Teil 5 Pattaya-Naturkunde: Die Sprachschulen
Alles frei erfunden. Auch die Namen. Falls sich jemand wiedererkennt: Bitte langsam sprechen.
In Pattaya gibt es Sprachschulen. Zumindest steht das außen dran.
PATTAYA INTERNATIONAL LANGUAGE & CULTURAL ACADEMY
Darunter: GERMAN – THAI – ENGLISH – CULTURAL EXCHANGE
Das sieht sehr seriös aus.
Drinnen stehen drei Plastikstühle, ein Schreibtisch aus den Neunzigern und ein Ventilator, der bei jeder Umdrehung ein Geräusch macht, als würde er seine Kündigung vorbereiten.
An der Wand hängt ein Zertifikat. Niemand weiß genau, wofür. Aber es ist laminiert.
Das schafft Vertrauen.
Dienstags um zehn beginnt Deutsch für Thailaydies. Die Teilnehmerinnen heißen meistens irgendwo zwischen Nok, Ploy, May, Fah und Pim.
Heute sind sechs da.
Alle sehen aus, als hätten sie vor Unterrichtsbeginn noch schnell beschlossen, dass Deutsch vielleicht doch eine gute Idee sein könnte.
Die Lehrerin heißt Khun Siriporn. 28 Jahre alt.
Sehr freundlich. Sehr geduldig.
Und mit dieser besonderen Fähigkeit thailändischer Lehrerinnen, selbst einen ausgewachsenen deutschen Grammatikunfall anzusehen, als wäre alles vollkommen in Ordnung.
„Guten Morgen.“
„Guten Mogen.“
„Morgen.“
„Guten Morgen.“
„Guten Mogen.“
Siriporn lächelt.
„Sehr gut.“
Das ist pädagogisch wichtig.
In Thailand gilt: Wenn der Schüler etwas Falsches sagt, aber dabei glücklich aussieht, war es ein Fortschritt.
Heute geht es um den Satz: „Ich liebe dich.“
Warum gerade dieser Satz?
Niemand weiß es.
Aber plötzlich sind alle aufmerksam.
Siriporn schreibt an die Tafel:
Ich liebe dich.
Pim liest: „Ich liebe disch.“
„Sehr gut.“
Nok: „Ich libe dich.“
„Sehr gut.“
May: „Ich liebe Dick.“
Kurze Pause.
Siriporn schaut auf die Tafel.
Dann auf May.
„Dich.“
„Dick.“
„Dich.“
„Dick.“
„Okay.“ Man muss auch einmal wissen, wann eine Lektion abgeschlossen ist.
Im Nebenraum beginnt währenddessen Thai für deutschsprachige Rentner.
Hier sitzen Männer, die in Deutschland jahrzehntelang mit einem Drucker gekämpft haben und jetzt glauben, eine Tonsprache in sechs Wochen zu beherrschen.
Der heutige Kurs besteht aus: Horst-Jürgen, 71, früher Bauingenieur.
Willi, 68, ehemaliger Außendienstler.
Hannes, 74, „noch topfit“.
Und Günter, 69, der schon seit drei Jahren sagt: „Ich kann eigentlich ganz gut Thai.“
Er kann tatsächlich ungefähr zwölf Wörter. Davon sind vier Gerichte.
Vorne sitzt die Lehrerin:
Khun Nicha. 31 Jahre, Single Mom. Wissen irgendwie alle. Warum, weiss ich wiederum nicht.
Sehr charmant.
Sehr hübsch.
Sehr freundlich.
Und mittlerweile offensichtlich in einem Stadium beruflicher Gelassenheit, in dem sie nichts mehr überraschen kann.
Sie schreibt:
mai
„Das bedeutet je nach Ton etwas anderes.“
Horst-Jürgen nickt.
Er hat sofort verstanden.
Natürlich.
„Also wie Ma-i?“
Nicha: „Nein.“
„Mai?“
„Nein.“
„Maaai?“
„Nein.“
„Mai?“
„Auch nein.“
Horst-Jürgen lehnt sich zurück. „Ist aber schon ähnlich.“
Nicha lächelt. „Very similar.“
Das ist die thailändische Version von:
Du hast wirklich überhaupt nichts verstanden.
Dann kommen die Töne. Nicha spricht ein Wort vor. Die Männer sprechen nach.
Nicha:
„maa.“
Alle:
„maa.“
„mâa.“
Alle:
„maa.“
„máa.“
Alle: „maa.“
Nicha schließt kurz die Augen. Nicht lange.
Nur so lange, wie ein Mensch braucht, um sich daran zu erinnern, dass er eigentlich einen schönen Beruf hat.
Willi ist besonders eifrig.
Er möchte alles richtig machen. „Noch einmal.“
Nicha:„mâa.“
Willi: „mâa.“
„Gut.“
„mâa.“
„Sehr gut.“
„mâa.“
„Yes.“
Willi strahlt.
„Was heißt das jetzt?“
Nicha: „Je nach Ton etwas anderes.“
Willi schaut auf sein Heft. „Welches davon habe ich gerade gesagt?“
Nicha: „Das weiß ich nicht.“
Willi: „Aber Sie haben doch gesagt, sehr gut.“
Nicha: „I am polite.“
Das ist vermutlich die ehrlichste Antwort des gesamten Sprachkurses.
Hannes hat inzwischen sein eigenes System entwickelt. Er spricht Thai einfach so aus, wie er es für richtig hält.
Wenn Nicha sagt: „khâaw“
sagt Manfred: „Kao.“
„khâaw.“
„Kao.“
„khâaw.“
„Kao.“
Nicha gibt auf. „Okay. Kao.“
Manfred strahlt.
Er hat gerade eine Sprache reformiert.
Besonders beliebt ist der Satz: „Ich möchte ein Bier.“
Nicha schreibt: Phom yak dai bia.
Günter liest: „Pom Jacky bei Bier.“
Nicha: „Nein.“
Günter: „Pom Jackie bei Bier?“
„Nein.“
„Pom Jacky dai bia.“
Nicha schaut ihn an. „You want beer?“
„Ja.“
„Then say beer.“
Das ist vielleicht die pragmatischste Unterrichtsmethode, die je entwickelt wurde.
Bei den Thailaydies geht es inzwischen um deutsche Präpositionen.
Siriporn schreibt: Ich bin bei meinem Freund.
Ploy fragt: „Was ist bei?“
„Bei.“
„In?“
„Nein, bei.“
„Mit?“
„Nein.“
„Zu?“
„Nein.“
Ploy schaut lange auf den Satz. „Warum nicht einfach
mit?“
Siriporn schweigt. Zum ersten Mal in diesem Unterricht wirkt sie selbst leicht ratlos.
Dann kommt die Königsdisziplin:
der, die, das.
Siriporn: „Tisch.“
„Der Tisch.“
„Lampe.“
„Die Lampe.“
„Auto.“
„Das Auto.“
Pim fragt:
„Warum?“
Siriporn:
„Das ist die deutsche Grammatik.“
Pim:
„Warum?“
Siriporn:
„Because German.“
Das wird akzeptiert.
Schließlich hat Thailand auch Regeln, die niemand erklären kann.
Zur gleichen Zeit hat Horst-Jürgen ein Problem.
Er möchte seiner Freundin auf Thai sagen:
„Du bist sehr hübsch.“
Nicha schreibt den Satz an die Tafel.
Horst-Jürgen spricht nach. „Khun suai maak.“
Nicha: „Sehr gut.“
Horst-Jürgen ist begeistert.
„Kann ich das auch zu Ihnen sagen?“
Nicha: „For practice.“
„Khun suai maak.“
Nicha: „Thank you.“
Horst-Jürgen lächelt.
Willi schaut zu ihm.
„Was heißt das?“
Horst-Jürgen:
„Du bist sehr hübsch.“
Willi nickt.
„Das merk ich mir.“
Nicha hört das.
Natürlich.
Sie ist Lehrerin.
Aber sie ist auch Thailänderin.
Sie weiß genau, was als Nächstes kommt.
Fünf Minuten später sitzen drei deutsche Rentner vor der Tafel und üben gemeinsam:
„Khun suai maak.“
„Khun suai maak.“
„Khun suai maak.“
Nicha: „Okay, next sentence.“
Horst-Jürgen: „Noch einmal.“
Nicha: „No.“
„Warum?“
„Because you know it now.“
„Ja.“
„Then next.“
Sie schreibt: Wo ist die Toilette?
Plötzlich ist es still.
Die Sprachschule selbst gibt sich übrigens größte Mühe, seriös zu wirken.
An der Tür steht:
ACCREDITED INTERNATIONAL LANGUAGE CENTER
Im Prospekt:
„Modern language acquisition through immersive intercultural communication.“
Im Klassenraum hängt ein Whiteboard.
Das Whiteboard funktioniert allerdings nur, wenn man gleichzeitig auf die linke Ecke drückt und das Kabel hinter dem Schreibtisch ein bisschen bewegt.
Dazu gibt es Kaffee. Instant. Ohne Zucker.
Der Zucker steht in einer kleinen Plastikschale, in der früher vermutlich etwas anderes war.
Aber es ist sauber. Mehr kann man von einer Sprachschule eigentlich nicht verlangen.
Am Ende der Stunde verteilt Nicha Hausaufgaben. „Please repeat the words 20 times.“
Günter fragt: „Schreiben oder sprechen?“
„Both.“
„Zwanzigmal?“
„Yes.“
Günter schaut auf die Liste.
„Das schaff ich.“
Nicha nickt. Sie weiß es besser.
Am nächsten Dienstag wird Günter wiederkommen und fragen:
„Wie war noch mal
Danke?“
Nicha:
„Khop khun khrap.“
Günter:
„Kop Kun Crap.“
„Almost.“
„Was war falsch?“
„Everything.“
Günter lacht.
Nicha auch.
Und genau deshalb funktionieren diese Sprachschulen vermutlich so gut.
Nicht weil irgendjemand nach acht Wochen plötzlich Thai oder Deutsch kann.
Sondern weil sechs Menschen jeden Dienstag zwei Stunden lang gemeinsam feststellen, dass eine Sprache offenbar doch nicht so einfach ist.
Die Thailaydies lernen: „Ich liebe dich.“
Die deutschen Rentner: „Wo ist die Toilette?“
Und beide Seiten gehen anschließend nach Hause mit dem guten Gefühl: Heute haben wir wieder richtig was gelernt.
Was genau, bleibt offen.
Aber es war immerhin ausgesprochen.