zeigt auf einen Stapel.

„Hier.“

Der Officer nimmt eine Kopie.

Schaut darauf.

„No.“

„Warum?“

„Wrong copy.“

„Was ist falsch?“

Der Officer zeigt auf eine andere Kopie.

„This one.“

Der Veteran schaut darauf.

Dann auf die andere.

Dann wieder auf den Officer.

„Die sind identisch.“

Der Officer nickt.

„No.“

Damit ist die Sache geklärt.

Nach zehn Jahren Thailand weiß der Veteran inzwischen, dass „Okay“ bei Immigration kein Ausdruck von Zustimmung ist.

Es bedeutet eher:

Ich habe verstanden, dass wir beide wissen, dass ich keine Chance habe.

Dann:

„Photo.“

„Ich habe Fotos.“

„New photo.“

„Warum?“

„Because.“

Das ist bei Immigration ungefähr die juristische Langfassung von:

Weil ich das jetzt gerne so hätte.

Der Veteran geht zum Fotografen.

Kommt zurück.

„Too small.“

Er holt größere.

„Too big.“

Der Veteran schaut den Officer an.

„Noch größer?“

„No.“

„Kleiner?“

„Yes.“

„Wie klein?“

Der Officer zeigt mit zwei Fingern ungefähr auf einen Punkt.

Der Veteran geht wieder zum Fotografen.

Man könnte darüber lachen.

Man kann aber auch einfach noch ein Foto machen.

Das ist thailändische Konfliktbewältigung.

Dann kommt der Kontoauszug.

„Bank statement.“

Der Veteran reicht ihn.

„Old.“

„Von gestern.“

„Old.“

„Gestern!“

„Need today.“

Der Veteran schaut auf die Uhr.

9:17 Uhr.

Die Bank hat seit 47 Minuten geöffnet.

„Go bank.“

„Und dann?“

„Come back.“

Der Veteran geht.

Kommt zurück.

Frischer Auszug.

Der Officer schaut ihn an.

„Stamp.“

„Die Bank stempelt das nicht.“

„Need stamp.“

„Aber die Bank macht das nicht.“

Der Officer nickt.

„Need stamp.“

Der Veteran sieht ihn an.

„Das haben wir gerade schon besprochen.“

„Yes.“

„Und?“

„Need stamp.“

Man kann ein Gespräch auch beenden, ohne einen Schlusssatz zu finden.

Dann Versicherung.

Dann TM30.

Dann Unterschrift.

Dann noch eine Unterschrift.

Der Veteran fragt irgendwann:

„Brauchen Sie auch eine Kopie von mir?“

Der Officer schaut ihn an.

„What?“

„Nichts.“

Das ist der Moment, in dem man als Ausländer aufhört, eigene Ideen einzubringen.

Dann kommt:

„Tomorrow come.“

Der Veteran schaut auf die Uhr.

11:43 Uhr.

„Warum?“

„New officer.“

„Und?“

„He check.“

„Was checkt er?“

Der Officer überlegt kurz.

„Everything.“

Der Veteran setzt sich wieder hin.

In diesem Moment erscheint der Visa-Agent.

Sehr ordentliches Hemd.

Sehr ruhige Stimme.

Ein Mann, der aussieht, als würde er selbst beim Überreichen einer Rechnung noch Mitgefühl ausstrahlen.

„Herr Müller.“

„Ja?“

„Soll ich mir das einmal anschauen?“

Der Veteran schiebt ihm die Unterlagen hin.

„Ich weiß nicht einmal mehr, was jetzt fehlt.“

Der Agent blättert.

„Ah.“

„Was?“

Er zeigt auf ein Blatt.

„Das.“

„Was ist damit?“

„Es fehlt.“

Der Veteran schaut auf das Blatt.

„Das liegt doch da.“

„Ja.“

„Dann fehlt es doch nicht.“

Der Agent lächelt.

„Es fehlt in der Akte.“

Der Veteran schaut zum Officer.

Der Officer schaut auf seinen Computer.

„Exactly.“

Der Veteran lehnt sich zurück.

„Ich glaube, ich verstehe langsam.“

„Das dauert ein bisschen“, sagt der Agent.

„Was kostet es?“

Der Agent nennt einen Betrag.

Der Veteran schluckt.

„Für ein Blatt?“

„Für die Lösung.“

Der Veteran schaut zum Officer.

Der blättert bereits im nächsten Pass.

„Okay.“

Zwanzig Minuten später ist alles erledigt.

Der Veteran bekommt seinen Pass zurück.

„Das ging aber schnell.“

Der Agent lächelt.

„Wir kennen das System.“

Der Veteran schaut ihn an.

„Ich glaube, ich kenne das System inzwischen auch.“

„Sehr gut.“

„Und wenn ich nächstes Mal wieder selbst komme?“

„Natürlich.“

„Und wenn wieder etwas fehlt?“

„Dann komme ich wieder.“

Der Veteran nickt.

„Das dachte ich mir.“

Das Interessante an Immigration ist nämlich nicht, dass Unterlagen fehlen.

Das Interessante ist, dass Unterlagen auch dann fehlen können, wenn sie vorhanden sind.

Ein Dokument kann da sein und gleichzeitig fehlen.

Eine Unterschrift kann korrekt sein und trotzdem falsch.

Ein Kontoauszug kann von gestern sein und damit zu alt.

Und eine Kopie kann exakt dieselbe Kopie sein und trotzdem nicht die richtige Kopie.

Das muss man erst einmal akzeptieren.

Danach wird vieles leichter.

Der Veteran kommt beim nächsten Termin wieder.

Der Officer nimmt den Pass.

Schaut hinein.

„Copy?“

Der Veteran reicht ihm die Kopie.

„No.“

Der Veteran schaut zum Agenten.

Der hebt leicht die Augenbrauen.

„Ich würde warten.“

„Worauf?“

„Auf die nächste Frage.“

Der Officer schaut auf den Pass.

„Photo?“

Der Veteran seufzt.

Der Agent lächelt.

„Immerhin wissen wir diesmal schon, wo der Fotograf ist.“

Der Veteran muss lachen.

„Wie viel?“

Der Agent schaut ihn an.

„Für das Foto?“

„Nein.“

Pause.

„Für mein Leben.“

Der Agent denkt kurz nach.

„Das wäre etwas teurer.“

Selbst der Officer muss kurz lächeln.

Nur ganz kurz.

Dann stempelt er.

Vielleicht war das sogar Absicht.

Man weiß es nicht.

Und jetzt kommt meine persönliche Bemerkung dazu.

Wenn ich mir das Ganze so anschaue, frage ich mich manchmal, warum man sich seinen Ruhestand eigentlich freiwillig als jährliche Verwaltungsprüfung gestalten sollte.

Man kann natürlich den klassischen Weg nehmen.

Man zieht nach Thailand, richtet sich ein, eröffnet irgendwann ein Konto, sammelt Unterlagen und beginnt anschließend jedes Jahr aufs Neue das beliebte Spiel:

„Welche Kopie möchte der freundliche Herr heute?“

Das hat durchaus seinen Reiz.

Es ist ein bisschen wie Angeln.

Man weiß nie genau, was man fängt.

Nur dass man statt eines Fisches am Ende einen neuen Kontoauszug nach Hause trägt.

Es gibt allerdings auch eine andere Möglichkeit, die man sich zumindest einmal anschauen kann.

Die Sache wird bereits in Deutschland erledigt.

Man beantragt dort das passende Visum für einen längeren Aufenthalt im Ruhestand, reicht seine Unterlagen ein und weist die verlangten finanziellen Mittel nach.

Und genau das ist der kleine Unterschied, den ich persönlich ziemlich interessant finde:

Für den finanziellen Nachweis kann grundsätzlich ein entsprechendes Konto in Deutschland herangezogen werden.

Man muss also nicht erst in Thailand ankommen und anschließend versuchen, die finanzielle Grundlage über ein thailändisches Bankkonto aufzubauen.

Dann steigt man irgendwann in Deutschland ins Flugzeug.

Kommt in Bangkok an.

Geht durch die Einreise.

Der Beamte schaut in den Pass.

Stempelt.

Und damit ist der entsprechende Aufenthalt zunächst einmal erteilt.

Das Ganze hat einen gewissen Nachteil.

Man verpasst möglicherweise einige der schönsten Momente des thailändischen Verwaltungswesens.

Man erlebt nicht, wie eine Kopie von gestern heute plötzlich zu alt ist.

Man muss nicht zur Bank fahren, weil ein Stempel fehlt, den die Bank grundsätzlich nicht verwendet.

Man bekommt nicht gesagt, dass morgen ein anderer Officer alles noch einmal überprüft.

Und man muss auch nicht herausfinden, warum ein Dokument, das auf dem Tisch liegt, offiziell nicht existiert.

Kurz gesagt:

Man kommt an.

Man bekommt seinen Stempel.

Man nimmt seinen Koffer.

Und geht.

Das ist natürlich weniger spannend.

Aber vielleicht ist genau das der Sinn eines Ruhestands.

Ich persönlich finde jedenfalls die Vorstellung ganz sympathisch, einen längeren Aufenthalt in Thailand bereits in Deutschland ordentlich vorzubereiten und dann bei der Einreise einfach seinen Stempel zu bekommen.

Ohne vorher mit einem Menschen diskutieren zu müssen, der seit sieben Minuten schweigend auf eine Kopie schaut.

Andere sehen das anders.

Das ist völlig in Ordnung.

Manche Menschen mögen Kreuzfahrten.

Manche fahren gerne Achterbahn.

Und manche sitzen freiwillig bei Immigration und warten darauf, dass ein Beamter mit völlig ernstem Gesicht fragt:

„Copy?“

Der Veteran jedenfalls sitzt inzwischen wieder zu Hause.

Er hat seinen Pass.

Er hat seinen Stempel.

Er hat eine Rechnung vom Visa-Agenten.

Und er hat einen neuen Ordner gekauft.

Auf dem steht:

IMMIGRATION

Darunter hat er handschriftlich geschrieben:

NICHT ÖFFNEN.

Eine Woche später ruft der Agent an.

„Herr Müller?“

„Ja.“

„Nur zur Erinnerung. Ihr nächster Termin.“

Stille.

„Wann?“

„In drei Monaten.“

Der Veteran atmet auf.

„Dann habe ich ja Zeit.“

„Ja.“

Pause.

„Bis dahin fällt Ihnen bestimmt noch etwas ein.“

Der Veteran legt auf.

Schaut auf den Ordner.

Dann auf seinen Pass.

Dann auf das Telefon.

„Scheiße.“

Und irgendwo bei Immigration nimmt gerade ein Officer den nächsten Pass in die Hand.

Blättert.

Schaut hoch.

„Copy?“

Der Mann vor ihm nickt.

„Natürlich.“

Er hat inzwischen gelernt.

Die Frage ist nicht mehr, ob er eine Kopie hat.

Die Frage ist nur noch:

Welche?
 

Klimbim

Hat nix anderes zu tun
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24 November 2024
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Pattaya-Naturkunde – Sondermeldung: Der Club der totalen Versager​


Da ich im nächsten Frühjahr wieder in Pattaya aufschlagen werde, wird es voraussichtlich eine kleine zoologische Erweiterung meiner bisherigen Naturkunde geben.

Ich plane einen Stammtisch.

Der Name steht bereits fest: Club der totalen Versager.

Warum?

Weil wir uns vermutlich alle irgendwann im Leben gefragt haben, was wir eigentlich machen.

Manche haben darauf eine Antwort gefunden.

Andere sind nach Pattaya gegangen.

Und genau für Letztere ist dieser Stammtisch gedacht.

Wobei „Versager“ selbstverständlich nicht ganz ernst gemeint ist.

Es handelt sich eher um eine freundliche Sammelbezeichnung für Menschen, die irgendwann festgestellt haben, dass das Leben auch ohne perfekt ausgefüllten Lebenslauf ganz gut funktionieren kann.

Der eine war Unternehmer.

Der andere Handwerker.

Einer kommt aus der IT.

Einer aus der Gastronomie.

Einer aus dem öffentlichen Dienst.

Einer hat wahrscheinlich irgendetwas studiert, worüber er heute nicht mehr sprechen möchte.

Und einer weiß immer, wie man etwas repariert, obwohl niemand weiß, woher er das weiß.

Genau darum soll es gehen.

Nicht um einen weiteren Tisch, an dem sechs Männer drei Stunden lang erklären, warum Deutschland untergeht.

Davon gibt es bereits genügend.

Es soll um Geschichten gehen.

Um Erfahrungen.

Um Informationen, die man tatsächlich gebrauchen kann.

Um Dinge, die man nach fünf Jahren Thailand gerne gewusst hätte, bevor man den ersten Fehler gemacht hat.

Also ungefähr drei Minuten vor dem ersten Fehler.

Wer sich mit Behörden auskennt, kann vielleicht jemandem helfen.

Wer eine Firma gegründet hat, kennt vielleicht einen Trick.

Wer schon einmal eine Wohnung gekauft, gemietet oder wieder verlassen hat, besitzt möglicherweise Erkenntnisse, die anderen viel Geld und noch mehr Nerven ersparen.

Wer eine Versicherung gefunden hat, die tatsächlich etwas taugt, wird vermutlich innerhalb von fünf Minuten von zwölf Menschen umringt.

Und wer weiß, wo man in Pattaya vernünftig frühstücken kann, sollte seine Information besser nicht geheim halten.

Wir wollen außerdem bewusst international bleiben.

Bisher haben sich Menschen aus Frankreich, Israel, der Türkei, Deutschland, der Schweiz, den Vereinigten Staaten, Kanada, den Philippinen und natürlich auch Thailand angekündigt.

Damit wäre zumindest geografisch schon einmal sichergestellt, dass wir uns nicht alle über dieselbe Regierung beschweren.

Wir müssen also improvisieren.

Das macht die Sache interessanter.

Auch sprachlich wird es vermutlich recht unterhaltsam.

Eine verbindliche Sprachregelung gibt es nicht.

Jeder spricht so, wie ihm der Schnabel gewachsen ist.

Deutsch.

Englisch.

Französisch.

Türkisch.

Hebräisch.

Thai.

Schweizerisch, soweit man das ohne Übersetzer erkennt.

Und zur Not mit Händen und Füßen.

Das hat in Thailand schließlich eine gewisse Tradition.

Wichtig ist eigentlich nur, dass man sich versteht.

Oder zumindest gemeinsam darüber lachen kann, dass man sich nicht verstanden hat.

Was ich mir allerdings wünsche, ist eine gewisse Grundvoraussetzung:

Man darf bei uns gerne völlig unterschiedliche Ansichten haben.

Man darf sich widersprechen.

Man darf über Politik diskutieren.

Man darf über Deutschland schimpfen.

Man darf Thailand kritisieren.

Man darf die Welt für kompliziert halten.

Man darf sogar anderer Meinung sein als ich.

Das gehört dazu.

Nur sollte man dabei nicht irgendwann anfangen, andere Menschen grundsätzlich nach Herkunft, Hautfarbe, Religion oder irgendeinem anderen Merkmal für weniger wert zu halten.

Dafür gibt es genügend andere Stammtische.

Unser Tisch soll lieber einer sein, an dem Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammensitzen und nach zwei Stunden feststellen:

„Eigentlich sind wir alle ziemlich bekloppt.“

Das wäre zumindest ein internationaler Konsens.

Und vermutlich der erste, auf den sich Frankreich, Israel, die Türkei, Deutschland, die Schweiz, Amerika, Kanada, die Philippinen und Thailand ohne längere Verhandlungen einigen können.

Der Club der totalen Versager soll also kein Verein sein.

Keine Partei.

Keine Sekte.

Keine Selbsthilfegruppe.

Und schon gar kein Ort, an dem jemand nach fünf Minuten aufsteht und erklärt, dass er die Wahrheit gepachtet hat.

Davon bekommt man in Pattaya bereits an jeder zweiten Bar ausreichend Anschauungsmaterial.

Es soll einfach ein Tisch sein.

Menschen.

Bier, Kaffee oder was auch immer.

Geschichten.

Erfahrungen.

Ein bisschen gegenseitige Hilfe.

Ein bisschen internationaler Austausch.

Und möglichst viel Gelächter.

Ich werde den genauen Termin und den Ort bekannt geben, sobald ich im nächsten Frühjahr wieder in Pattaya bin und selbst herausgefunden habe, wo ich eigentlich wohne.

Bis dahin geht die Pattaya-Naturkunde natürlich weiter.

Es gibt schließlich noch genügend Arten zu beobachten.

Den Immigration Officer.

Den Pattaya-Veteranen.

Den Condo-Makler.

Den Auswanderer, der seit neun Jahren „nächsten Monat endgültig zurück nach Deutschland“ fliegt.

Den YouTuber, der jeden Morgen das billigste Frühstück der Stadt findet.

Und natürlich den Mann, der seit 2008 erklärt, dass der Baht jetzt aber wirklich zusammenbricht.

Material ist also vorhanden.

Der Club der totalen Versager kommt.

International.

Mehrsprachig.

Vermutlich leicht chaotisch.

Und hoffentlich so sympathisch, dass niemand merkt, wie schlecht wir eigentlich organisiert sind.

Wobei das natürlich auch wieder ein Qualitätsmerkmal wäre.

Schließlich heißt der Laden nicht:

Club der hervorragend organisierten Menschen mit langfristiger Lebensplanung.

Das wäre ja langweilig.

Wir heißen:

Club der totalen Versager.

Und wir meinen das ausgesprochen liebevoll.
 

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