Teil 4 – Wie ich doch noch einmal schwach wurde und das mit Kaffee aus Israel abrunden konnte
Nach dem Arcadia-Debakel hatte ich innerlich bereits die weiße Fahne gehisst. Wohnungskauf in Pattaya erschien mir ungefähr so sinnvoll wie der Versuch, einem Aal Manieren beizubringen.
Am nächsten Morgen saß ich beim Frühstück mit Bernd.
Bernd ist Beamter. Also nicht „arbeitet wie ein Beamter“, sondern: ist Beamter. Mit innerem Dienstsiegel.
Er stand am Mixer und sagte:
„Das Leben ist wie Mango und Kokosnuss. Man muss nur alles klein genug schneiden, dann wird es genießbar.“
Er warf Mangos und Kokosnüsse in den Blender, als würde er einen Verwaltungsakt vollziehen. Ich kochte türkischen Kaffee, den er mit ehrfürchtigem Blick entgegennahm, als sei es ein Formular in dreifacher Ausfertigung.
Wir tranken, aßen und beschlossen, in den Pool zu gehen und danach Spiegeleier mit Speck zu essen. Ordnung muss sein. Das Bernd-Ritual sozusagen. Wer bin ich, da zu widersprechen?
Gerade als ich mich innerlich darauf eingestellt hatte, künftig nur noch Miete und Hoffnung zu besitzen, klingelte das Telefon.
Ein israelischer Agent. Sehr freundlich. Sehr warm. So ein Typ, der nicht verkauft, sondern erstmal zuhört.
Er sagte:
„Du klingst müde. Nicht vom Laufen, sondern vom Entscheiden.“
Das traf es ziemlich genau.
Er sprach nicht von Wohnungen, sondern davon, dass man manchmal einfach jemanden braucht, der einem noch einmal zeigt, dass es auch anders gehen kann. Ohne Druck. Ohne Drama. Ohne das Gefühl, gleich eine Niere verkaufen zu müssen.
Dann sagte er:
„Ich habe da jemanden für dich. Eine deutsch-thailändische junge Frau. Sie versteht, was du suchst. Nicht nur die Quadratmeter.“
Ich dachte:
Na gut. Eine letzte Runde. Nicht aus Hoffnung, eher aus Höflichkeit.
Ich rief sie an.
Sie war Anfang zwanzig, sprach ruhig, freundlich, mit einer Stimme, die nicht nur lächelte, sondern auch ein wenig nach Sonne klang. Kein Verkaufsgerede, kein Tempo, kein Drängen. Nur dieses leichte, unaufdringliche Selbstvertrauen, das nicht laut sein muss und trotzdem sofort Präsenz hatte.
Sie sagte:
„Wir treffen uns in Pratumnak. Kleine Seitenstraße. Schöne Wohnung. Und wenn sie dir nicht gefällt…“
kurze Pause
„…dann trinken wir einfach Kaffee.“
So sagte man das nicht sachlich.
So sagte man das wie jemand, der genau wusste, dass Kaffee manchmal mehr ist als Kaffee.
Das klang nicht nach Termin.
Das klang nach Vormittag. Eigentlich nach Urlaub, wunderbar.
Das Haus lag leicht erhöht. Mein Motorroller bekam eine Garage, die ich sofort mochte.
Ich wohne nicht in Garagen.
Aber mein Motorroller schon.
Und ich habe zu diesem Motorroller inzwischen ein Verhältnis entwickelt, das man nur mit dem Wort „emotional stabil“ beschreiben kann. Denkt von mir was ihr wollt, aber am Rande ein Geständnis: ich habe das Ding gefilmt und nahm mir den Film für die Rückreise mit, um in Deutschland rein zu schauen.
Irgendwie irre, oder? Von mir aus. Ich bin keinem Rechenschaft schuldig meine ich...
Jedenfalls war klar:
Die Garage lag höher als die Straße. Ich wusste sofort:
Hier wird er sicher schlafen. Wenn meine Tochter das liest, wird sie denken man müsse sich Sorgen um mich machen, Mein Sohn wiederum wird es auf Anhieb begreifen und strahlen: Männersache, ganz ehrlich. wir lieben solche Spielzeuge...ihr wisst es auch. Sehr sicher.
Der Pool war ruhig, sauber und hatte einen Blick auf Pratumnak und das Meer. Kein Luxuspalast, aber ein Ort ohne Geburtstagsgesellschaften und Schulausflüge. Wirkte maximal entspannend auf mich. Wunderbar!
Und dann die Straße.
Keine große Straße.
Eine kleine, ruhige Straße, die sich genau vor meinem Balkon gabelte.
Eine Straße, auf der man nichts mehr bauen konnte.
Ein Blick, der nicht verbaut werden würde.
Ein Blick mit Bestandsschutz würde ich Bernd später erzählen und er würde nicken.
Ich stand auf dem Balkon und dachte:
Hier kann man alt werden, ohne von Beton überrascht zu werden.
Pratumnak, nahe zur Soi 5, aber nicht drin.
Frühstückslokale zu Fuß erreichbar.
Zu Bernd nicht weit. Er ist für mich meine "sichere Bank". Er wird das ähnlich empfinden, aber es anders ausdrücken. "Klimbim ist wie ein Schirm bei Starkregen, TÜV erprobt. Zuverlässig und anständig. Man weiss, dass er dicht hält, aber die Tropfen hört man immer noch prasseln." Ach Bernd...
Alles war nah und zugleich nicht belastend im Fokus. Eben fussläufig erreichbar. Der Strand ebenfalls. Und trotzdem kein Trubel.
Ein Standort, der sich anfühlte wie ein diplomatischer Kompromiss zwischen Ruhe und Croissant.
Die Wohnung war nicht groß, aber auch kein Hamsterexperiment. Ich hatte Platz. Nicht für einen Elefanten. Aber sicher für einen Freigeist.
Ich stellte mir vor, wie ich nachts durch die Zimmer gehe und nicht in ein Laufrad greifen muss. Vom Schlafzimmer und vom Wohnzimmer direkter Zugang zum Bad. Architektonisch sinnvoll. Psychologisch beruhigend.
Die Farben waren… nun ja. ...
Schwarz.
Dunkel.
Ich stellte mir insgeheim die Frage, warum auch immer diejenigen, die solche Wohnungen bauen, glauben, dass die Bewohner Fledermäuse seien und deshalb regelmäßig Terrarien für Fledermäuse errichten, anstatt sich in die Gedankenwelt eines lebenden Menschen hineinzuversetzen.
Aber ich dachte dann:
Gut. Farbe ist lösbar. Ich bin halt kein Vampir.
Dann kam der nächste Schock:
Der Eigentümer war Russe.
Mein innerer Chor sang sofort:
Cash. Cash. Cash.
Aber meine Agentin blieb ruhig.
Sie sah mich an, als würde sie einen Moment länger überlegen, wie man mir die Sache erklärt, und sagte dann mit dieser gelassenen Art, die gleichzeitig beruhigend und ein wenig verspielt wirkte:
„Nein, wir machen das ordentlich. Überweisung. Vertrag. Alles geregelt.“
Sie sagte das nicht kämpferisch.
Sie sagte es, als wäre Ordnung etwas sehr Natürliches. Anfang 20, aber ausgesprochen souverän. Na Bitte, ich fühlte mich sicher.
Kurz darauf bat mich der Chef der israelischen Agentur in sein Büro, um die technischen Einzelheiten zu besprechen, wie es nun weitergehen sollte.
Er bot mir Kaffee an.
Ich sagte:
„Ich trinke eigentlich nur türkischen Kaffee, aber danke trotzdem.“
Er grinste mich breit an, als hätte ich ihm gerade ein persönliches Geheimnis verraten, und sagte:
„Israelischer Kaffee ist ähnlich. Nur besser.“ (Bild vom Kaffe unten... Originalbox. Sehr zu empfehlen, und wenn ihr israelische Freunde habt, bitten ihn mitzubringen)
Dann verschwand er kurz und kam mit einer großen Dose zurück.
„Die gehört jetzt dir, mein lieber Freund.“
Er machte mir einen Kaffee, stellte ihn vor mich hin und sagte:
„Ich verstehe sehr gut, warum dir Kaffee aus dem Nahen Osten gefällt. Ich bin von dort.“
Ich fand diese Geste überwältigend.
Nicht, weil es eine große Sache war.
Sondern weil sie genau das Richtige in mir weckte: ein Typ, der weiss was ich will. Im Detail, im Ganzen.
Er gab mir jede Zeit der Welt.
Er hatte Verständnis für meine Sorgen wegen der Russen und sagte:
„Ich weiß, wie manche Russen ticken. Manche von diesen Menschen haben ein sehr großes Ego. Aber keine Sorge. Das kriegen wir in den Griff. Wir können auch anders.“
Er trank einen großen Schluck Kaffee, freute sich sichtbar darüber, dass ich mich über den Kaffee freute, klopfte mir auf die Schulter und sagte:
„Das wird jetzt so lange dauern, wie es eben dauert. Wir nehmen uns die Zeit, die wir brauchen. Die Sache beginnt jetzt interessant zu werden.“
Ich hatte innerlich schon entschieden.
Die Räume gefielen mir.
Das Haus war sauber.
Der Preis war vernünftig.
Und vor allem:
Ich konnte renovieren, ohne finanziell in die Kategorie „Straßenmusikant mit Diplom“ zu fallen.
Ich drückte den Preis noch etwas.
Nicht viel.
Ich bin kein Jahrmarkthändler.
Ich bin eher jemand, der sagt:
„Nehmen wir es, bevor ich es mir wieder ausrede.“
Die Agentin rief zurück, zusammen mit einer Partneragentin.
Ihre Stimme klang, als hätte sie gerade etwas sehr Persönliches gewonnen.
„Das wird eingetütet. Mach dir keine Sorgen. Ich kümmere mich um alles.“
Das Wort „eingetütet“ hatte etwas Endgültiges. Wie ein Brief mit Siegel.
Parallel schickte ich alle Unterlagen und Infos an einen befreundeten Rechtsanwalt in Bangkok.
Einen sehr netten Menschen, dem ich einmal in einer deutschen Rechtsfrage geholfen hatte und der mir damals sagte, ich solle mich jederzeit melden, wenn ich selbst etwas brauche.
Er prüfte alles und sagte:
„Sieht gut aus.“
Das war der Moment, in dem der Zug den Bahnhof verließ.
Ich stand innerlich auf dem Bahnsteig und winkte meinem Zweifel hinterher.
Der Kauf sollte stattfinden.
Wie genau das geschah, mit welchen Hürden, Formularen, Wartezeiten und thailändischer Logik, das gehört in den nächsten Teil.
Ich kann nur so viel sagen: Es wurde kompliziert. Es wurde absurd. Und es wurde sehr unterhaltsam.
Fortsetzung folgt.
