Teil 29: Türkischer Kaffee und Schweizer Kirsch
Klimbim saß wie fast jeden Abend unten vor seinem Condo in Pratumnak Hill, halb beschäftigt mit seinem Handy und halb damit, so auszusehen, als hätte er noch irgendeine Form von Kontrolle über sein Leben. Also praktisch wie jeder zweite Farang zwischen Dongtan Beach und einem leicht enttäuschenden Visa-Run.
Es war einer dieser Abende, an denen Pattaya aussah, als hätte jemand versehentlich einen feuchten Waschlappen über Dubai gezogen und anschließend beschlossen, Stadtplanung werde generell überbewertet.
Dann kam Nok vorbei.
Auf einem Motorroller.
Hinten drauf ein Mädchen, vielleicht dreizehn. Beide sahen so erschreckend jung aus, dass erfahrene Auswanderer aus Deutschland innerlich bereits ihre Lesebrille putzten und vorsichtig anfingen, moralische Excel-Tabellen anzulegen.
Der Roller hielt direkt vor dem Gebäude.
Nok zeigte auf das Condo.
„Excuse me… juristic office where stay?“
Ich antwortete in meinem besten Englisch: “The management office should still be open, unless they’ve once again decided that administrative responsibility is merely a philosophical concept.”
Sie sah mich an wie eine Katze, die gerade mit Mehrwertsteuerrecht konfrontiert wurde.
„You know office or no know office?“
„Yes.“
„Ahhh. Good.”
Kurze Pause.
„We want rent condo here.”
Und plötzlich wurde die Situation deutlich interessanter.
Nicht
Pattaya-interessant.
Eher angenehm absurd. So wie ein englischer Lord, der im 7-Eleven ernsthaft versucht, Toast Hawaii als Kulturgut zu verteidigen.
Ich nickte Richtung Gebäude.
„Actually, these units are rather nice.”
„You live here?“
„Unfortunately, yes.”
Die Tochter begann zu kichern.
Nok: „Can see room maybe sometime?”
Und jetzt kommt der Punkt, an dem jeder Pattaya-Veteran instinktiv kurz aufhört zu atmen und geistig bereits seine Scheidungsurkunde sucht.
Ich sagte: “Well, I can at least show you mine so you get an idea.”
Beide schauten sich an.
Dann mich.
Dann wieder sich.
Dann begannen beide gleichzeitig zu lachen wie zwei Schülerinnen, die gerade beschlossen hatten, einen ahnungslosen Farang emotional in den Bankrott zu treiben.
„Can go now?”
„Yes, of course.”
Und so stand ich fünf Sekunden später mit zwei thailändischen Damen im Fahrstuhl meines Condos, während irgendwo in Jomtien ein deutscher Rentner plötzlich grundlos nervös seinen Blutdruck kontrollierte und seine Thai-Freundin fragte, ob „alles okay“ sei.
Im Lift entstand direkt das erste Missverständnis.
Nok: „You stay alone?“
„No, I’m married.”
Sie nickte.
„Ahhh. Wife Thailand?”
„No, Filipino originally. But German now.”
Sie blinzelte.
„German Thai?”
„No, Filipino. From Philippines.”
„But look Thai?”
„A little, yes.”
Nok dachte kurz nach und nickte dann mit der ernsten Miene einer Frau, die gerade ein geopolitisches Problem verarbeitet.
„Asia same same.”
„That is diplomatically dangerous territory, Nok.”
Ihre Tochter lachte wieder los.
Dann kam die nächste Frage:
„Still married?“
Ihre Tochter lachte so abrupt los, dass sie fast gegen die Fahrstuhlwand fiel.
Oben angekommen öffnete ich die Tür.
Die beiden gingen hinein…
…und reagierten ungefähr so, als hätte ich versehentlich den Eingang zum Buckingham Palace geöffnet.
„OOOOHHHHHH!”
„Beautiful!”
„Very hi-so!”
Das Wort „hi-so“ wurde dabei ausgesprochen wie eine religiöse Offenbarung kurz vor einem Tempelneubau mit Sponsorentafel.
Nok lief durch das Wohnzimmer und fasste alles an, als würde sie prüfen, ob europäische Möbel tatsächlich existieren oder nur ein Mythos aus westlichen Netflix-Serien sind.
Dann blieb sie plötzlich vor dem großen Bild von mir und meiner Frau im Wohnzimmer stehen.
Und starrte es ungewöhnlich lange an.
Wirklich lange.
So lange, dass ich kurz dachte, sie versucht vielleicht herauszufinden, ob meine Frau irgendwo heimlich einen thailändischen Pass versteckt.
Ihr Gesichtsausdruck wurde dabei leicht traurig.
Nicht dramatisch traurig.
Eher diese stille kleine Enttäuschung, wie wenn jemand im 7-Eleven feststellt, dass der Toast-Schinken schon wieder ausverkauft ist.
Dann zeigte sie auf das Bild.
„Nooo… Thai wife.”
„No, Filipino.”
„No, no… must be Thai.”
„Honestly, she’s Filipino.”
Nok trat noch näher an das Bild heran und musterte meine Frau mit der Ernsthaftigkeit eines Immigration Officers kurz vor Feierabend.
Dann nickte sie langsam.
„Very beautiful lady.”
„She is.”
Sie lächelte kurz.
Aber da war eindeutig ein winziger Hauch von persönlicher Enttäuschung dabei. Nicht schlimm. Eher dieses stille: „Ah. So that explains things.”
Die Tochter beobachtete ihre Mutter inzwischen mit dem Grinsen eines Menschen, der genau versteht, was gerade passiert.
Dann lief Nok weiter durchs Wohnzimmer.
„This condo VERY expensive.”
„Not really. The condo was normal. The renovations were expensive.”
„How much?”
Ich seufzte kurz in der Art eines Menschen, der gleich gestehen muss, freiwillig sehr viel Geld für hübsche Wände ausgegeben zu haben.
„About twelve thousand Euros.”
Absolute Stille.
Ihre Tochter sah mich an, als hätte ich gerade erklärt, ich hätte privat einen kleinen Regionalflughafen finanziert.
Nok: „TWELVE THOUSAND?!”
„Yes.”
„For make wall?”
„Among other things.”
Sie nickte langsam.
„Farang very strange people.”
„That has been scientifically confirmed several times.”
Dann zeigte ich ihnen Schlafzimmer, Küche, Balkon.
Im Schlafzimmer blieb Nok erneut vor einem weiteren Bild meiner Frau und mir stehen.
Sehr groß.
Also wirklich groß.
Praktisch die Art Bild, die subtil sagt: „Bevor hier jemand dumme Ideen entwickelt ... bitte zunächst Formular 7B beim zuständigen Amt einreichen und zwei Passkopien beilegen.“
Nok zeigte sofort wieder darauf.
„See! Thai wife!”
„No, Filipino - German. Berlin City Girl. Really”
„Noooo. Thai.”
„Honestly, Filipino...from origin.”
Sie trat näher an das Bild heran, als würde sie ein Kunstwerk im Louvre analysieren.
„Maybe little Thai.”
„No.”
„Maybe Phuket Thai.”
„That is not an ethnicity.”
Ihre Tochter bog sich bereits vor Lachen.
Nok blieb vollkommen überzeugt.
„Thai face.”
„Asian face.”
„Same same.”
„Again: dangerous diplomatic territory.”
Ich deutete schließlich auf das Bild.
„That’s my wife. We’re very happily married.”
Nok lächelte freundlich.
Aber dieses Lächeln hatte ganz kurz diesen winzigen Hauch von: „Well. That is mildly inconvenient.”
Die Tochter bemerkte es sofort und grinste ihre Mutter an.
„Maaaa…”
„Quiet.”
Themawechsel mit der Geschwindigkeit einer thailändischen Kellnerin, die hört, dass irgendwo ein Farang seit drei Minuten ohne Getränk sitzt.
„You drink coffee?”
Und damit begann unerwartet der kulturelle Höhepunkt des Abends.
Ich erinnerte mich plötzlich daran, dass ich noch türkischen Kaffee hatte.
Richtigen.
Mit diesem kleinen Metallkännchen.
Dieses kleine Kupferinstrument, mit dem man Kaffee zubereitet wie ein osmanischer Chemiker kurz vor einem kontrollierten Zwischenfall im Sultanpalast.
Ich sagte: “I can make proper Turkish coffee.”
Nok: „Turkish coffee same like Amazon Café?“
„Not remotely.”
Während ich den Kaffee kochte, standen beide daneben und beobachteten mich mit der Konzentration eines NASA-Kontrollzentrums kurz vor Raketenstart.
„You put sugar now?”
„Yes.”
„Now milk?”
„No.”
„Now milk?”
„Still no.”
„Now?”
„Patience, Nok. Civilisation took centuries.”
Der Duft breitete sich aus.
Ich servierte kleine Tassen.
Beide nahmen vorsichtig einen Schluck.
Dann wurden ihre Augen groß.
Sehr groß.
„OOOOHHHH!”
„Very strong!”
„This coffee fight people!”
„That,” sagte ich trocken, „is more or less the point.”
Innerhalb von drei Minuten wollten beide Nachschlag.
Mehrfach.
Ich hob warnend den Finger.
„Careful. If you drink more of this, neither of you will sleep before nächstes Songkran.”
Nok grinste. „I no need sleep.”
Ihre Tochter: „Mama already no sleep.”
„QUIET.”
Irgendwann dachte ich, man müsse den Abend noch kulturell abrunden.
Ein klassischer Fehler europäischer Männer seit mehreren Jahrhunderten.
Ich holte die Flasche hervor.
Etter Alte Kirsche aus Zug.
Schweizer Kirschschnaps.
Eine Flüssigkeit, die schmeckt, als hätten sehr disziplinierte Bergmenschen versucht, Mathematik trinkbar zu machen.
Ich schenkte Nok ein kleines Glas ein.
„Just try a little.”
Sie roch daran.
Sofort skeptisch.
Dann nahm sie einen Schluck.
Und ihr Gesicht…
Mein Gott.
Ihr Gesicht verzog sich in eine Form, die ich bisher nur bei Menschen gesehen hatte, die versehentlich Diesel probiert oder deutsche Behördenpost geöffnet haben.
Die Tochter sprang einen halben Meter zurück.
„Mama okay?!”
Nok hustete leicht.
„This medicine?”
Ich musste lachen.
„No. Swiss hospitality.”
Sie stellte das Glas vorsichtig ab, als wäre darin ein aktiver NATO-Zwischenfall.
„Thai lady no drink this.”
„An important lesson in international diplomacy.”
Die Tochter verweigerte kategorisch jede Teilnahme.
Was vermutlich ihre vernünftigste Entscheidung des gesamten Abends war.
Irgendwann erzählte Nok dann von ihrem neuen Café irgendwo in der Nähe.
Und plötzlich wechselte ihre gesamte Energie.
Sie setzte sich etwas näher.
Nicht dramatisch.
Nur dieses sehr subtile thailändische Näherkommen, bei dem man plötzlich das Gefühl hat, versehentlich in eine romantische Nebenszene einer asiatischen Soap Opera geraten zu sein.
„You come café, okay?”
„Maybe.”
„Tomorrow maybe?”
„Could be.”
„You promise?”
„We will see what future brings.”
Sie lächelte.
Leicht schief.
„You speak like Thai person now.”
„I adapt to local culture.”
Nok versuchte es weiter.
„I make special coffee for you.”
„That sounds dangerous.”
„I wait for you.”
„Very kind.”
„You come evening better.”
„Possibly.”
„You really come?”
Und hier geschah etwas Bemerkenswertes.
Denn plötzlich antwortete ich exakt so wie Thailänder seit Jahrhunderten antworten, wenn sie höflich ablehnen wollen, ohne dem Gegenüber das Gesicht zu nehmen.
Also praktisch vollkommen nutzlos konkret.
„Maybe yes. Maybe no. Difficult to know these things. Life very unpredictable.”
Nok sah mich kurz irritiert an.
Die Tochter dagegen verstand sofort.
Und fing derart an zu lachen, dass sie beinahe ihren Kaffee verschüttete.
Denn ich hatte ihr eigenes kulturelles System gegen sie verwendet.
Wie ein höflicher UNO-Diplomat mit Passiv-Aggressions-Zertifikat.
Nok versuchte trotzdem weiterzulächeln.
Aber man sah ihr kurz diesen winzigen Moment an, in dem ihr Gehirn dachte:
„Moment mal… ich werde gerade auf Thai abgelehnt.”
Und exakt das machte es so unfassbar komisch.
Sie nickte langsam.
„Ahhh… maybe.”
„Exactly.”
Dann gingen beide irgendwann wieder.
Unten hörte ich den Roller anspringen.
Und während sie davonfuhren, dachte ich mir:
Pattaya ist manchmal schon ein bemerkenswerter Ort.
Wo sonst endet ein vollkommen harmloser Dienstagabend damit, dass man zwei fremden Thailänderinnen türkischen Kaffee serviert, ihnen Schweizer Kirschschnaps traumatisch nahebringt und anschließend eine höfliche Thai-Abfuhr auf Tinglish erteilt?
Wahrscheinlich nur hier.
Und vermutlich genau deshalb bleiben die alten Veteranen seit dreißig Jahren in ihren kleinen Condo-Bunkern sitzen wie pensionierte Kolonialbeamte, die schlicht vergessen haben heimzufliegen.
Weil Pattaya einem ständig Geschichten schenkt, die eigentlich völliger Unsinn sind.
Aber eben ausgesprochen unterhaltsamer Unsinn.
P.S.: sie hiess wirklich NOK. PPS. Morgen fahre ich an die Grenze zu Kambodscha zu schönen Wasserfällen. Ich freue mich.
