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- 24 November 2024
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Teil 49: Pattaya-Veteranen: Die letzte Ausbaustufe des deutschen Mannes … oder: Wie man auf einem Plastikstuhl sitzend gleichzeitig Außenminister, Meteorologe und Orthopädie-Fall wird
Aus meinem Material aus dem Monat April verfasst. Ich bitte den Kistenmann wenn er das liest um Vergebung... er weiss genau warum. Wenn er wieder einmal im Isaan Kisten sortiert... aber nun los, ans Werk!
Es gibt in Thailand viele Gruppen.
Urlauber.
Auswanderer.
Digitale Nomaden.
Thailand-Experten.
Und dann gibt es die Pattaya-Veteranen.
Das ist keine Bevölkerungsgruppe.
Das ist ein Aggregatzustand.
Ort: Jomtien.
Zeit: Irgendwann zwischen Frühstück und Sonnenuntergang.
Also ungefähr immer.
Klaus-Jürgen sitzt bereits da.
Er sitzt eigentlich immer bereits da.
Niemand weiß genau, wann er kommt.
Vermutlich wird er morgens vom Personal aufgeschlossen.
Klaus-Jürgen ist Mitte sechzig.
Oder Anfang siebzig.
Oder Ende fünfzig.
Bei Pattaya-Veteranen verschwimmen diese Kategorien irgendwann.
Er trägt ein ehemals schwarzes Muskelshirt, das inzwischen die Farbe „erfahrener Asphalt“ angenommen hat.
Die Beine stecken in einer Shorts, deren ursprüngliche Farbe nur noch mit meiner ganzen Mühe wenn ich vielleicht ein gutes Lamm verspeist habe von mir rekonstruiert werden könnte. Vielleicht.
An den Füßen Sandalen.
Keine Marke.
Keine Schnalle funktioniert.
Aber sie halten seit acht Jahren.
Klaus-Jürgen auch.
Sein Bauch ist weder groß noch klein.
Er ist einfach da.
Wie ein langjähriger Mieter.
Die Hautfarbe bewegt sich irgendwo zwischen Rentnerbeige und Grillhähnchen Premium.
Die Sonnenbrille stammt wahrscheinlich aus dem Jahr 2014.
Sie sitzt schief.
Er auch.
Vor ihm steht ein Kaltgetränk.
Daneben ein zweites.
Das erste dient lediglich der historischen Dokumentation.
Ich setze mich.
„Na Klaus-Jürgen, alles gut?“
„Kann nicht klagen.“
„Du hast vor drei Minuten über die Regierung geklagt.“
„Das zählt nicht.“
„Warum nicht?“
„Das ist Grundrauschen.“
Damit ist das Gespräch eröffnet.
Dann taucht Günther auf.
Günther kommt grundsätzlich zu spät.
Nicht weil er zu spät losgeht.
Sondern weil er auf dem Weg grundsätzlich drei Bekannte trifft, mit denen er jeweils eine halbe Stunde über exakt dieselben Themen spricht.
Heute: Wechselkurs.
Gestern: Wechselkurs.
Morgen überraschenderweise ebenfalls Wechselkurs.
Günther setzt sich.
„Der Baht macht Sachen.“
Niemand fragt welche.
Alle nicken.
Jeder weiß, was gemeint ist.
Kurz darauf erscheint Horst.
Horst läuft leicht schief.
Nicht wegen des Alters.
Wegen seines Fußes.
Der Fuß hat seit ungefähr sieben Jahren etwas.
Niemand weiß was.
Horst auch nicht.
„Warst du mal beim Arzt?“
„Wegen dem Fuß?“
„Ja.“
„Der geht doch noch.“
Er hebt demonstrativ den Fuß.
Der Fuß widerspricht sichtbar.
Horst ignoriert die Einwände.
Dann kommt Dieter.
Dieter trägt eine Kappe.
Immer.
Auch nachts.
Auch drinnen.
Auch bei Regen.
Klaus-Jürgen beugt sich zu mir.
„Der hat irgendwas auf dem Kopf.“
Dieter hört das.
„Hab ich nicht.“
„Warum trägst du dann immer die Kappe?“
„Sonnenschutz.“
„Um Mitternacht?“
„Man weiß ja nie.“
Das Verfahren läuft nun im fünften Jahr.
Ohne abschließendes Gutachten.
Als Nächster erscheint Manfred.
Manfred kommt nur kurz vorbei.
Er muss gleich weiter.
Wie jeden Tag.
Niemand weiß wohin.
Nicht einmal Manfred.
„Ich bleib nur fünf Minuten.“
Alle nicken.
Zwei Stunden später sitzt er noch immer da.
Klaus-Jürgen:
„Siehste.“
Das war offenbar vorhersehbar.
Die Runde ist jetzt vollständig.
Zumindest vorläufig.
Ein Pattaya-Stammtisch ist nie vollständig.
Es fehlt immer einer.
Der ist entweder beim Zahnarzt.
Beim Visa-Büro.
Im Krankenhaus.
Oder auf dem Weg irgendwohin.
Meistens zum ersten Mal.
Seit drei Jahren.
Plötzlich sagt Dieter:
„Eigentlich müsste ich mal zum Arzt.“
Horst nickt.
„Ich auch.“
Günther:
„Ich ebenfalls.“
Klaus-Jürgen schaut in die Runde.
„Wieso geht ihr dann nicht?“
Stille.
Dieter:
„Vielleicht findet der was.“
Horst:
„Genau.“
Günther:
„Man soll Probleme nicht künstlich erzeugen.“
Ich:
„Das ist die ungewöhnlichste Definition von Vorsorge, die ich je gehört habe.“
Klaus-Jürgen nickt.
„Die haben Erfahrung.“
Später geht es wie immer um Weltpolitik.
Innerhalb von sechs Minuten lösen vier Männer auf Plastikstühlen:
die europäische Energiekrise,
die amerikanische Innenpolitik,
den Nahostkonflikt,
zwei Rentensysteme,
drei Währungsprobleme,
und die deutsche Nationalmannschaft.
Ohne Unterlagen.
Ohne Daten.
Ohne Rückfragen.
Lediglich mit Kaltgetränken.
Ich beobachte das fasziniert.
„Ihr habt zu allem eine Meinung.“
„Natürlich.“
„Und woher wisst ihr das alles?“
„Wir haben Zeit.“
Das ist überraschend schwer zu widerlegen.
Eine Stunde später diskutieren sie darüber, ob Deutschland noch Deutschland ist.
Niemand kann exakt definieren, was Deutschland eigentlich sein soll.
Das hindert aber niemanden am Diskutieren.
Danach wird über Wetter gesprochen.
Wie immer.
Jeder Pattaya-Veteran besitzt einen inoffiziellen Ehrendoktortitel in Tropenmeteorologie.
„Heute feuchter.“
„Woran merkst du das?“
„Knie.“
„Du hast doch gar nichts am Knie.“
„Noch nicht.“
Auch das wird akzeptiert.
Wissenschaftlich vermutlich schwierig.
Menschlich vollkommen ausreichend.
Später sitzen wir still da.
Meer.
Abendlicht.
Leichte Brise.
Klaus-Jürgen schaut aufs Wasser.
„Weißt du, was die Leute falsch verstehen?“
„Nein.“
„Die denken immer, wir hätten aufgegeben.“
„Und?“
„Dabei haben wir nur aufgehört, uns ständig verrückt zu machen.“
Ich überlege kurz.
„Das ist entweder sehr weise oder sehr bequem.“
Klaus-Jürgen nimmt einen Schluck.
„Warum soll das ein Widerspruch sein?“
Zum ersten Mal an diesem Tag herrscht völlige Ruhe.
Selbst Horsts Fuß scheint kurz nachzudenken.
Und genau da verstehe ich plötzlich die Pattaya-Veteranen.
Sie verteidigen gar nicht ihren Plastikstuhl.
Nicht ihr Kaltgetränk.
Nicht ihre kleine Wohnung.
Nicht einmal Pattaya.
Sie verteidigen ihr hart erarbeitetes Recht, sich von der Welt nicht mehr jeden Montag ein neues Problem aufschwatzen zu lassen.
Und wenn man ehrlich ist:
Zwischen Horsts Fuß, Dieters Geheimprojekt unter der Kappe, Günthers Wechselkursanalysen und Manfreds täglichem Aufbruch ins Unbekannte wirkt das alles deutlich chaotischer als geplant.
Aber vielleicht ist genau das das Geheimnis.
Die Pattaya-Veteranen haben nicht die Antworten gefunden.
Sie haben irgendwann beschlossen, dass die Hälfte der Fragen auch ohne sie zurechtkommt.

Aus meinem Material aus dem Monat April verfasst. Ich bitte den Kistenmann wenn er das liest um Vergebung... er weiss genau warum. Wenn er wieder einmal im Isaan Kisten sortiert... aber nun los, ans Werk!
Es gibt in Thailand viele Gruppen.
Urlauber.
Auswanderer.
Digitale Nomaden.
Thailand-Experten.
Und dann gibt es die Pattaya-Veteranen.
Das ist keine Bevölkerungsgruppe.
Das ist ein Aggregatzustand.
Ort: Jomtien.
Zeit: Irgendwann zwischen Frühstück und Sonnenuntergang.
Also ungefähr immer.
Klaus-Jürgen sitzt bereits da.
Er sitzt eigentlich immer bereits da.
Niemand weiß genau, wann er kommt.
Vermutlich wird er morgens vom Personal aufgeschlossen.
Klaus-Jürgen ist Mitte sechzig.
Oder Anfang siebzig.
Oder Ende fünfzig.
Bei Pattaya-Veteranen verschwimmen diese Kategorien irgendwann.
Er trägt ein ehemals schwarzes Muskelshirt, das inzwischen die Farbe „erfahrener Asphalt“ angenommen hat.
Die Beine stecken in einer Shorts, deren ursprüngliche Farbe nur noch mit meiner ganzen Mühe wenn ich vielleicht ein gutes Lamm verspeist habe von mir rekonstruiert werden könnte. Vielleicht.
An den Füßen Sandalen.
Keine Marke.
Keine Schnalle funktioniert.
Aber sie halten seit acht Jahren.
Klaus-Jürgen auch.
Sein Bauch ist weder groß noch klein.
Er ist einfach da.
Wie ein langjähriger Mieter.
Die Hautfarbe bewegt sich irgendwo zwischen Rentnerbeige und Grillhähnchen Premium.
Die Sonnenbrille stammt wahrscheinlich aus dem Jahr 2014.
Sie sitzt schief.
Er auch.
Vor ihm steht ein Kaltgetränk.
Daneben ein zweites.
Das erste dient lediglich der historischen Dokumentation.
Ich setze mich.
„Na Klaus-Jürgen, alles gut?“
„Kann nicht klagen.“
„Du hast vor drei Minuten über die Regierung geklagt.“
„Das zählt nicht.“
„Warum nicht?“
„Das ist Grundrauschen.“
Damit ist das Gespräch eröffnet.
Dann taucht Günther auf.
Günther kommt grundsätzlich zu spät.
Nicht weil er zu spät losgeht.
Sondern weil er auf dem Weg grundsätzlich drei Bekannte trifft, mit denen er jeweils eine halbe Stunde über exakt dieselben Themen spricht.
Heute: Wechselkurs.
Gestern: Wechselkurs.
Morgen überraschenderweise ebenfalls Wechselkurs.
Günther setzt sich.
„Der Baht macht Sachen.“
Niemand fragt welche.
Alle nicken.
Jeder weiß, was gemeint ist.
Kurz darauf erscheint Horst.
Horst läuft leicht schief.
Nicht wegen des Alters.
Wegen seines Fußes.
Der Fuß hat seit ungefähr sieben Jahren etwas.
Niemand weiß was.
Horst auch nicht.
„Warst du mal beim Arzt?“
„Wegen dem Fuß?“
„Ja.“
„Der geht doch noch.“
Er hebt demonstrativ den Fuß.
Der Fuß widerspricht sichtbar.
Horst ignoriert die Einwände.
Dann kommt Dieter.
Dieter trägt eine Kappe.
Immer.
Auch nachts.
Auch drinnen.
Auch bei Regen.
Klaus-Jürgen beugt sich zu mir.
„Der hat irgendwas auf dem Kopf.“
Dieter hört das.
„Hab ich nicht.“
„Warum trägst du dann immer die Kappe?“
„Sonnenschutz.“
„Um Mitternacht?“
„Man weiß ja nie.“
Das Verfahren läuft nun im fünften Jahr.
Ohne abschließendes Gutachten.
Als Nächster erscheint Manfred.
Manfred kommt nur kurz vorbei.
Er muss gleich weiter.
Wie jeden Tag.
Niemand weiß wohin.
Nicht einmal Manfred.
„Ich bleib nur fünf Minuten.“
Alle nicken.
Zwei Stunden später sitzt er noch immer da.
Klaus-Jürgen:
„Siehste.“
Das war offenbar vorhersehbar.
Die Runde ist jetzt vollständig.
Zumindest vorläufig.
Ein Pattaya-Stammtisch ist nie vollständig.
Es fehlt immer einer.
Der ist entweder beim Zahnarzt.
Beim Visa-Büro.
Im Krankenhaus.
Oder auf dem Weg irgendwohin.
Meistens zum ersten Mal.
Seit drei Jahren.
Plötzlich sagt Dieter:
„Eigentlich müsste ich mal zum Arzt.“
Horst nickt.
„Ich auch.“
Günther:
„Ich ebenfalls.“
Klaus-Jürgen schaut in die Runde.
„Wieso geht ihr dann nicht?“
Stille.
Dieter:
„Vielleicht findet der was.“
Horst:
„Genau.“
Günther:
„Man soll Probleme nicht künstlich erzeugen.“
Ich:
„Das ist die ungewöhnlichste Definition von Vorsorge, die ich je gehört habe.“
Klaus-Jürgen nickt.
„Die haben Erfahrung.“
Später geht es wie immer um Weltpolitik.
Innerhalb von sechs Minuten lösen vier Männer auf Plastikstühlen:
die europäische Energiekrise,
die amerikanische Innenpolitik,
den Nahostkonflikt,
zwei Rentensysteme,
drei Währungsprobleme,
und die deutsche Nationalmannschaft.
Ohne Unterlagen.
Ohne Daten.
Ohne Rückfragen.
Lediglich mit Kaltgetränken.
Ich beobachte das fasziniert.
„Ihr habt zu allem eine Meinung.“
„Natürlich.“
„Und woher wisst ihr das alles?“
„Wir haben Zeit.“
Das ist überraschend schwer zu widerlegen.
Eine Stunde später diskutieren sie darüber, ob Deutschland noch Deutschland ist.
Niemand kann exakt definieren, was Deutschland eigentlich sein soll.
Das hindert aber niemanden am Diskutieren.
Danach wird über Wetter gesprochen.
Wie immer.
Jeder Pattaya-Veteran besitzt einen inoffiziellen Ehrendoktortitel in Tropenmeteorologie.
„Heute feuchter.“
„Woran merkst du das?“
„Knie.“
„Du hast doch gar nichts am Knie.“
„Noch nicht.“
Auch das wird akzeptiert.
Wissenschaftlich vermutlich schwierig.
Menschlich vollkommen ausreichend.
Später sitzen wir still da.
Meer.
Abendlicht.
Leichte Brise.
Klaus-Jürgen schaut aufs Wasser.
„Weißt du, was die Leute falsch verstehen?“
„Nein.“
„Die denken immer, wir hätten aufgegeben.“
„Und?“
„Dabei haben wir nur aufgehört, uns ständig verrückt zu machen.“
Ich überlege kurz.
„Das ist entweder sehr weise oder sehr bequem.“
Klaus-Jürgen nimmt einen Schluck.
„Warum soll das ein Widerspruch sein?“
Zum ersten Mal an diesem Tag herrscht völlige Ruhe.
Selbst Horsts Fuß scheint kurz nachzudenken.
Und genau da verstehe ich plötzlich die Pattaya-Veteranen.
Sie verteidigen gar nicht ihren Plastikstuhl.
Nicht ihr Kaltgetränk.
Nicht ihre kleine Wohnung.
Nicht einmal Pattaya.
Sie verteidigen ihr hart erarbeitetes Recht, sich von der Welt nicht mehr jeden Montag ein neues Problem aufschwatzen zu lassen.
Und wenn man ehrlich ist:
Zwischen Horsts Fuß, Dieters Geheimprojekt unter der Kappe, Günthers Wechselkursanalysen und Manfreds täglichem Aufbruch ins Unbekannte wirkt das alles deutlich chaotischer als geplant.
Aber vielleicht ist genau das das Geheimnis.
Die Pattaya-Veteranen haben nicht die Antworten gefunden.
Sie haben irgendwann beschlossen, dass die Hälfte der Fragen auch ohne sie zurechtkommt.















