Teil 24: Der Mann, der keine Zeit hatte außer eine Stunde lang
Im Isan liegt die Landschaft wie immer vollkommen unaufgeregt da. Flach, freundlich, ein paar Büffel, die seit Jahren dieselbe Meinung vertreten, und eine Hitze, die alles auf ein überschaubares Maß an Aktivität reduziert.
Das Dorf funktioniert zuverlässig nach dem Prinzip „morgen ist auch noch ein Tag“, was sich bis vor Kurzem als völlig ausreichend erwiesen hat.
Dann kamen die Kisten.
Zunächst eine. Dann mehrere. Dann in einer Frequenz, die entfernt an eine Ameisenstraße erinnert, nur dass die Ameisen hier Containergröße haben und gelegentlich hupen. Niemand konnte genau sagen, wann es begonnen hatte. Es war einfach irgendwann so weit gewesen.
Mitten darin der Mann.
Er bewegte sich mit einer Ernsthaftigkeit, die man sonst nur bei sehr entschlossenen Füchsen beobachten kann, die ihren Bau erweitern, obwohl niemand danach gefragt hat. Kiste um Kiste verschwand in einer Struktur, die einmal als Haus geplant gewesen sein könnte, inzwischen aber eher wie eine architektonische Meinungsäußerung wirkte.
Er trug die Kisten hinein, stapelte sie, verschob sie, überdachte sie ....
Ganze Container wurden entladen, als handele es sich um ein logistisches Missverständnis, das man jetzt einfach konsequent zu Ende bringt.
Die Dorfbewohner standen in respektvollem Halbkreis.
Man hatte vieles gesehen im Isan. Regenzeiten, Trockenzeiten, Onkel Somchai nach drei Flaschen Reiswhisky. Aber das hier war neu. Ein Mann, der offenbar aus dem Nichts aufgetaucht war und mit der stillen Entschlossenheit eines leicht fehlkalibrierten Uhrwerks ununterbrochen Kisten stapelte.
Es wurde gemutmaßt.
Ein älterer Herr vertrat die These, es handle sich um den Bau eines sehr kompakten Atomkraftwerks. Eine Dame meinte, es sehe eher nach einer Bombe aus.
Ein Kind fragte, ob der Mann eventuell einfach nur sehr viele Dinge besitze. Diese Theorie wurde verworfen, da sie als zu naheliegend galt.
Die Kisten kamen weiter.
Tag für Tag, Stunde für Stunde, als hätte jemand beschlossen, die Realität in Paketen nachzuliefern. Der Mann sprach kaum. Wenn doch, dann in Sätzen, die freundlich begannen und zuverlässig am Thema vorbeigingen.
Niemand wusste, woher er kam. Niemand wusste, wohin er ging. Es war auch schwer vorstellbar, dass er irgendwo hingehen würde, solange noch Kisten existierten.
Und irgendwo, sehr bald, würde ein Telefon klingeln...
Klimbim: „Guten Tag, ich wollte nur ganz kurz“
Kistenmann: „Ausgesprochen ungünstig. Wirklich. Ich stehe hier mitten in einer Phase erheblicher Kistenverdichtung.“
Klimbim: „Es dauert auch nur eine Sekunde. Party am 7.4. im Restaurant Frankys, 19 Uhr auch mit Vorortteilnehmern“
Kistenmann: „Vorortteilnehmer? Die kann ich dann alle in einer Gruppe zusammenfassen, die können mir beim Stapeln helfen. Die nehme ich mit in den Isan und dann geht’s rund.“
Klimbim: „Du fliegst… vorher ab?“
Kistenmann: „Nein, danach. Oder davor. Das ist im Moment schwer zu gewichten, weil hier laufend Kisten eintreffen.“
(Eine kurze Pause entsteht, vermutlich weil eine weitere Kiste eintrifft oder weil die Zeit selbst kurz innehält, um die Situation zu überdenken.)
Klimbim: „Also, könntest du am 7.“
Kistenmann: „Ich würde außerordentlich gern auf deine Frage eingehen, aber ich bin vollständig in Anspruch genommen. Diese Kisten kommen ohne Unterlass. Es ist ein Strom. Ein regelrechter Kistenstrom.“
Klimbim: „Ich verstehe. Trotzdem“
Kistenmann: „Nein, wirklich nicht. Ich kann im Moment unmöglich sprechen.“
Klimbim: „Du sprichst aber.“
Kistenmann: „Ja, das ist das Problem.“
(Eine weitere Kiste wird offenbar mit einer gewissen Entschlossenheit abgestellt. Man hört ein dumpfes Geräusch, das entfernt an Verantwortung erinnert.)
Kistenmann: „Weißt du, ich hatte heute Morgen noch eine vollkommen überschaubare Situation. Drei Reihen, sauber gestapelt. Fast schon elegant. Und dann zack kamen neue Kisten.“
Klimbim: „Das klingt unerquicklich.“
Kistenmann: „Es ist ruinös. Absolut ruinös. Jede Kiste verlangt eine Entscheidung. Links, rechts, oben, philosophisch gesehen sogar unten.“
Klimbim: „Und der 7. April“
Kistenmann: „Ich kann unmöglich in die Zukunft planen, solange die Gegenwart in Kistenform vor mir steht.“
Klimbim: „Vielleicht einfach vormerken?“
Kistenmann: „Vormerken… ja… nein… siehst du, genau das ist der Punkt. Während ich mit dir spreche, bleiben die Kisten nicht stehen. Sie machen weiter.“
(Eine längere Pause. Man hört Schritte. Dann ein leicht panisches Räuspern.)
Kistenmann: „Ich hätte in dieser Zeit gut und gern 100 Kisten stapeln können.“
Klimbim: „Du hättest auch auflegen können.“
Kistenmann: „Das wäre unhöflich gewesen.“
Klimbim: „Und stattdessen“
Kistenmann: „führe ich ein ausführliches, sachlich kaum zu rechtfertigendes Gespräch, während meine gesamte logistische Existenz kollabiert.“
(Ein fernes Poltern. Ein Geräusch, das man in Fachkreisen als „finale Kiste“ bezeichnen würde.)
Kistenmann: „Oh.“
Klimbim: „Oh?“
Kistenmann: „Eine ist gefallen.“
Klimbim: „Das tut mir leid.“
Kistenmann: „Das war tragend.“
Klimbim: „Im übertragenen Sinne?“
Kistenmann: „Leider nein.“
(Ein lautes Krachen. Dann Stille. Die Art von Stille, die man nur erreicht, wenn ein System endgültig beschlossen hat, keines mehr zu sein.)
Klimbim: „Hallo?“
(Die Leitung ist tot. Vermutlich unter einer Kiste.)
