Teil 48: wie das eine zum anderen kam, oder besser: Der sanfte Abstieg in die finanzielle und körperliche Vernunft… bzw. noch genauer: Wie man in Thailand nicht König wird, aber immerhin nicht verhungert
Prolog. Nice / Frankreich 1995… oder warum man manche Orte falsch abspeichert
Ich weiß nicht mehr genau, wann mir das in Nice zum ersten Mal wirklich klar geworden ist. Vielleicht war es auch gar kein einzelner Moment. Eher so eine Summe aus Licht, Hitze und diesem merkwürdigen Gefühl, dass alles dort etwas weniger schwer wirkt.
1995, Côte d’Azur. Nice morgens ist so hell, dass man instinktiv erstmal nichts glaubt, was man spontan sieht.
Das Maison Blanche lag oberhalb dieser Felsen. Ein Haus, das nicht wichtig wirken wollte, aber trotzdem da war. Ein paar Stufen hoch, dann ist man plötzlich über der Küste. Unten diese kleinen Buchten zwischen den Steinen. Ich erinnere mich manchmal daran, auch heute noch, und frage mich dann kurz, ob das damals wirklich so ruhig war oder ob ich es im Nachhinein glätte.
Ich habe dort Französisch unterrichtet. Als Muttersprachler. In den Semesterferien. Jurastudium, kurz vor dem ersten Examen. Diese Phase, in der man eigentlich lernen sollte, aber plötzlich alles andere sich echter anfühlt als das Lernen selbst.
Der Unterricht war… naja. Kein System im klassischen Sinn. Eher ein permanenter Zustand zwischen Kontrolle und leichtem Kontrollverlust.
Jugendliche aus ganz Europa, erste Freiheit, viel Energie, wenig Richtung. Einer saß immer hinten und hat Chips gegessen, sehr konsequent, als wäre das eine Art Kommentar zur Pädagogik. Zwei haben ernsthaft diskutiert, ob Französisch überhaupt noch Zukunft hat. Einer hat die Fensterbank gewählt, weil Stühle ihm zu „institutionell“ waren. Solche Dinge bleiben hängen, warum auch immer.
Ich habe versucht zu führen. Ich sage bewusst „versucht“. Mehr nicht.
Und dann Thierry.
Thierry war nicht nur Freund, sondern auch Chef der Sprachschule dort. Mein Vorgesetzter auf dem Papier, im Alltag eher jemand, der Dinge laufen lässt und dabei sehr genau beobachtet, wann sie kippen.
Und jetzt fällt mir gerade ein: er hatte diese Ruhe, die nicht beruhigt, sondern eher abwartet. Das trifft es besser.
Pattaya-Einschub (späterer Gedanke, der sich damals noch nicht ergeben hat)
Wenn ich heute daran denke, wirkt Nice fast wie das Gegenmodell zu Orten, an denen Realität bewusst etwas lauter eingestellt ist.
In Pattaya zum Beispiel. Ich war damals noch nicht in dieser Phase meines Lebens, aber später schon – hätte derselbe Unterricht dort im Seebad wahrscheinlich komplett anders ausgesehen:
Ein Schüler hätte garantiert erklärt, dass er „morgen sicher kommt“, während er gleichzeitig bereits sichtbar im Zustand von „morgen eher nicht“ existiert.
Einer hätte den Unterricht vermutlich aus einem Plastikstuhl an der Straße verfolgt, nicht weil er Stühle nicht mag, sondern weil der Stuhl dort eher etwas Temporäres ist, kein Besitz, eher Zufall mit Sitzfläche.
Und irgendwo wäre immer dieses Geräusch gewesen, das in Nice eher völlig fehlt:
Motorroller, Musikfetzen, und diese Art von Stadtgeräusch, das nie endet, sondern nur die Lautstärke wechselt, wenn man weghört.
Thierry hätte dort vermutlich denselben Satz gesagt, nur lauter:
„Das ist gefährlich, weil es sich dort nicht nur gut anfühlt... sondern komplett egal.“
Zurück zu Nice
Es gab diese Mittage, die sich später wichtiger anfühlen als sie waren.
Wir lagen im Meer in einer Art Badebecken unten nahe der Felsen an der Küste. Pause. Wasser kühl genug, um wach zu bleiben, warm genug, um nichts zu tun. Neben uns ein kleiner improvisierter Tisch im Kies, zwei Gläser Pernod, dieses milchige Weiß im Glas, und Sonne, die sich nicht interessiert.
Man redet da nicht richtig. Eher so halbe Sätze.
Thierry sagte irgendwann: „Weißt du, das hier ist bedenklich. Nicht weil es schlecht ist, sondern weil es sich so endgültig gut anfühlt.“
Ich habe gesagt: „Dann ist es vermutlich genau richtig.“
Er hat kurz gelächelt, dann: „Das sagen viele genau vor dem Punkt, an dem sie nichts mehr verändern. Du bist ein Spiesser.“
Und das ist so ein Satz, der hängen bleibt, ohne dass man ihn sofort versteht.
Später, vielleicht am selben Tag oder auch an einem anderen ...die Zeiten verschwimmen dort leicht... kam dieses Gespräch:
Klimbim: „Weißt du… hier könnte ich mir irgendwann meine Altersresidenz vorstellen, ruhig und entspannt.“
Thierry: „Hier? Mon dieu! Im Sommer vielleicht. Im Winter wirst du dich vor allem daran erinnern, dass du das gesagt hast.“
Klimbim: „Im Winter ist das relativ. Es ist ja nicht dauerhaft Winter, irgendwie geht das schon.“
Thierry: „Hier bleibt der Winter. Und es dauert verdammt lang und wird nass.“
Klimbim: „Und was wäre die Alternative… wenn du neu anfangen würdest? Irgendwo etwa im eiskalten Norden? Nahe den Briten am Kanal, wo es nahezu ununterbrochen regnet und das 364 / 365 Tagen im Jahr?“
Thierry: „Neeeee...Asien. Thailand. Immer warm. Kein Winterdenken. Du lebst dort anders.“
Klimbim: „Das klingt fast zu einfach.“
Thierry: „Die einfachen Dinge halten. Müsste Dir doch gefallen bei Deinem Sicherheitsdenken.“
Klimbim: „Dann müsste man genau dafür investieren. Ruhig, ohne Drama.“
Thierry: „Wofür genau?“
Klimbim: „Für Gesundheit, für ein funktionierendes Leben und ein bisschen Sicherheit im Hintergrund.“
Thierry: „Die meisten machen genau das Gegenteil, ohne es zu merken.“
Dann und dort setzte sich der Zug in Bewegung, "das Projekt"... (Thierry wird mir in einigen Monaten folgen. Er sucht gerade eine Wohnung zum kaufen, in Pratumnak...)
Aber...
...ich sortiere dann mal nach, was sich dann für mich aus diesem Gespräch so ergab... das recht praktisch aber entspannt über die ganze lange Zeit bis heute sozusagen...so einfach ist es bei mir eigentlich nie...
Teil 1 – Vermögen: Dinge, die sich irgendwann selbst erklären sollen
Wenn ich heute auf meine finanzielle Struktur schaue, wirkt das ehrlich gesagt dann doch wieder weniger wie ein Plan und mehr wie eine Sammlung von Entscheidungen, die sich irgendwann ergeben haben. War es so? Vielleicht.
Fest steht Folgendes:
Ich habe früh angefangen mit Versicherungen. Damals sinnvoll, heute teilweise überstrukturiert, aber gut ...so ist das eben.
Fünf Rentenbausteine inzwischen: drei private Rentenversicherungen, eine betriebliche Altersvorsorge, Versorgungswerk und gesetzliche Rente.
Das klingt klarer als es sich im Alltag manchmal anfühlt. Ich ertappe mich gelegentlich dabei, dass ich nachdenken muss, wo eigentlich was liegt. Nicht dramatisch, aber eben auch nicht so glatt, wie es in Tabellen aussieht.
Gold ist auch da. Krügerrand. Damals gekauft, heute einfach Bestandteil der Landschaft. Hat sich absolut gelohnt. Bin heute selbst verblüfft.
Anleihen sind eher das langsame Kapitel. Stabil, aber mit diesen kleinen Kostenstellen, die sich nicht laut melden, sondern später wirken.
Die Immobilie in Thailand ist dagegen fast banal konkret. Sie ist einfach da. Leben drin, Familie drin, Alltag drin. Letztes Jahr durchgezogen,
@Brokerxy hat es hier zwar nicht bewirkt, aber mich manchmal so genervt, dass ich dann schneller durchzog und das ist auch gut so, besten Dank.
Ich hatte mal kurzfristig sogar über eine zweite nachgedacht. Hat sich erledigt. Ich weiß nicht mehr genau, wann.
Ein Bankberater meinte: Immobilien sind illiquide. Ich habe gesagt: stimmt. Aber ich wohne darin.
Er hat genickt. Mehr nicht.
Mein Fundament steht. Bars in der Soi 6 brauche ich nicht als Investition und auch keine gigantischen Spa Anlagen, die
@OnkelToto wohl demnächst im Isaan aufziehen möchte.
Mitsamt lauter Suppenküchen im Hinterhof, wie er mir verriet. Zwischen Mücken und Sumpfvipern, have FUN.
Virtuell kann er ja dann dort Bitcoin zählen, er wird es geniessen.
Teil 2 – Gesundheit: Routine, die sich irgendwann normal anfühlt
Gesundheitlich ist das Ganze inzwischen ziemlich regelmäßig geworden.
Alle zwei Jahre Magen-Darm, Haut, Prostata, Herz, Blutwerte. Nichts Spektakuläres, aber beruhigend. Vielleicht ist genau das der Punkt.
Ich laufe viel. Zehn Kilometer am Tag im Schnitt, würde ich sagen. Schwimmen ebenfalls regelmäßig. Fitnessstudio war nie mein Ding, das habe ich irgendwann akzeptiert und dann gelassen.
Meine Frau Theresa kommt von den Philippinen. Krankenschwester. Und ich habe manchmal das Gefühl, ich bin für sie eine Art dauerhaft laufender Beobachtungsfall mit begrenzter Selbstverwaltung.
Ich: "Ich gehe laufen.“
Theresa: „Wie lange, wo genau, genug Wasser?“
Ich: „Ich wollte eigentlich nur laufen.“
Theresa: „Genau deshalb frage ich.“ (kennt ihr Loriot und "Herrmann", der einfach nur "da sitzen will"... ?)
Meine Tochter (19): „Papa ohne Bauch ist kein Papa.“
Ich: „Das ist keine medizinische Kategorie.“
Sie: „Doch, eine familiäre.“
Im Moment 89 Kilo bei 1,83. Obergrenze 90. Das pendelt sich so ein, irgendwie.
Teil 3 – Thailand mit Knirps
Und dann ist da noch die Gegenwart, die Realität.
Der Sohn meiner Frau, den ich Knirps nenne, war schon kurz in Ko Samui und ganz kurz in Pattaya. Aber eher oberflächlich. Wirklich kennen tut er Thailand hauptsächlich aus meinen Erzählungen, Bildern und Geschichten. Und ich merke manchmal, dass daraus so eine Art zweite Realität entsteht, die sich echt anfühlt, aber eigentlich erzählt ist.
Und genau dort werden wir bald unterwegs sein. Roller, Strecke, Hitze, kleine Wege, größere Wege, einfach unterwegs.
Knirps: „Ich habe das Gefühl, ich kenne die Straßen schon ein bisschen, auch wenn ich noch nicht dort war.“
Ich: „Das passiert. Du baust dir im Kopf eine Karte, die draußen erst geprüft werden muss.“
Knirps: „Dann sehe ich ja, was davon stimmt.“
Ich: „Genau.“
Er hat schon eine gewisse Erwartung, aber eben noch keine Erfahrung. Das ist vermutlich die beste Mischung.
Seine Mutter Theresa ist in dieser Zeit weit weg. Kein permanenter Kontakt im Hintergrund, kein ständiges Abstimmen. Einfach zwei unterwegs.
Und ich merke, dass das alles leichter wirkt, als man vorher denkt. Nicht großartig, eher normal, aber anders normal.
Knirps: „Mit dir ist es einfacher. Du machst nicht aus allem gleich ein Thema.“
Ich: „Ich mache schon Themen draus. Du hörst nur früher auf zuzuhören.“
Er lacht: „Das stimmt.“
Mehr braucht es eigentlich nicht.
Und wenn ich alles zusammennehme ... Nice, Thierry, Vermögen, Gesundheit und jetzt diese Zeit mit Knirps – dann wirkt das weniger wie ein Plan, sondern eher wie etwas, das sich erst im Nachhinein sortiert.
Ob man Pattaya und Ruhestand planen kann, bzw. sogar Ruhestand in Pattaya, da habe ich inzwischen Zweifel.
Ich überlege mal, wie ich die maximal komplizierten Vorgänge dort, die ich noch einmal dann on top oft zusätzlich maximal kompliziere (meine Natur), die sich dann am Ende aber wiederum maximal lustig-gelungen lösen (und das meistens wie von selbst, was meine ganzen Überlegungen nutzlos machen) einordnen kann.
Dieses "Mai pen rai" oder so ähnlich, ist mir persönlich zu abgedroschen.
Vielleicht eher: "erstens: es kommt meist anders und 2. als man denkt".
