Teil 39: „Wie viel Geld braucht man in Thailand zum Überleben? Oder: Warum ein Sonnenuntergang erstaunlicherweise nur sehr selten Krankenhausrechnungen bezahlt“
Diese Frage wird im Internet ungefähr alle sieben Minuten gestellt.
Auf YouTube.
In Foren.
In Facebook-Gruppen.
In Bars.
In Kommentarsektionen.
An Poolanlagen.
An Immigration-Schaltern.
Vermutlich sogar heimlich in Apotheken.
„Wie viel braucht man wirklich zum Leben in Thailand?“
Und jedes Mal sitzt irgendwo ein Typ mit Sonnenbrand, Elefantenhose und halb leerem Leo-Bier da und antwortet mit der Ruhe eines buddhistischen Gebrauchtwagenhändlers:
„Depends on lifestyle.“
Was gleichzeitig vollkommen richtig und vollkommen nutzlos ist.
Klaus-Dieter: „Also ich kenne einen Engländer, der lebt hier seit acht Jahren von 480 Euro.“
Klimbim: „Ja. Und ich kenne einen Goldfisch, der drei Tage ohne Erinnerung lebt.
Beides sind keine belastbaren Langzeitkonzepte.“
Denn zunächst muss man definieren, was „leben“ überhaupt bedeutet.
Essenziell braucht man:
Nahrung.
Wasser.
Ein Dach.
Eine medizinische Versorgung.
Und idealerweise einen Ort, an dem nachts nicht gleichzeitig drei Geckos, zwei Moskitoschwärme und ein emotional instabiler Hahn wohnen.
Alles andere ist bereits Feintuning.
Manche Menschen leben in Thailand wie tropische Feldhamster.
Reis.
Ventilator.
Plastikstuhl.
Fertig.
Andere wiederum bewegen sich durch Pattaya wie leicht verwirrte Kreuzfahrtdirektoren mit Kreditkarte.
Und beide behaupten anschließend im Internet, sie hätten „das System verstanden“.
Klaus-Dieter: „Minimalismus macht frei.“
Klimbim: „Ja. Aber Skorbut eher nicht.“
Dann beginnt die Mobilitätsfrage.
Der Erste fährt Roller und wirkt dabei wie ein zen-buddhistischer Kurierfahrer ohne Zeitgefühl.
Der Zweite benutzt ausschließlich Bolt-Taxis, weil er seit einem Sturz 2017 überzeugt ist, dass jede Kreuzung in Thailand aktiv versucht, ihn zu töten.
Der Dritte fährt Bus aus Leidenschaft.
Nicht aus Armut.
Leidenschaft.
Er sitzt dort mit stiller Würde am Fenster, betrachtet Palmen und fühlt sich wie ein ethnologischer Feldforscher auf Klassenfahrt.
Der Vierte bewegt sich überhaupt nicht mehr.
Er lebt seit acht Monaten zwischen Bett, Pool und Kühlschrank und nennt das: „Minimalismus.“
Klaus-Dieter: „Ich verlasse mein Condo kaum noch.“
Klimbim: „Du lebst inzwischen wie eine sehr gut klimatisierte Zimmerpflanze.“
Dann das Essen.
Auch hier beginnt sofort religiöse Spaltung.
Die einen essen ausschließlich Streetfood mit der biologischen Risikobereitschaft sowjetischer Testpiloten.
Andere wiederum betreten Restaurants nur, wenn die Speisekarte aussieht, als hätte ein depressiver Grafikdesigner sie auf Büttenpapier gedruckt.
Dann existieren die Nachtmarkt-Mystiker.
Diese Männer laufen stundenlang durch Garküchenlandschaften wie Trüffelschweine mit Kreditwürdigkeit.
Sie suchen nicht Nahrung. Sie suchen „dieses eine kleine Curry hinten links neben dem Ventilator“.
Und wenn sie es finden, reden sie drei Tage darüber.
Klaus-Dieter: „Die beste Suppe meines Lebens gab’s neben einem Abwasserkanal.“
Klimbim: „Das glaube ich sofort. Der Kanal hatte vermutlich mehr Tiefgang.“
Dann kommt der Isan-Typ.
Jeder kennt mindestens einen.
Er sitzt irgendwo in einer Holzhütte neben einem Sumpfgebiet, in dem die Mücken so dicht fliegen, dass man glaubt, die Luft hätte plötzlich Fell bekommen.
Er trinkt warmes Bier, beobachtet Wasserbüffel und schreibt im Forum: „Here I finally found the real Thailand.“
Was meistens bedeutet:
keine Klimaanlage,
kein vernünftiger Kaffee
und medizinische Versorgung in ungefähr acht Motorradstunden Entfernung.
Aber er wirkt glücklich.
Oder zumindest entschlossen.
Klaus-Dieter: „Dort draußen findest du noch echtes Leben.“
Klimbim: „Ja. Und vermutlich auch Malaria mit Charakterentwicklung.“
Dann wiederum Pattaya.
Dort existieren eigene Unterarten.
Die Soi-7-Strategen.
Die Soi-6-Romantiker.
Die Walking-Street-Archäologen.
Männer, die nachts durch Neonlichtlandschaften wandern wie Tiefseetaucher mit Kreditkartenproblem.
Und jeder behauptet: „Ich kenne mich aus.“
Was meistens bedeutet: sie kennen exakt drei Bars, zwei Massagesalons und einen Deutschen namens Rüdiger, der seit 14 Jahren „nur noch dieses Jahr“ zurück nach Europa fliegen will.
Klaus-Dieter: „Rüdiger hat jetzt übrigens ein neues Businessmodell.“
Klimbim: „Natürlich. Welche Woche haben wir denn?“
Dann die große Beziehungsfrage.
Hat man eine echte Partnerin?
Glaubt man, eine echte Partnerin zu haben?
Oder finanziert man bereits unbemerkt die Wasserversorgung eines halben Dorfes?
Auch das verändert das Budget leicht.
Klaus-Dieter: „Ihre Familie ist sehr traditionell.“
Klimbim: „Ja. Besonders die traditionelle monatliche Überweisung.“
In meinem Fall ist das alles deutlich einfacher.
Ich habe eine solide Krankenversicherung.
Nicht wegen Panik.
Sondern weil ich keine Lust habe, bei ernsthaften Krankheiten plötzlich finanzielle Feldversuche zu veranstalten.
Ich habe ein eigenes Condo.
Das bedeutet:
keine Miete,
aber dafür die tiefe deutsche Befriedigung, zu wissen, dass die Klimaanlage exakt dort hängt, wo man sie selbst haben wollte. Sie zickt, aber sie läuft...
Ich fahre überwiegend Roller.
Nicht weil ich Abenteuer suche.
Sondern weil ein Roller in Thailand ungefähr die eleganteste Form organisierter Beweglichkeit darstellt, die je erfunden wurde.
Taxen benutze ich nur, wenn Alkohol ins Spiel kommt.
Was meine Frau offiziell missbilligt.
Inoffiziell weiß sie vermutlich längst alles und beobachtet das Ganze mit der Gelassenheit medizinischer Fachkräfte, die schon deutlich schlimmere Patienten erlebt haben.
Klaus-Dieter: „Du planst das alles viel zu deutsch.“
Klimbim: „Natürlich. Deshalb sitze ich nachts ruhig auf dem Balkon statt hysterisch vor Excel-Tabellen zu beten.“
Ansonsten brauche ich erstaunlich wenig.
Ich entdecke gerne neue Orte.
Strände kosten meistens nichts.
Spaziergänge ebenfalls nicht.
Gute Gespräche auch nicht.
Und die ehrlich schönsten Nachmittage entstehen oft aus Dingen, die keinerlei Prestige besitzen:
ein guter Tee,
ein ruhiger Balkon,
eine angenehme Brise,
ein interessantes Gespräch,
eine funktionierende Klimaanlage.
Ich esse gerne gut.
Sehr gut sogar.
Nicht ständig teuer.
Aber wenn teuer, dann bitte richtig.
Mein Magen ist keine Verhandlungsmasse des Rentensystems.
Streetfood esse ich selektiv.
Mein Verdauungssystem führt inzwischen Sicherheitsprüfungen durch wie ein misstrauischer Grenzbeamter kurz vor Schichtende.
Massagen wiederum liebe ich.
Kopf.
Füße.
Ruhe.
Schlaf.
200 Baht für eine Stunde geistige Systemwartung halte ich nicht für übertrieben.
Eher für eine der vernünftigsten Investitionen Südostasiens.
Klaus-Dieter: „Vier Massagen die Woche? Luxus!“
Klimbim: „Nein. Wartungsvertrag für das Nervensystem.“
Alkohol?
Lieber selten und hervorragend.
Ich trinke lieber einen exzellenten Obstbrand in Ruhe, als mich mit billigem Whisky geistig in eine schlecht isolierte Gartenhütte zurückzuentwickeln.
Aber das ist individuell.
Und an dieser Stelle kommt allerdings der Teil, wo mein deutscher Innenbeamter kurz die Lesebrille aufsetzt und leise räuspert.
Denn es gibt durchaus eine Untergrenze dessen, was man realistischerweise stemmen sollte.
Ein Dach über dem Kopf.
Vernünftiges Essen.
Eine Krankenversicherung, die diesen Namen auch verdient.
Und genug finanzielle Reserven, damit man nicht bei jedem kleineren Zwischenfall plötzlich aussieht wie ein Hamster kurz vor einem wirtschaftlichen Nervenzusammenbruch.
Denn manche Modelle, die man online so sieht, wirken finanziell ungefähr so stabil wie ein Gartenstuhl aus geschmolzenem Käse.
„Bro, I live here on 400 dollars.“
Ja. Im Moment vielleicht.
Bis die Realität plötzlich mit einem Motorrad, einer Blinddarmentzündung oder einem Herzproblem um die Ecke biegt und freundlich fragt:
„Good evening, Sir. How exactly was this supposed to work long term?“
Klaus-Dieter: „Man darf halt nicht so deutsch denken.“
Klimbim: „Und Intensivstationen darf man offenbar auch nicht so ernst nehmen.“
Besonders unerquicklich wird es nämlich, wenn andere Menschen am Ende die Rechnung übernehmen sollen.
Zum Beispiel thailändische Krankenhäuser, deren Personal teilweise selbst deutlich weniger verdient als manche westlichen Daueroptimisten aus Pattaya.
Oder Verwandte in Deutschland, die plötzlich nachts Anrufe erhalten wie Geiselnahme-Verhandlungen der globalisierten Mittelklasse:
„Hallo. Also… entweder Onkel Dieter wird jetzt entlassen und stirbt möglicherweise irgendwo zwischen Pharmacy und Family Mart…
oder ihr überweist relativ kurzfristig ungefähr den Gegenwert eines gebrauchten Kleinwagens.“
Das halte ich persönlich nicht für ein tragfähiges Auswanderungsmodell.
Thailand ist wunderbar.
Aber Thailand ist kein magischer Ort, an dem Mathematik aufhört zu existieren.
Auch Palmen ersetzen keine Intensivstation. Und ein Sonnenuntergang bezahlt erstaunlicherweise nur sehr selten Krankenhausrechnungen.
Und genau deshalb halte ich übrigens auch die Möglichkeit, langfristig mit einem O-Non-Retirement-Visum komplett ohne Krankenversicherung in Thailand leben zu können, für keine besonders geniale Konstruktion. Ich finde sie genauer Gesagt eine Unverschämtheit, da bin ich ehrlich.
Nicht das Visum an sich.
Aber diese Möglichkeit.
Denn die Realität interessiert sich erschütternd wenig für Freiheitsromantik.
Klaus-Dieter: „Ich brauche keine Versicherung. Mir passiert nichts.“
Klimbim: „Das sagen Männer erstaunlich oft kurz bevor sie rückwärts von einer nassen Treppe fallen.“
Natürlich kann jahrelang alles gutgehen.
Bis plötzlich ein Motorradfahrer, ein Schlaganfall, ein Herzproblem oder eine Treppe mit philosophischer Agenda auftaucht.
Und dann beginnt internationales Krisenmanagement mit WhatsApp-Anrufen und völlig entgleisten Gesichtsausdrücken.
Denn wenn jemand dauerhaft in Thailand lebt, keinerlei echte Absicherung besitzt und dann finanziell kollabiert, belastet das fast immer andere Menschen.
Krankenhäuser.
Freunde.
Familien.
Oder irgendwelche Verwandten in Europa, die plötzlich Rechnungen sehen, bei denen selbst stabile Erwachsene anfangen, minutenlang schweigend auf Tapetenmuster zu starren.
Ich persönlich halte das nicht für Freiheit.
Ich halte das für ein sehr optimistisches Experiment mit schlechter Ausfallplanung.
Klaus-Dieter: „Du denkst zu negativ.“
Klimbim: „Nein. Ich denke nur bis zum Ende des Satzes.“
Deshalb bin ich der Meinung:
Wenn man auswandert, sollte man wenigstens halbwegs solide organisiert sein.
Nicht luxuriös.
Nicht millionenschwer.
Aber stabil genug, dass man nicht bei jedem medizinischen Zwischenfall plötzlich aussieht wie ein kollabierendes Start-up mit Sonnenhut.
Denn echte Freiheit entsteht nicht daraus, dass man völlig planlos alles riskiert.
Sondern daraus, dass man ruhig schlafen kann, obwohl man tausend Kilometer entfernt unter Palmen sitzt.
... beim Weizenbier für mich und dem Chang für Klaus - Dieter, wird das Thema dann noch in eine Abschlussdiskussion münden...
Klaus-Dieter: „Deutschland ist sowieso fertig.
Alles kaputt.
Nur noch Vorschriften, Fahrradwege und Hafermilch.“
Klimbim: „Interessant. Und trotzdem lässt du dir jeden Monat deine Rente exakt aus diesem völlig untergegangenen Land überweisen.“
Klaus-Dieter: „Hier in Thailand ist man wenigstens noch frei.“
Klimbim: „Ja. Vor allem frei von funktionierenden Bürgersteigen.“
Klaus-Dieter: „Die Deutschen da drüben verstehen das Leben einfach nicht mehr.“
Klimbim: „Sagt der Mann, der seit drei Stunden in Sandalen vor einem Ventilator sitzt und ein Bier anstarrt wie ein pensionierter Wikinger.“
Klaus-Dieter: „In Europa darf man bald gar nichts mehr sagen.“
Klimbim: „Du redest seit acht Jahren ununterbrochen den gleichen Quark nehme ich an, oder? Die Lage scheint überschaubar dramatisch zu sein.“
Klaus-Dieter: „Früher war alles besser.“
Klimbim: „Vor allem die Bandscheiben und die Cholesterinwerte.“
Klaus-Dieter: „Hier braucht man diesen ganzen deutschen Sicherheitswahn nicht.“
Klimbim: „Korrekt. Bis plötzlich ein Motorroller physikalische Grundprinzipien in deinen Oberschenkel einführt.“
Klaus-Dieter: „Die Menschen hier sind wenigstens noch natürlich.“
Klimbim: „Ja. Moskitos ebenfalls. Trotzdem schlafe ich lieber mit Klimaanlage.“
Klaus-Dieter: „Die ganze Welt wird weich.“
Klimbim: „Du weichst seit zwölf Jahren jedem Steuerbescheid aus wie ein vietnamesischer Rollerfahrer einem Schlagloch.“
Klaus-Dieter: „Du wirst irgendwann noch verstehen, was Freiheit wirklich bedeutet.“
Klimbim: „Ich vermute stark: nicht nachts um zwei panisch Cousins in Nordrhein-Westfalen anzurufen wegen Krankenhausrechnungen.“
Klaus-Dieter: „Du denkst einfach zu viel.“
Klimbim: „Und du überraschend selten bis zum Ende einer Konsequenz.“
Klaus-Dieter: „Thailand macht gelassen.“
Klimbim: „Nein. Thailand macht Hitze.
Die Gelassenheit entsteht erst nach der dritten funktionierenden Versicherung.“
Ach Klaus-Dieter... jaja... ich weiss, das Leben ist hart...
Mein Bett hingegen wunderbar weich und es ist das beste, das ich je besaß. Mit 60 finde ich es angemessen. Ich will nicht mehr auf einer Luftmatratze schlafen, nur weil ich in den Tropen unterwegs bin...
Das kann man durchaus verstehen denke ich... aber auch Klaus-Dieter, wünsche ich alles Gute
