Teil drei: Selbst für einen Goldhamster zu klein
Der deutsche Agent, derselbe Mann, der mich schon am Tag meiner Ankunft in Empfang genommen hatte, erschien wieder auf der Bildfläche.
Er war freundlich. Sehr freundlich.
So freundlich, dass man irgendwann misstrauisch wird.
Er strahlte ein Selbstvertrauen aus, als habe er persönlich den Immobilienmarkt erfunden. Dazu kam ein Optimismus, der nicht ausging, selbst wenn ich sagte, ich wolle eigentlich gar nichts kaufen.
@Brokerxy , Du weisst 100% was ich hier meine, richtig?
Wenn ich sagte, ich müsse noch überlegen, sagte er, natürlich, man müsse immer gut überlegen.
Und stand fünf Minuten später mit dem nächsten Exposé vor mir.
Wenn ich sagte, ich wolle nichts überstürzen, nickte er begeistert.
Und erklärte mir anschließend, warum genau diese Wohnung jetzt perfekt für mich sei.
Er wirkte wie jemand, der innerlich keinen Plan B hatte. Sein einziger Plan war, dass ich irgendwann „ja“ sagen würde. Alles andere schien ihm theoretisch bekannt, praktisch aber nicht vorgesehen.
Ich merkte, wie selbst ich, ein Mensch mit jahrzehntelanger Erfahrung im beruflichen Abwimmeln, irgendwann dachte:
Dieser Mann gibt sich solche Mühe.
Vielleicht darf ich ihn nicht enttäuschen.
Ein gefährlicher Gedanke.
Sehr gefährlich.
So kam es, dass ich mich in der Arcadia-Anlage wiederfand.
Die Anlage an sich war hübsch. Pool, Liegen, Gym, alles ordentlich. Ich dachte, hier könnten meine Kinder herumlaufen, ohne dass jemand Anzeige erstattet.
Doch dann betraten wir die Wohnung.
Und ich hatte sofort das Gefühl, diese Wohnung sei selbst für einen Goldhamster zu klein. Nicht für einen sportlichen Goldhamster, sondern für einen, der nur gelegentlich joggt.
Zwei Zimmer auf 27 Quadratmetern. Mit Balkon.
Ich fragte mich ernsthaft, ob man das architektonisch oder zoologisch geplant hatte.
Ich stellte mir vor, wie ich nachts darin aufwache und feststelle, ich sei kein Mensch mehr, sondern ein Nagetier. Wie bei Kafka.
Und dass ich nun verzweifelt ein Laufrad suche, um mich standesgemäß zu bewegen, weil für normales Gehen kein Platz mehr ist.
Der Agent erklärte mir begeistert die Vorteile.
Ich hörte nur noch: klein, klein, klein.
Er sagte Dinge wie:
„Das ist sehr effizient geschnitten.“
Ich dachte: effizient im Sinne von Vakuumverpackung.
Er sagte:
„Hier kannst du wunderbar wohnen.“
Ich dachte: wohnen oder gelagert werden?
Abends saß ich mit Bernd im Pool.
Gin in der Hand.
Er im typischen Beamtenmodus.
Ich im typischen Zweifel.
Ich sagte:
„Ich glaube, ich sollte das vielleicht nehmen. Der Agent hat sich so viel Mühe gegeben.“
Bernd sah mich an, als hätte ich gerade vorgeschlagen, aus Dankbarkeit einen Verkehrsverstoß zu begehen.
Er sagte:
„Du kaufst doch keine Wohnung, um jemanden glücklich zu machen.“
Ich sagte:
„Naja, er hat sich wirklich engagiert.“
Bernd nahm einen Schluck Gin und sagte:
„Das ist sein Beruf.“
Ich sagte:
„Aber irgendwie fühle ich mich verpflichtet.“
Bernd sagte:
„Du bist verpflichtet, keine Dummheit zu machen.“
Ich sagte:
„Vielleicht kann man sich ja arrangieren.“
Bernd sah mich an, wie nur ein deutscher Beamter jemanden ansehen kann, der gerade beginnt, seine eigene Vernunft zu verhandeln.
Er sagte langsam:
„Wenn du nicht überzeugt bist, kaufst du nicht. Punkt.“
Ich sagte:
„Aber ich will doch vorankommen.“
Bernd sagte:
„Fortschritt ist nicht dasselbe wie Fehlentscheidung.“
Ich sagte:
„Du klingst wie ein Formular.“
Bernd sagte:
„Ich bin ein Formular.“
Damit war das Thema beendet.
In dieser Nacht wusste ich, dass ich diese Wohnung nicht kaufen würde.
Nicht wegen des Preises.
Nicht wegen der Wartezeit.
Sondern weil ich dort irgendwann wirklich geglaubt hätte, ein Nagetier zu sein.
Am nächsten Tag sagte ich dem Agenten ab. Höflich. Mit Begründung. Mit Dank.
Und mit großer innerer Freiheit.
Der Agent würde mich danach zig mal anrufen. Bei jedem Anruf klang er enttäuschter und ich wiederum fühlte mich erleichterter - das brachte ihn aus dem Konzept und er gab auf.
Aber die gesamte Idee eine Wohnung hier zu erwerben? Naja...
Und zum ersten Mal dachte ich ernsthaft:
Vielleicht ist das ganze Projekt Wohnungskauf einfach Unsinn.
Vielleicht lasse ich es.
Vielleicht lösche ich einfach alle Agenten.
Was ich dann auch tat.
... der vierte Teil folgt. Ich bearbeite gerade die Rohfassung.
