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Pattaya 1973 – Das Leben ist schön, lass uns die Musik lauter stellen!

Osso

Kennt noch nicht jeder
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26 Februar 2023
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Vorwort


Geschätzte Leser, liebe Forenmitglieder und Gleichgesinnte

Was ist das Motto deines Lebens? Ist es das, was Gottvater zu Noah gesagt hat? "Gehe raus aus der Arche und entdecke die Welt!"

Ich bin in meinem Leben wiederkehrend aus der Arche gehüpft, weg aus behüteten und geordneten Verhältnissen, habe alle Zelte abgebrochen, Job gekündigt, Wohnung liquidiert und mir eine Auszeit genommen. Meine längste Reise dauerte fünf Jahre und ich weilte damals in Ozeanien und in den endlosen Weiten des Südpazifiks. Stets war ich bestrebt, Neues zu sehen und zu entdecken, wollte nie an den gleichen Ort zurück. Eine Destination in meinem endlosen Reiseleben aber bildete eine Ausnahme und ich bin zeitlebens dorthin zurückgekehrt: PATTAYA!!! Mittlerweile sind es 51 Jahre, dass ich diesen Ort periodisch als «Single Male» frequentiere.


Ich möchte gleich zu Beginn etwas klarstellen: Für die folgenden Zeilen darfst du mir eine gewisse Befangenheit unterstellen. Ich bin wertkonservativ und erzähle gerne aus vergangenen Zeiten. Früher war vieles nicht ganz so schlecht.

Der Report ist eine Momentaufnahme meiner damaligen Reise- und Lebensverhältnisse; eine kulturkritische Diagnose aus 50 Jahren Distanz. Lang verschüttete Erinnerungen wurden an die Oberfläche gespült und ich konnte den Zeitgeist jener Jahre wieder heraufbeschwören. Der Hauptschauplatz ist nebst Bangkok und NYC das Seebad Pattaya, die Zeit meine Jugend. Ich bin mit Pattaya vertraut, hier bin ich vom Jüngling zum Mann geworden; es ist nicht meine absolute Herzensheimat, aber ich fühle mich in diesem anrüchigen Sündenpfuhl heimisch und sauwohl.

Seit den 1970er-Jahren war ich wiederkehrend präsent. Oftmals kürzer, vielmals länger, und auch sehr viel länger. Gerne habe ich gleich in Pattaya überwintert. Ich verfolge die wirtschaftliche und politische Entwicklung von Gohok-City – der Lügen-Stadt, wie sie treffend auf thailändisch bezeichnet wird und glaube, mitreden zu können, auch wenn ich als Nicht-Thailänder null mitzubestimmen habe. Immerhin verstehe ich schon seit Jahrzehnten die Second Road (Pattaya Sai Song Rd) unfallfrei zu überqueren.



Langsam erreiche ich meine literarische Betriebstemperatur und wir können in die Zeitmaschine einsteigen und ins Pattaya der 1970er-Jahre reisen; meine alten Tagebuchnotizen helfen mir dabei.
Happy Trip!





Hauptbericht


Ich parke meine gemietete 500er-Honda vor der Strandbar Coconut Grove an der Beach-Road, bestelle mir ein Tonic und klaube ein Thaistick hervor. Der Bartender ist sauber und kennt mich. Ich bin jeden Morgen hier und muss meinen Joint nicht im Verborgenen reinziehen.



Die Nacht war wieder einmal lang, wohl zu lang. Die Wanduhr zeigt auf Neun.

Mit zittrigen Händen öffne ich eine Camel-Zigarette und mische den Tabak mit Thaigras. Wir haben gefeiert und geliebt, als ob es keinen neuen Morgen gäbe.

Ich möchte weiterfliegen und nie mehr landen. Trotzdem konnte ich das Anbrechen des neuen Tages nicht verhindern. Das Zusammenkleben des Rizla-Papiers will nicht recht gelingen. "Du hättest besser dein Chillum" eingesteckt", denke ich.

Der G.I. am anderen Ende der Bar beobachtet mein vergebliches Bemühen, nimmt sein Frühbier und kommt zu mir herüber um behilflich zu sein. Er mag zwei, drei Jahre älter sein als ich, bestenfalls fünfundzwanzig; blonde kurzgeschorene Haare, weisse Haut mit etwas Laubflecken im Gesicht. "Need a hand, body?" fragt er mich. Ich nicke. "Nice to meet you, I am Bill from New Jersey." My pleasure", kontere ich, "I am Osso from Switzerland, just arrived a couple of days ago. Osso, what a silly name?!“. Mit ein paar Sätzen mache ich Bill klar, dass ich korrekterweise auf den Namen "Ursus" getauft wurde. Auf einem Trampertrip in den Maghreb, nannte man mich in Spanien Oso (der Bär). Ich verstärkte die Bezeichnung mit einem Doppel-S, um mich insbesondere auch von Guru Bhagwan aus Poona abzugrenzen, der von seinen Sanyassins auch Osho genannt wurde. Dieser «Nickname» hat mich zeitlebens auf alle Kontinente begleitet.
Was soll‘s, ist doch eigentlich schnorzegal wie man heisst. Hauptsache man kann die Leute auseinanderhalten, Spass haben und hier so richtig abhängen.



Zum zweiten Mal bin ich von Europa auf dem Landweg mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Indien gereist. In Delhi war ein Richtungsentscheid fällig:
«Should I continue west or east?“ fragte ich mich.
Keine der neuen Frauenbekanntschaften auf dem Hippietrail hätte mich bewegen können, ihnen zu folgen. Weiber gibt’s überall. „I don‘t care“. Goa oder Bangkok? Eine aufgeworfene Rupie beantwortete die Frage. So ging‘s dieses Mal Richtung Bangkok - ein Heimspiel so oder so.
Ade Garam Masala, ich habe dich bis oben aus satt. Ich wusste was mich erwartete. Nach drei Monaten Südeuropa, Zentralasien, einen Sidestep nach Afghanistan und zur Nachspeise über den Khyber-Pass nach Peshawar in Pakistan und weiter nach Indien, da reist man zur Abwechslung für andere Kost ganz gerne weiter nach Südostasien.

Am Don Muang Flughafen nach der Landung gibt’s erst einmal wieder richtig westlich zu mampfen: Hamburger mit Pommes, Ketchup und so. Unbegreiflich, wie ich nach drei Monaten so etwas Banales vermisse. Meinen Rucksack schleppe ich ins Departure-Gate hoch und suche mir ein billiges Taxi zum Malaysia-Hotel.
Die Abfahrt von hier ist ein echter Geheimtipp. Sonst hätte der Fahrer eine Leerfahrt und ist froh, trotzdem ein paar Bath zu verdienen. Bereits im Taxi will er mir in holprigem Thai-Englisch ein Girl andrehen, "You want nice lady?", doch ich lehne ab. "I am just arrived, might get later one, dont wanna boom boom now."



Im Hotel weise ich den Taxifahrer an zu warten, werfe meinen Rucksack aufs Bett und entnehme daraus die letzten sauberen Klamotten. Wieder mal Zeit für einen Laundry-Day. Mein Vorgänger ist gerade ausgezogen und das Zimmer noch nicht gerichtet. Ein feiner Duft von Ganja liegt in der Luft. Die lärmende AC stelle ich auf High Level. Verschmutzt und verschwitzt wie eingetroffen, fasse ich die Plastiktüte mit meinen frischen Kleidern und fahre gleich weiter ins Caesars-Palace an die Sukhumvit Road auf einen Soapy (Body-Body-Massage). Ein gigantischer Tempel mit über hundert Girls - jedes mit einer Identifikations-Nummer.
Mein Thailand beginnt! Ich pfeiffe auf jegliche Moral. Der Grossteil der Welt funktioniert anders. Die Mamasan rät mir zu Nummer 78 in der Fishbowl, einem zierlichen Girl mit ansprechendem Vorbau und vielleicht 150 cm Körpergrösse, denn ich wünsche eine besonders aktive Masseuse. Auch eine Sandwichnummer sei problemlos möglich, erinnert die geschäftstüchtige Mamasan. Aus Budgetgründen muss ich passen. Lieber später noch mal eine Wiederholung in Einzelbedienung. Ich bezahle zum Voraus.



Das Girl holt mich im Vorraum ab, nimmt mich an der Hand und begleitet mich mit einem Stapel frischen Badetüchern in ihren Arbeitsbereich. Sie spricht kein Wort Englisch, doch ich verstehe schnell was sie von mir wünscht: Kleider ablegen und im Nassbereich in der Badewanne Platz nehmen. Ich kenne das Prozedere längst. Sie macht sich ebenfalls frei, behält aber vorerst Büstenhalter und Slip noch an. Da steigt die Spannung und mein Onkel auch. Zuerst werde ich nassgespritzt und mit wohlriechender Seife und einem Naturschwamm sauber gewaschen. Wenn ich mich zurück erinnere, dürfte dies ein Schlüsselmoment in meinem Leben gewesen sein. Seit ich mit Asiatinnen zusammen bin, habe ich in meinem Leben nie mehr selber geduscht, sondern ich lasse duschen. Bald bin ich wieder von Kopf bis Fuss ein sauberer «Qualitätswestler». Die Grundreinigung in der Wanne ist abgeschlossen.



Jetzt folgt die eigentliche Bodymassage. Eine Art gepolsterte Gummimatratze wird in eine Vertiefung im Fliesenboden gelegt. Die Matte wird reichlich eingeschäumt, fast so viel wie in einer Kinderbadewanne, aber ohne Badewasser. Mittlerweile hat sich meine Fee auch ganz entkleidet und beginnt auf mir herumzurutschen. Jetzt wird meine Vermutung bestätigt. Die Möpse sind wirklich beachtlich gross.
Die Schambehaarung übernimmt die Bürstenfunktion . Ich greife nach ihren nassen, glitschigen Brüsten. Mit unsäglicher Ruhe gleitet sie ununterbrochen über meinen müden Körper. Mehrmals fordert sie mich zum Wenden auf. Zeitweise nicke ich auf der Gummimatratze ein und beginne ein Schnarchkonzert; das Mädchen kichert.
Mein Dödel erinnert mich nachhaltig immer wieder ans Aufwachen und weitere bevorstehende Freuden. Immer wieder gleitet die Ying mit reichlich Schaum und schwarzer Muschi über meinen Körper. Wenn nötig, seift sie nach. Wohliges Kribbeln durchfährt wiederkehrend meinen Leib. Nach eineinhalb Stunden sind nicht nur meine müden Knochen, sondern auch meine Seele erholt. Jetzt werde ich wie ein Baby abgetrocknet und zu einer weiteren Nummer auf die Kingsize-Spielwiese ins Nebenzimmer geführt. „We make happy happy“ haucht sie mir ins Ohr, bevor sie mich besteigt und reitet. Gott, ich bin im Paradies und kann meine Sinne nicht mehr unter Kontrolle halten. Nach der Nummer gibt’s ein erneutes abschliessendes Reinigungsritual. Innerhalb von gut zwei Stunden bin ich runderneuert und werde mit den auswendig gelernten Worten „like you so much, come again“ und eingepudertem Dödel verabschiedet.


Der permanente Verkehrsstau und Schmutz im Bangkok der 1970er-Jahre ist auf Dauer nicht zu ertragen. Da hilft durchatmen und picknicken im Lumpini-Park nur wenig. Erfahrungsgemäss habe ich vom Coffee Shop im Grace Hotel, dem Chavalit-Hotel, dem Nana Plaza Entertainement Complex und der Sündenmeile Pat Pong nach einer guten Woche genug. Ich will raus aus dem Moloch. Ein paar bekannte Leute treffe ich hier immer wieder gerne. Drei Tage war ich mit Phong zusammen. Ich kenne sie von früher.
Sie mag vielleicht zehn Jahre älter sein und macht eine Schneiderinnen-Ausbildung. Sie will raus aus dem jetzigen Job. Nachts tanzt sie auf einer Empore in der Flying Maschine in Pat Pong, wo man von unten schräg durch ihre nackten Beine blicken kann. Eine Prachtsfrau, selbst ohne Highheels gute 170 cm hoch, schwarzblaue Naturhaare bis weit über die Schultern, schönes breites Gesicht, starke Backenknochen, sinnlicher Mund, langer Hals, eine Figur fürs Titelbild des Penthouse-Magazins und ein sanftes Wesen, das jeden Mann fibrieren lässt. Sie raucht und trinkt nicht. Mit dem LD hat sie mich damals zum ersten Mal beschissen. Ich hab’s gemerkt und wir haben gelacht. Gleich haben wir uns gut verstanden und ich habe sie gebarfined. Wir machten uns eine schöne Nacht – in der Stadt und im Hotel. Morgens um 3 Uhr bestellte ich beim Zimmerservice zwei Teller American Fried Rice und eine Flasche Singha und ein Coke. Es lag eine ausserordentliche Sanftheit und Unverdorbenheit in ihrem Wesen, auch wenn ich weiss, dass sie sich wiederkehrend und gewerbsmässig an fremden Geschlechtsorganen verdingt.



Am zweiten Tag brachte sie mich schon zu sich nach Hause. An einem Klong in der Nähe des Chao Praya Rivers, bewohnt sie mit ihrer Mutter ein kleines Haus auf Pfählen. Sie kann es fast nicht fassen, als sie mich wieder sieht. "Osso, you back again!" Ich werde von ihr auch dieses Mal wie seine Exzellenz Bhumibol Rama IX in persona behandelt. Sie mag mich, bekocht mich, massiert mich, errät meine Wünsche, ohne dass ich sie ausspreche. Über weitere Details schweigt der Gentleman. Nie bin ich mir als Kunde vorgekommen, nie hat sie Geld von mir verlangt. Immer wieder lautete ihre Frage nur "Sabai dii rù""Fühlst du dich wohl?" "Sabai dii" antwortete ich ehrlich – "Ich fühle mich gut" – ja sogar verdammt gut, es könnte nicht besser sein, dafür hat mein Basic-Thai jedoch nicht ausgereicht. Ihre Antwort auf meine Frage am Schluss, wieviel Bath sie bekomme, war immer dieselbe "It’s up to you". So wäre es wohl noch eine Weile weiter gegangen, hätte mein Karma nicht ein anderes Programm vorgesehen. Ich will weiter. "See you next time Darlin‘, coming back, for shure".

Anfangs der 1980er-Jahre verloren sich unsere Spuren. Irgendwann erreichte mich ein Aerogramm aus Aberdeen, Scotland. Ich schrieb ein letztes Mal zurück: "Ich hoffe du hast nicht kalt und es geht dir gut, liebe Phong."


Mit drei anderen Folks nehme ich ein Taxi über die lausige Landstrasse nach Pattaya. Das kostet pro Trampernase nicht viel mehr als eine Busfahrkarte. Kaum ist die verrostete Japanerkiste auf der holprigen Strasse unterwegs, reicht mir der dunkle Fahrer mit krausem Haar unaufgefordert den ersten Joint nach hinten. Der Driver ist klar ein Produkt eines schwarzen G.I.s mit thailändischer Mutter. Er spricht Thai, praktisch kein Englisch, weiss aber genau, was Mister Osso aus Zwitschgerland bedarf. Mit Bestimmtheit weiss sein Vater nicht, dass er einen Sohn in Thailand hat. Wie sollte er auch?

Bill ist auf R&R. Er hat 120 Stunden – dann muss er zurück ins Grauen. Rest & Recreation, kurz R & R genannt, war für US-Soldaten während des Vietnamkrieges festes Programm und bedeutete in etwa Ruhe und Erholung. Im Jargon der GI's auch als L & L genannt, Liquor & Love – frei und sinngemäss auf Deutsch übersetzt - Saufen und Bumsen. Mit dem Segen von General Westmoreland kamen sie aus der Hölle ins Paradies, aus dem Dschungel direkt in die Bars von Pattaya. "Ein hervorragendes Mittel um die Moral unserer Truppen zu festigen!", so seinerzeit der General wörtlich.

Wir teilen uns den Joint zu Dritt, der Bartender ist mit von der Partie. "Was hältst du von einem üppigen amerikanisches Frühstück", frage ich Bill. «Ich kenne ein gutes Lokal in Naklua oben (Northpattaya), das auch Bottomless-Coffee ausschenkt.» "Oh man, that‘s a pritty good idea." Bill verabschiedet sich von seinem Mädchen mit einem Klaps auf den Po und den Worten "Move on". Sie hat geduldig gewartet und auf eine Longtime-Bekanntschaft gehofft. Er verspricht ihr, später am Abend in der Bar wieder reinzuschauen. Heaven knows, ob er das wirklich tut. Das Mädchen weiss es, er weiss es, alle wissen es - so ist das hier. Er gibt ihr etwas Geld und setzt sich dann hinten auf meinen Sozius; vollbekifft, in Shorts, Badelatschen und ohne Helm donnern wir dem guten Kaffee entgegen. Ein neuer Tag nimmt seinen Anfang. Wir wenden uns Johnnie Walker zu und führen Männergespräche. Das Leben ist schön, lass uns die Musik lauter stellen!

Zwischen Fried Eggs und Hashbrown Potatoes berichtet mein neuer Kumpel Privat First Bill O’Keefe vom U.S. Marine Corps von seinem Dienst am 17. Breitengrad. Die DMZ umfasste ein Gebiet von jeweils 5 Kilometer auf beiden Seiten des Ben Hai Rivers und reichte vom Meer bis zur laotischen Grenze. Während des Krieges war das Gebiet südlich der DMZ, Schauplatz einiger der blutigsten Schlachten des Konflikts: Dong Ha, Quang Tri, Can Thien, Camlo, Camp Carroll, The Rockpile, Khe Sanh Combat Base, Lang Vei, das Ashou-Tal, Hamburger Hill.

Über zwei Jahre leistet Bill schon Dienst am 17. Breitengrad. Er war zuerst in Camp Carroll stationiert und verantwortlich für den Support des AGM-62 Walleye. In dieser Gegend gab es von 1967 – 1972 mehr amerikanische Opfer als an irgendeinem anderen Kampfplatz in Vietnam. Von hier aus muss er auch auf Patrouille.
Viele seiner Kameraden sind mittlerweile über den Jordan gejuckt oder bereits abgezogen worden.
Jetzt gibt es nur noch US-Berater und Spezialisten für die Maintenance hier.
Ein kleines Kontingent von G.I.‘s bewacht amerikanische Einrichtungen. Die Basis wird vom Südvietnamesen Colonel Pham Van-Dinh befehligt.
Immer wieder kam es zu Feindberührungen bis im April 1972 die Oster-Offensive der NVA kam. Der Gegner hat wie nie zuvor jede Menge moderner Waffen von den Grossmächten PRC und UDSSR erhalten. Die NVA war bestens gerüstet und hatte mit Bestimmtheit auch die bessere Kampfmoral. Die armen Schweine hatten nichts zu verlieren. Die Offensive wird durch präzise und stundenlange, zermürbende Artillerieschläge eingeleitet. Danach folgen Bodenangriffe. Die notwendige Unterstützung der Südvietnamesen aus der Luft bleibt aus. Das 56. ARVN-Regiment flüchtete in Panik, teils ohne überhaupt gekämpft zu haben, aus dem Frontgebiet, plünderte und richtete die Waffen sogar gegen die US-Berater. Es besteht heute kein Zweifel, dass die Soldaten sich selbst überlassen wurden. Typisch USA, dereinst werden die Amerikaner auch in Afghanistan und in anderen Nationen davonlaufen.
In Paris wurden die Friedensgespräche unterbrochen. Südvietnamesische Soldaten zeigten Bereitschaft zur Desertion. Andere warfen ihre Waffen weg und flüchteten in Zivil. In einem Fall wurde sogar eine Maschine gekapert um in sicheres Gebiet zu fliegen. Von feindlichen Truppen umzingelt, musste Camp Carroll am 2. April 1972 die weisse Flagge hissen. Viele flüchten ungeordnet ins südlich gelegene Hinterland. Die Grenze verschiebt sich 20 Kilometer weiter nach Süden. Diese Zustände zeigten die dramatische Verschlecherung der Lage für Südvietnam auf.

Bill rechnet damit, dass der Krieg bald zu Ende geht. Am 27. Januar 1973 haben die kriegsführenden Parteien in Paris nun einen Waffenstillstand unterzeichnet. Dank der Entspannungspolitik von Präsident Richard Nixon und seinem Secretary of State, Henry Kissinger, sollen alle amerikanischen Truppen sukzessive abgezogen werden. Bereits Ende März verlassen die letzten US-Kampftruppen das Kriegsgebiet Richtung Heimat Zurück bleiben lediglich militärische Berater, Spezialisten und Marines zum Schutz der US-Anlagen. Nixon versichert dem amerikanischen Volk einen "Peace with honour" - einen ehrenvollen Frieden. Die weitere Verteidigung übernimmt wohl oder übel die Südvietnamesischen Armee. Heute wissen wir, dass es total der falsche Zeitpunkt war, die Verbündeten sich alleine zu überlassen.

Doch der politische Druck zuhause und die permanenten Proteste gegen den Vietnamkrieg, liessen kein anderes Vorgehen zu. Die Amerikas Bürger hatten vom Krieg endgültig die Schnauze voll. Als Spezialist leistet Bill nach seinem 120-stündigen Kurzurlaub in Pattaya weiterhin Dienst Er gehört nicht zu den Glücklichen die nach Hause fliegen durften. Das lange Gespräch mit Bill und vier weitere Tage in seiner Gesellschaft habe ich nie mehr vergessen. Wir machen die Nacht zum Tage, tauschten die Weiber, waren nur einmal bekifft, nämlich vom Anfang bis zum Schluss.



Ich lernte Bill während diesen Tagen besser kennen, als manchen Kollegen nach Jahren. Er wusste, dass er nichts zu verlieren hatte, nur zu gewinnen und legte mir sein Leben in allen Schattierungen mit Geheimnissen dar.; ich begleitete ihn zurück nach U-Tapao zur Frachtmaschine.

Das sind Ereignisse in einem endlosen langen Reiselebens, die man nicht mehr vergisst. Es ist, als hätte ich ihn schon Jahre gekannt, als ob wir zusammen zu Schule gegangen wären. Ein guter Kumpel auf den man sich 100 Prozent verlassen konnte. Nie ein Wort über Desertation, obschon es ein Leichtes gewesen wäre. Er liebte sein Land und war von der Richtigkeit seines Einsatzes überzeugt. Als er die Treppe in die Maschine hochstieg, wussten wir beide, dass seine statistische Überlebenschance auf dem 17. Breitengrad gerade mal fünfzig Prozent betrug.

Vier Jahre später nach unserer Pattaya-Sause, fliege ich mit der Loftleidir-Icelandic von Luxemburg über Reykiavik nach New York; in der damaligen Zeit der billigste Airlift über den Nordatlantik. Im Gepäck ein zerknitterter Zettel mit der Adresse und Wegskizze von Bill. Der Greyhound-Bus bringt mich vom JFK direkt weiter nach New Jersey. Manhattan nehme ich mir später mal vor. Mal sehen wie es dem alten Kumpel geht, denke ich. Wollen wir doch mal wieder so richtig die Sau raus lassen. Mit dem Stadtplan in der Hand navigiere ich vom Busbahnhof zu Fuss die ganze Strecke bis zum Haus; ich habe Zeit wie meistens. Eine ältere Frau öffnet mir die Türe – es könnte seine Mutter sein. «Hello mam„ I’am Osso from Switzerland, looking for Bill.“ Ich strecke ihr den Zettel entgegen und sie erkennt Bills Handschrift. Tränen fliessen langsam über ihr Gesicht – ich weiss sofort Bescheid. "He passed away, a couple of year ago", he’s a MIA (Missing in action)», sagt sie leise, "You’ll find his name at Vietnam Veterans Memorial in Washinton D.C". Nach einer Tasse Kaffee hänge ich schweren Herzens meinen Rucksack wieder um -,"Live is a bitch" - die nächste Destination ist gesetzt. Diesen Gang bin ich Bill schuldig.

Osso, seit 1971 auf der endlosen Reise.

Pattaya, im Februar 2024
 

Rad

Das Leben ist wie Radfahren..
   Autor
21 März 2016
604
5.226
1.995
Großes Kino,,Respekt, vor allem dass Du nach vielen Jahren Bill in seiner Heimat aufgesucht hast, so hast Du ihm die letzte Ehre erteilt , denke auch, dass seine Mutter sich gefreut hat...
Solche gute Freunde ,sterben leider viel zu Jung.
 

Suzie Wong

Fungo di Bosco
   Sponsor 2024
26 Oktober 2014
8.462
161.448
5.368
München
Vier Jahre später . .
Mit dem Stadtplan in der Hand navigiere ich vom Busbahnhof zu Fuss die ganze Strecke bis zum Haus; ich habe Zeit wie meistens. Eine ältere Frau öffnet mir die Türe – es könnte seine Mutter sein. «Hello mam„ I’am Osso from Switzerland, looking for Bill.“ Ich strecke ihr den Zettel entgegen und sie erkennt Bills Handschrift. Tränen fliessen langsam über ihr Gesicht – ich weiss sofort Bescheid.

,"Live is a bitch" - die nächste Destination ist gesetzt. Diesen Gang bin ich Bill schuldig.

@Osso das Leben schreibt oft Geschichten, die keinem Drehbuch Autoren besser gelingen können.

Danke dass du diese mit uns geteilt hast.

Suzie, die mit einem Kloß im Hals, diese Zeilen schreibt . . .
 

Bruno69

Neuer Member
    Neuling
2 Oktober 2023
18
41
273
Auch von mir vielen Dank für diese interessanten Einblicke in das Leben zu dieser Zeit und deine damit einhergehenden Erfahrungen. Gerne würde ich mehr darüber erfahren und freie mich somit über einen weiteren Verict deinerseits!
 
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Reaktionen: NCS666 und Dali

ritschi

Neuer Member
    Neuling
3 April 2024
8
8
163
Die linguistisch hervorragend geschilderte Geschichte brachte mich wegen Bill zum Weinen, because auch ich hatte einen Freund who`s a MIA.
 

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