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News Der Rentner in Pattaya - eine bissig satirische Abrechnung

Klimbim

Kein anderes Hobby?
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24 November 2024
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Das, das Pattaya in und auswendig kennt, jedermann Pattaya erklärt, war aber noch nicht wirklich dort.

Disclaimer​

Hinweis vor der wissenschaftlich völlig unhaltbaren Betrachtung:

Für diese Folge wurden aus Gründen der praktischen Vereinfachung zwei in freier Wildbahn normalerweise getrennt auftretende Spezies miteinander verschmolzen:

zum einen der Pattaya-Experte,
zum anderen die Pattaya-Moralistin.

Aus dem Experten wurde dabei eine Expertin.

Aus der Expertin wurde zusätzlich eine Moralistin.

Und aus zwei ohnehin schon ausgesprochen erklärungsbedürftigen Lebensformen wurde somit kurzerhand ein einziges Exemplar hergestellt.

Das ist biologisch fragwürdig, dramaturgisch aber ausgesprochen praktisch.

Die so entstandene Expertin-Moralistin verfügt nun gleichzeitig über das erstaunliche Talent, Dinge, die sie niemals selbst erlebt hat, fachkundig zu erklären, und Dinge, die andere Menschen tatsächlich erlebt haben, moralisch zu bewerten.

Damit entfällt für sie erfreulicherweise auch die lästige Notwendigkeit, sich zwischen „Ich weiß es besser“ und „Das darf man so aber nicht sehen“ entscheiden zu müssen.

Sie kann beides.

Gleichzeitig.

Aus Gründen der Übersichtlichkeit habe ich deshalb darauf verzichtet, zwei verschiedene Texte über zwei verschiedene Figuren zu schreiben, und beide Erscheinungsformen in diesem einen Text zusammengeführt.

Das spart Platz, Zeit und vermutlich auch zwei weitere Forumsdiskussionen.

Sollte sich jemand aus der Gruppe der Experten, Expertinnen, Moralisten oder Moralistinnen durch diese Zusammenlegung persönlich, fachlich, geschlechtlich, ideologisch oder lediglich aufgrund einer auffällig präzisen Beschreibung seines Internetverhaltens angesprochen fühlen, bitte ich bereits an dieser Stelle höflich um Entschuldigung.

Es war nicht meine Absicht, zwei unterschiedliche Arten von Besserwisserei miteinander zu vermischen.

Ich wollte lediglich praktisch sein.

Außerdem erschien es mir wissenschaftlich sinnvoll, zunächst einmal herauszufinden, wie viele Eigenschaften ein einziger Mensch gleichzeitig besitzen kann, ohne jemals in Pattaya gewesen zu sein.

Die Ergebnisse dieser Untersuchung folgen nun.
 
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Klimbim

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24 November 2024
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Pattaya-Naturkunde – Teil 18: Die gemeine Pattaya-Expert:in aus dem Volk der Expert:innen​


Eine wahre Geschichte. Nur die Expertin ist erfunden.

Es gibt in der Welt der Pattaya-Beobachterinnen und -Beobachter eine ganz besondere Spezies.

Sie lebt nicht in Pattaya.

Sie war nie dort.

Sie kennt keine Bar.

Keinen Condo.

Keinen Baht-Taxi-Fahrer.

Keinen 7/11 um drei Uhr morgens.

Keinen Strand.

Keine Soi.

Nichts.

Und trotzdem kennt sie Pattaya besser als jeder Mensch, der tatsächlich dort lebt.

Die gemeine Pattaya-Expertin aus dem Volk der Expert:innen

(ist das korrekt gegendert? Meine Tochter ist grad auf Reisen, ich kann sie nicht fragen. Schreibt man das I nun gross, oder klein beim Gendern?)


Ihr zoologischer Name:

Expertus pattayensis fernbeobachticus.


Ihr natürlicher Lebensraum ist das Internet.

Genauer gesagt: ein deutsches Forum.

Noch genauer: ein Thread über Pattaya.

Sobald dort jemand schreibt:

„Bin gerade in Pattaya und habe eigentlich eine ganz gute Zeit.“

beginnt bei der Fernexpertin die innere Alarmanlage zu arbeiten.

Sie liest den Satz. Schaut auf den Bildschirm.

Rückt ihre Nickelbrille zurecht.

Atmet einmal tief ein.

Und schreibt:

„Du weißt offenbar nicht, was Pattaya wirklich ist.“

Das ist ihr Spezialgebiet.

Die Realität anderer Menschen zu korrigieren.

Die Fernexpertin sitzt dabei meistens zu Hause.

Kurze, akkurat geschnittene lila Haare.

Nickelbrille.

Funktionale Strickjacke.

Bequeme Schuhe.

Vor ihr ein Laptop.

Neben dem Laptop ein Kaffee, der seit ungefähr 45 Minuten kalt ist. Eine Latte. Nein, nicht das, was ihr jetzt denkt. Ich mein dieses modische Kaffeegetränk, das in Berlin Kreuzberg sogar im U Bahnschacht angeboten wird, in Strandkörben neben dem Stand für lila Bettwäsche und Sonnenblumen...ihr wisst schon...

Auf dem zweiten Bildschirm läuft ein YouTube-Video:

„Pattaya – die Wahrheit über die Stadt der Sünde.“

Das Video ist 38 Minuten lang.

Die Fernexpertin hat es vollständig gesehen. 100 x hinter einander. Natürlich.

Damit besitzt sie gegenüber jedem Menschen, der seit zehn Jahren in Pattaya lebt, einen entscheidenden Informationsvorsprung.

Sie hat recherchiert.

„Ich kenne Pattaya.“

Das sagt sie gerne.

„Warst du schon mal dort?“

Kurze Pause.

Sie schiebt die Nickelbrille höher. Die Augen verengen sich gefährlich...

„Nein.“

Aber darum geht es nicht.

Sie kennt schließlich auch den Mond.

Und da war sie ebenfalls noch nicht.

Die Fernexpertin besitzt ein erstaunlich umfangreiches Wissen über Pattaya.

Sie kennt die Sois.

Sie kennt die Bars.

Sie kennt die Preise.

Sie kennt die Frauen.

Sie kennt die Männer.

Sie kennt die Motive.

Sie kennt die sozialen Strukturen.

Sie kennt sogar die Gedanken der Menschen.

Wenn ein Mann in Pattaya schreibt: „Ich bin hier glücklich.“...

...weiß die Fernexpertin sofort:

„Der redet sich das nur schön. Ein Vertreter des Patriachats. Alter weisser Mann...äh...Sack".

Wenn ein anderer schreibt:

„Ich habe hier meine Frau kennengelernt.“

weiß die Fernexpertin: „Die will nur sein Geld und er nur Macht über sein Opfer".


Wenn jemand schreibt:

„Ich lebe seit acht Jahren hier und fühle mich wohl.“

weiß sie: „Der ist abgestumpft, muss umerzogen werden".

Das ist schon beeindruckend.

Die Frau kennt nicht einmal die Person.

Aber ihren inneren Zustand kennt sie genau.

Besonders gut kennt die Fernexpertin die Männer.

Sie hat dafür eine einfache Theorie.

Wer nach Pattaya fliegt, fährt nicht wegen des Wetters.

Nicht wegen des Essens.

Nicht wegen der Lebenshaltungskosten.

Nicht wegen des Klimas.

Nicht wegen der Strände.

Nicht wegen der Menschen.

Und ganz bestimmt nicht, weil ihm Thailand gefällt.

Nein.

Der Mann fliegt nach Pattaya, weil er in Deutschland keine Frau bekommt, die er mal so richtig unterdrücken kann...am besten, indem er Ehegattennachunterhalt zahlt ...

Das weiß die Fernexpertin.

Warum?

Weil es so im Internet steht.

Mehrfach.

Mit Quellen.

Die Quelle lautet: „Hab ich oft genug gelesen.“

Damit ist die Sache wissenschaftlich abgeschlossen.

Die Fernexpertin kennt auch die berühmte Theorie vom deutschen Mann, der in Pattaya plötzlich zum König wird.

„Die kommen mit ihren Euros und glauben, sie sind die Größten.“

Das sagt sie.

Während sie auf ihrem deutschen Bürostuhl sitzt.

Mit 1.200 Euro auf dem Girokonto.

Der Mann in Pattaya hat vielleicht 4.000 Euro Rente, glaubt sie...

Aber das ist nebensächlich.

Denn die Fernexpertin hat eine Theorie.

Und Theorien müssen nicht unbedingt mit Zahlen belästigt werden.

Besonders empört sie, wenn jemand schreibt:

„Ich fühle mich hier wohl.“

Das kann sie nicht akzeptieren.

Wohlfühlen ist in Pattaya nämlich nur erlaubt, wenn die Fernexpertin vorher die moralische Genehmigung erteilt hat.

Hat sie nicht.

Also schreibt sie: „Was soll daran schön sein?“

Dann:

„Pattaya ist doch bekannt.“

Dann:

„Jeder weiß, was dort abgeht.“

Dann:

„Wenn du Kultur willst, geh in den Isaan.“

Oder nach Chiang Mai.

Oder in einen Tempel.

Irgendwohin jedenfalls, wo die Welt noch moralisch in Ordnung ist.

Die Fernexpertin liebt Tempel.

Sehr. Schon seit 1975

Sie war allerdings auch dort noch nicht.

Aber sie findet sie kulturell wertvoll.

Sie hat ungefähr 17 Fotos von thailändischen Tempeln auf Google Images gesehen.

Das reicht.

„Das ist das wahre Thailand.“

Das sagt sie.

Wenn jemand antwortet: „Ich war in Bangkok, Chiang Mai, im Isaan und auf Koh Samui.“

sagt die Fernexpertin:

„Trotzdem kennst du das Land nicht.“

Die andere Person fragt: „Und du?“

Die Fernexpertin: „Ich beschäftige mich intensiv damit.“

Das ist ein wichtiger Unterschied.

Andere Menschen fahren hin.

Sie beschäftigt sich damit.

Ihre Kenntnisse stammen aus verschiedenen wissenschaftlichen Quellen.

YouTube.

Foren.

Facebook.

Dokumentationen.

Google.

Und einer Bekannten, deren Schwager einmal sechs Wochen in Thailand war.

Dieser Schwager ist eine besonders wichtige Autorität.

„Der hat mir erzählt, wie das wirklich läuft.“

Was genau wirklich läuft, weiß niemand.

Aber es klingt belastbar.

Die Fernexpertin hat außerdem eine sehr klare Vorstellung davon, wie Thailänderinnen denken.

Das ist besonders bemerkenswert.

Denn mit Thailänderinnen hat sie ebenfalls kaum gesprochen.

Aber sie kennt ihre Motive.

„Die wollen nur Geld und werden von ihren Gönnern unterdrückt."

" Warum bekomme ich dieses Geld eigentlich nicht"? ... denkt sie weiter...

„Die sind alle auf Farang aus.“

„Die lachen dich an und rechnen gleichzeitig.“

„Die wissen genau, was sie tun.“

Das klingt wie eine Mischung aus Soziologie und sehr schlechtem Kriminalroman.

Wenn man sie fragt: „Woher weißt du das?“

kommt meistens: „Das ist doch bekannt.“

Dieser Satz ersetzt bei der Fernexpertin ungefähr 70 Prozent aller Quellen.

Die restlichen 30 Prozent bestehen aus:

„Eine Bekannte von mir.“

Die Fernexpertin ist überzeugt, dass Pattaya ausschließlich aus Sextourismus besteht.

Das ist für sie nicht nur eine Meinung.

Es ist eine Geografie.

Pattaya besteht aus:

Bar.

Bardame.

Sextourist.

Deutscher Rentner.

Geld.

Ende.


Wenn jemand ein Foto vom Strand postet:

„Schau, Sonnenuntergang.“

Die Fernexpertin:

„Ja, und fünf Minuten weiter sitzen die Sextouristen.“

Wenn jemand ein Foto vom Essen postet:

„Pad Thai.“

Die Fernexpertin: „Das kannst du auch überall bekommen beim Vietnamesen eine U Bahn weiter, Berlin Kurfürstenstrasse".

Wenn jemand ein Foto vom Condo postet:

„Schöne Aussicht.“

Die Fernexpertin: „Mitten im Sextourismus.“

Sie schafft es, selbst einen Sonnenuntergang moralisch zu belasten.

Das ist schon eine seltene Begabung.

Besonders nervös wird sie, wenn jemand tatsächlich dort lebt und widerspricht.

„Also ich lebe seit fünf Jahren hier und sehe das etwas anders.“

Die Fernexpertin wird unruhig.

Fünf Jahre?

Das ist natürlich gefährlich.

Denn jetzt kommt jemand mit eigener Erfahrung.

Das muss korrigiert werden.

„Du bist doch längst betriebsblind.“

Natürlich.

Wer vor Ort lebt, kann Pattaya nicht verstehen.

Wer 9.000 Kilometer entfernt sitzt, kann es dagegen sehr gut.

Das ist ein Grundprinzip der Fernexpertin.

Distanz schafft Objektivität.

Je größer die Entfernung, desto größer die Erkenntnis.

Am besten wäre wahrscheinlich der Nordpol.

Von dort aus könnte man Pattaya vermutlich perfekt beurteilen.

Die Fernexpertin hat auch ein Lieblingswort:


„Normal.“

„Ein normaler Mann macht so etwas nicht.“

„Eine normale Frau lebt nicht so.“

„Normale Menschen fahren nicht nach Pattaya.“

Was normal ist, entscheidet sie.

Natürlich.

Normalität ist schließlich ein internationales Konzept.

Mit ihr als Vorsitzende.

Oder, je nach Tagesordnung, Vorsitzenderin.

Eines Tages schreibt jemand: „Ich bin jetzt seit sechs Monaten hier und fühle mich zum ersten Mal seit Jahren wirklich glücklich.“

Die Fernexpertin liest den Satz.

Ihre Nickelbrille rutscht ein wenig nach vorn.

Ihr Kaffee ist inzwischen wirklich kalt.

Sie stellt ihn zur Seite.

Das ist jetzt wichtig.

Sie schreibt: „Glücklich? In Pattaya?“

Dann löscht sie den Satz.

Zu direkt.


Sie schreibt: „Jeder muss natürlich selbst wissen, was er tut.“

Liest es.

Sehr vernünftig.

Dann folgt der zweite Satz: „Aber ich persönlich könnte dort niemals glücklich werden.“

Auch gut.

Dann kommt:

„Dafür gibt es ja auch Gründe.“

Jetzt ist sie zufrieden.

Sie hat niemandem ausdrücklich verboten, glücklich zu sein.

Sie hat nur ziemlich deutlich erklärt, dass es eigentlich keinen vernünftigen Grund dafür gibt.

Die Fernexpertin entwickelt sich im Laufe der Jahre weiter.

Am Anfang sagt sie: „Pattaya ist nichts für mich.“

Das wäre vollkommen in Ordnung.

Eine persönliche Präferenz.

Dann wird daraus:

„Pattaya ist nichts für normale Menschen.“

Schon interessanter.

Dann: „Wer nach Pattaya fährt, hat ein Problem.“

Und irgendwann: „Dort leben nur Männer, die zu Hause keine abbekommen.“

Jetzt ist die persönliche Meinung endgültig zur Naturwissenschaft geworden.

Wenn ein Mann mit 65 in Pattaya eine Freundin hat, die ihn liebt, wird das von der Fernexpertin sofort neu interpretiert.

„Die will sein Geld.“

Wenn die beiden seit zehn Jahren zusammen sind: „Die wartet auf die Erbschaft.“

Wenn sie gemeinsam ein Haus besitzen:

„Das Haus gehört wahrscheinlich sowieso ihr.“

Wenn sie ihn pflegt: „Das macht sie doch nur wegen des Geldes.“

Wenn sie ihn nicht pflegt:

„Siehst du.“

Es gibt für die Fernexpertin keine Beobachtung, die ihre Theorie gefährden könnte.

Die Realität ist vollständig beweissicher.

Und dann passiert das Schlimmste.

Jemand schreibt:

„Ich war jetzt drei Wochen in Pattaya und habe festgestellt, dass es mir dort tatsächlich gefällt.“

Die Fernexpertin lehnt sich zurück.

Drei Wochen.

Sie schließt die Augen.

Das Internet hat versagt.

Sie schreibt: „Drei Wochen sind keine Erfahrung.“


Das stimmt.

Dann fragt jemand:

„Wie viele Wochen warst du dort?“

Die Fernexpertin schweigt.

Totenstille

Dann:

„Darum geht es nicht.“

Natürlich nicht.

Die Fernexpertin besitzt nämlich etwas, das selbst drei Wochen Pattaya nicht ersetzen können: eine Meinung vor der Erfahrung.

Und die ist besonders wertvoll.

Sie kann durch keine Realität beschädigt werden.

Eines Abends entdeckt die Fernexpertin einen Beitrag: „Ich lebe jetzt seit zwölf Jahren in Pattaya und würde nirgendwo anders mehr wohnen.“

Sie liest ihn.

Dann schreibt sie:

„Dann hast du wahrscheinlich vergessen, wie schön das wahre Thailand ist.“

Der Mann antwortet: „Welches wahre Thailand?“

Die Fernexpertin:

„Das Land.“

„Welchen Teil meinst du?“

„Das authentische Thailand.“

„Wo ist das?“

Kurze Pause.

„Nicht Pattaya.“

Damit ist die geografische Frage geklärt.

Die Fernexpertin hat übrigens inzwischen einen Reiseführer gekauft.

„Thailand – 50 Orte, die Sie gesehen haben müssen.“

Sie ist auf Seite 83.

Pattaya kommt auf Seite 117.

Dort ist ein Foto.

Darunter steht:

„Pattaya – berühmter Badeort und Zentrum des Nachtlebens.“

Die Fernexpertin nickt.

„Genau.“

Sie kennt die Stadt.

Manchmal fragt sie jemand:

„Warum fährst du eigentlich nicht einmal selbst hin?“

Das ist eine schwierige Frage.

Denn ein Besuch vor Ort wäre wissenschaftlich gesehen ausgesprochen riskant.

Es könnte ihr gefallen.

Es könnte ihr sogar sehr gut gefallen.

Vielleicht würde sie feststellen, dass Pattaya aus mehr besteht als aus Bars.

Vielleicht würde sie Menschen treffen, die ganz normale Dinge tun.

Frühstücken.

Arbeiten.

Einkaufen.

Dumme Sprüche über den Untergang an Stammtischen raus hauen.

Spazieren gehen.

Mit Freunden essen.

Am Strand sitzen.

Vielleicht würde sie feststellen, dass die Realität komplizierter ist als ihre Theorie.

Und das wäre für die Fernexpertin eine Katastrophe.

Nicht für Pattaya.

Für ihre Theorie.

Also fährt sie nicht.

Sie bleibt zu Hause.

Und erklärt weiter.

„Pattaya ist ...“

Dann folgt ein langer Beitrag.

Sehr lang.

Mit Absätzen.

Mit Links.

Mit Screenshots.

Mit einem YouTube-Video.

Mit einem Hinweis auf eine Bekannte.

...alles so extra so lang, damit mein Forenfreund hier durchdreht.

Ich sorge mich nicht. Er hat das hier eben eh nicht gelesen sondern postet eh nur: " kürzer, ist zu lang" 😋

Die Expertin indes mit dem Satz:

„Ich habe mich intensiv mit dem Thema beschäftigt.“

Die Frau war noch nie dort.

Aber sie hat sich beschäftigt.

Das muss man respektieren.

Am Ende schreibt jemand:

„Dann fahr doch einfach hin.“

Die Fernexpertin antwortet:

„Warum sollte ich? Ich weiß doch, wie es dort ist.“

Und genau hier hat die Natur ihre schönste Pointe eingebaut.

Die gemeine Pattaya-Fernexpertin kennt Pattaya nicht deshalb so gut, weil sie dort gewesen ist.

Sie kennt es so gut, weil sie niemals dort war.

Denn solange sie nicht hinfährt, kann ihr die Realität auch nicht widersprechen.

Sie kann weiterhin behaupten, dass alle Männer dort nur deshalb sind, weil sie in Deutschland keine Frau bekommen.

Dass alle Frauen dort vom weissen alten Mann eh nur das Geld wollen.

Dass niemand dort wirklich glücklich sein kann.

Dass Pattaya nur aus Sextourismus besteht.

Dass Kultur ausschließlich dort beginnt, wo keine Bars stehen.

Und dass sie selbst natürlich niemals in diese Stadt fahren würde.

Das ist wichtig.

Denn wenn sie jemals tatsächlich nach Pattaya flöge, müsste sie möglicherweise zugeben, dass sie sich geirrt hat.

Und das wäre ausgesprochen unangenehm.

Vor allem im Forum.

Dort hat sie schließlich einen Ruf zu verlieren.

Also bleibt sie zu Hause.

Vor dem Laptop.

Mit lila Haaren, Nickelbrille und kaltem Kaffee.

Und erklärt einer Person, die seit zwölf Jahren in Pattaya lebt, wie Pattaya wirklich ist.

Die Person antwortet: „Aber ich wohne hier.“

Die Fernexpertin tippt:

„Genau deshalb bist du nicht objektiv.“

Sie lehnt sich zurück.

Rückt die Nickelbrille zurecht.

Trinkt ihren kalten Kaffee. Kalt.

Und lächelt zufrieden.

Sie hat Pattaya wieder erfolgreich erklärt.

Ohne einmal dort gewesen zu sein.

Ein bemerkenswert sparsames Reisekonzept.

Und vermutlich das einzige, bei dem man gleichzeitig die ganze Welt kennt und trotzdem nie das Haus verlassen muss.

Am nächsten Abend trifft sie sich mit ihrer Frauengruppe.

Dort wird der Fall noch einmal gründlich diskutiert.

Eine trägt eine violette Filztasche.

Eine andere hat einen Button mit der Aufschrift „Patriarchat? Nein, danke!“

Die Dritte besitzt ein Notizbuch aus Recyclingpapier und sagt seit zwölf Minuten nichts, weil sie erst ihre Gefühle sortieren möchte.

Die Fernexpertin legt Ausdrucke des Forums auf den Tisch.

Alle nicken ernst.

„Wir müssen das ein für alle Mal klarstellen“, sagt sie.

„In den Foren“, ergänzt eine andere.

„Mit Quellen“, sagt die mit dem Notizbuch.

„Und mit Haltung“, sagt die mit der Filztasche.

Daraufhin wird die Fernexpertin einstimmig beauftragt, künftig in sämtlichen Pattaya-Foren die Dinge endgültig zu erklären.

Sie nimmt den Auftrag an.

Schließlich hat sie Erfahrung.

Nicht mit Pattaya.

Aber mit dem Erklären.
 
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Nachtrag des Adlers: Das gemeine Pattaya-Wechselkurs-Krokodil​


Eine Spezies habe ich in meinem ursprünglichen Bericht allerdings vergessen.

Das gemeine Pattaya-Wechselkurs-Krokodil.

Crocolius pattayensis forexianus.

Es stammt ursprünglich aus Indien und tritt in Pattaya grundsätzlich in Gruppen auf.

Ein einzelnes Exemplar ist selten.

Meistens sitzen drei bis sieben Krokodile irgendwo in der Nähe einer Wechselstube und lauschen.

Nicht der Musik.

Nicht dem Verkehr.

Dem Wechselkurs!

Eines hält das Handy ans Ohr.

Das andere beobachtet die Anzeige.

Das dritte telefoniert bereits mit dem vierten Krokodil, das etwa 300 Meter weiter an einer anderen Wechselstube steht.

Plötzlich: „Brother. Rate now forty-one point eight.“

Kurze Pause.

„No, no. Do not change yet.“

Dann schaut das Krokodil wieder auf die Anzeige.

„Now forty-two.“

Sofort wird telefoniert.

„Brother, now change. Now. Very good rate.“

Das andere Krokodil ruft etwas zurück.

„How much?“

„All.“

„All what?“

„All money.“

Stille

„How much money?“

„All.“

Das Krokodil legt auf.

Drei Sekunden später fällt der Kurs um 0,12 Baht.

Es schaut auf sein Handy.

Dann auf die Wechselstube.

Dann auf die anderen Krokodile.

„Wait.“

Niemand bewegt sich.

Fünf Minuten später:

„Now forty-one point nine.“

Das Krokodil nickt.

„Very good. Change now.“

Die Gruppe setzt sich langsam in Bewegung.

Wie eine kleine Wanderherde auf der Suche nach der letzten wirtschaftlich vertretbaren Möglichkeit, einen Euro bzw. Rupien in Baht zu verwandeln.

Der Adler beobachtet das seit geraumer Zeit.

Er hat inzwischen festgestellt, dass das Krokodil seinen gesamten Tag nach dem Wechselkurs organisiert.

Frühstück:

„Rate?“

Kaffee:

„Rate?“

Mittagessen:

„What is rate now?“

Am Abend im Restaurant:

„Brother, check rate.“

Jemand schaut auf den Kurs.

„41.73.“

Das Krokodil lehnt sich zurück.

„Bad.“

Zehn Minuten später: „41.81.“

Es springt auf.

„Now!“

Alle Krokodile greifen gleichzeitig nach ihren Handys.

Eines ruft die Wechselstube an.

Eines ruft das andere Krokodil an.

Eines steht bereits dort.

Und eines weiß überhaupt nicht, was passiert, handelt aber vorsichtshalber trotzdem.

Der Adler betrachtet das Schauspiel.

Dann kommt er zu einem bemerkenswerten Schluss: Das Krokodil lebt nicht in Pattaya.


Es lebt zwischen zwei Wechselkursen.

Und wenn der Unterschied groß genug ist, hält es das für einen erfolgreichen Tag.

Ich hatte diese Spezies ursprünglich für einen besonders nervösen Pattaya-Bewohner gehalten.

Inzwischen bin ich mir sicher: Es handelt sich um ein Finanzmarktphänomen mit Sandalen.

Und natürlich wird morgen wieder angerufen.

„Brother.“

„Rate now?“
 
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