Die große Pattaya-Namensforschung meiner Generation
Ich habe inzwischen eine Theorie entwickelt.
Pattaya ist nicht nur ein Ort in Thailand. Pattaya ist auch ein riesiges Freiluftarchiv deutscher Vornamen zwischen ungefähr 1960 und 1965.
Man trifft sie überall.
Dieter.
Manfred.
Uwe.
Hans-Jürgen.
Klaus.
Michael.
Heiner.
Ich bin inzwischen überzeugt: Wenn man in Pattaya laut „Uwe!“ ruft, drehen sich mindestens fünf Männer um. Einer sucht gerade seine Brille, einer erklärt, warum früher alles besser war, und einer weiß zufällig, wo es das beste Essen gibt.
Die spannende Frage ist:
Warum heißen die alle so?
Gab es damals eine geheime deutsche Namenskommission?
„Wir brauchen Namen für Männer, die später irgendwann nach Thailand auswandern.“
„Kevin?“
„Nein. Zu modern.“
„Luca?“
„Völlig ausgeschlossen.“
„Dann nehmen wir Dieter.“
Und erstaunlicherweise hat die Kommission einen Volltreffer gelandet.
Denn genau diese Männer findet man heute in Pattaya erstaunlich häufig.
Malermeister.
Maurer.
Schlosser.
Handwerker.
Busfahrer.
Lkw-Fahrer.
Männer, die 40 Jahre gearbeitet haben, Dinge gebaut haben und vermutlich sogar einen defekten Toaster wieder zum Leben erwecken könnten.
Irgendwann sitzen sie dann in Thailand, trinken gemütlich etwas Kaltes und sagen:
„Eigentlich wollte ich schon immer mal etwas anderes machen.“
Und dann machen sie es.
Natürlich mit deutscher Gründlichkeit.
Andere Menschen kaufen ein Flugticket.
Der deutsche Dieter prüft vorher:
Krankenversicherung.
Bankkonto.
Wechselkurs.
Wetterstatistik der letzten 30 Jahre.
Und ob der Ventilator nachts ein verdächtiges Geräusch macht.
Der typische Pattaya-Uwe ist dabei erstaunlich entspannt.
Vielleicht keine Doktorarbeit geschrieben.
Aber er weiß, welcher Roller zuverlässig ist, wo es gutes Essen gibt und welcher kleine Laden um die Ecke besser ist als jede große Kette.
Der Hans-Jürgen sitzt daneben, nickt langsam und sagt:
„Das habe ich schon vor zehn Jahren gesagt.“
Und meistens hatte er recht.
Dann gibt es noch die besondere Untergruppe:
den Heiner.
Der Heiner ist kein normaler Heiner.
Der Heiner ist der Kistenheiner.
Ich kenne keinen Menschen, der so konsequent Kisten bewegt wie dieser Mann.
Als er meine Wohnung renoviert hat, war ich zunächst begeistert.
Saubere Arbeit.
Gute Organisation.
Ein Handwerker, der weiß, was er tut.
Bis ich irgendwann gemerkt habe:
Der eigentliche Bauleiter war nicht Heiner.
Der eigentliche Bauleiter waren die Kisten.
Diese Kisten waren überall.
Eine oben.
Eine unten.
Eine rechts.
Eine links.
Manchmal hatte ich den leisen Verdacht, Heiner transportiert nicht die Kisten.
Die Kisten transportieren Heiner.
Wenn ich ihn angerufen habe:
„Heiner, hast du kurz Zeit?“
Kam meistens:
„Eigentlich ja. Aber ich muss noch die Kisten machen.“
Welche Kisten?
Was ist darin?
Warum werden es immer mehr?
Wo kommen sie her?
Und wohin verschwinden sie?
Das weiß niemand.
Nicht ich.
Nicht Dieter.
Nicht Klaus.
Nicht Manfred.
Nicht einmal Hans-Jürgen, der sonst über fast alles informiert ist.
Und selbst jetzt, wo ich ihm von meiner Krankheit erzähle, von Krankenhaus, OPs und meinem neuen sehr persönlichen Verhältnis zu meinem Dünndarm, bleibt Heiner erstaunlich beschäftigt.
„Heiner, mir geht es gerade wirklich nicht so gut.“
„Ja, habe ich gehört. Schlimme Sache. Aber ich muss los.“
„Warum?“
„Die Kisten.“
Natürlich.
Die Kisten.
Ich glaube inzwischen, wenn irgendwann die große Geschichte über Pattaya geschrieben wird, bekommt Heiner ein eigenes Kapitel:
„Die unbekannte Logistikbewegung eines deutschen Handwerkers.“
Vielleicht sind darin Werkzeuge.
Vielleicht Ersatzteile.
Vielleicht der halbe Inhalt eines thailändischen Baumarktes.
Niemand weiß es.
Aber eines ist sicher:
Wenn irgendwo in Pattaya eine Kiste auftaucht, steht Heiner wahrscheinlich daneben und sagt:
„Keine Sorge. Ich habe einen Plan.“
Und genau deshalb mag man diese Leute.
Sie sind manchmal rätselhaft.
Sie haben ihre Eigenheiten.
Sie heißen oft wie eine komplette deutsche Stammtischrunde aus dem Jahr 1962.
Aber am Ende sind es genau die Typen, die helfen, wenn es darauf ankommt.
Sie reparieren Tische.
Sie renovieren Wohnungen.
Sie erklären einem, welcher Reifen auf welchen Roller gehört.
Und wahrscheinlich würden sie auch nachts um zwei helfen.
Vorausgesetzt natürlich:
Die Kisten geben Heiner kurz frei.