Teil 32: „Klimbim, der Monsun und die Frau unter dem Blechdach oder wie ich lernte, einer thailändischen Mutter mein Leben anzuvertrauen, obwohl ich nicht einmal Google Maps bedienen konnte“
Nach ungefähr anderthalb Stunden Fahrt Richtung Chanthaburi begann die Landschaft langsam unangenehm interessant zu werden.
Das Navi hatte inzwischen nach mehreren Fehlversuchen offenbar beschlossen, mich nicht mehr über normale Straßen zu führen, sondern direkt durch die feuchtesten und einsamsten Stellen Südostthailands.
Autobahn vermeiden.
Motorradtauglich.
Keine Maut.
Schnellste Route.
Irgendwann hatte ich so viele Optionen angeklickt, dass vermutlich selbst Google kurz dachte: „Weißt du was? Fahr einfach irgendwo hin.“
Vor mir erhob sich langsam das Gebirge.
Und darüber…
…eine schwarze Wand.
Nicht einfach Wolken.
Eine richtige Wand.
So dunkel, als hätte jemand vor den Bergen heimlich den Eingang zur Unterwelt eröffnet und vergessen, das Licht wieder auszuschalten.
Ich fuhr direkt darauf zu.
Mit einem Motorrad.
Freiwillig.
Die Luft roch plötzlich unglaublich frisch.
Nach nasser Erde. Nach tropischem Regen. Nach Pflanzen.
Fast ein bisschen wie ein botanischer Garten kurz vor einer mittelschweren Depression.
Die Straße war schon nass.
Überall kleine Wasserflächen.
Aber der eigentliche Regen kam noch nicht.
Das war psychologisch deutlich unangenehmer.
Es fühlte sich an wie diese unnatürliche Ruhe kurz bevor irgendwo etwas sehr Dummes passiert.
Dann kam der Regen.
Nicht langsam.
Nicht vorsichtig.
Sondern sofort mit voller Kraft.
Innerhalb von Sekunden war alles nur noch Wasser.
Diese tropischen Regengüsse haben ungefähr dieselbe Feinfühligkeit wie ein Hochdruckreiniger auf Methamphetamin.
Ich schaffte es gerade noch unter ein kleines Blechdach vor irgendeinem Haus.
Dort stand ich nun.
Komplett durchnässt.
Neben mir das Motorrad. Vor mir Weltuntergang. Über mir ein Blechdach, das klang, als würde jemand Kies mit einer Schaufel aus dem ersten Stock darauf werfen.
Ich begann hektisch meine Regenausrüstung herauszuholen.
7-Eleven-Plastikanorak.
Theoretisch wasserdicht.
Praktisch eher ein philosophisches Konzept.
Schon beim Versuch, das Ding anzuziehen, begann der Wind daran herumzureißen.
Eine Ecke flatterte weg.
Dann die nächste.
Nach wenigen Sekunden sah ich aus wie ein international gesuchter Müllsack.
Ich gab auf.
Gegen solchen Regen diskutiert man nicht.
Den sitzt man einfach aus.
Wie Steuerprüfungen oder Flughafenprojekte.
Irgendwann öffnete sich die Tür hinter mir.
Eine thailändische Dame kam heraus und betrachtete zuerst den Regen, dann mich und schließlich wieder den Regen.
Sie war vielleicht Mitte dreißig, ausgesprochen gepflegt, freundlich und hatte genau diese ruhige thailändische Ausstrahlung, bei der man nie ganz weiß, ob Menschen einfach höflich sind oder bereits beschlossen haben, einen leicht in ihr Leben hineinzusortieren.
„You okay?“
„Perfectly fine“, antwortete ich, während wahrscheinlich ungefähr zwei Liter Wasser langsam aus meinen Schuhen liefen.
Sie nickte höflich.
Dieser typische thailändische Blick, bei dem man nicht genau weiß, ob die Menschen einen freundlich oder leicht besorgt ansehen.
„You ride alone?“
„Yes.“
Kurze Pause.
„Very long way.“
„That becomes increasingly obvious.“
Sie lachte leise.
Nicht laut.
Eher dieses warme höfliche Lachen, das Thai-Frauen oft haben, wenn sie glauben, ein Farang sei gleichzeitig leicht verrückt und irgendwie sympathisch.
„You handsome bike.“
Das war sprachlich nicht ganz eindeutig.
Ich entschied mich vorsichtshalber dafür, das Kompliment ausschließlich auf das Motorrad zu beziehen.
„Thank you. It has emotional problems sometimes, but generally good character.“
Sie lachte wieder.
Dann fragte sie: „You want come inside? Rain very long maybe.“
„No no, thank you very much. Here is perfectly fine.“
Sie blieb trotzdem noch einen Moment stehen.
Nicht aufdringlich.
Eher interessiert.
So als würde sie versuchen herauszufinden, warum ein komplett durchnässter Europäer freiwillig mitten durch einen Monsun Richtung Chanthaburi fährt.
Wahrscheinlich aus demselben Grund, aus dem andere Menschen Jetskis finanzieren oder Kryptowährungen kaufen. Eine Mischung aus Hoffnung und Realitätsverlust.
„You hungry?“
„No thank you.“
„Coffee?“
„No thank you.“
Kurze Pause.
„Beer?“
Ich dachte kurz nach.
„That is a dangerously good idea.“
Diesmal lachte sie deutlich lauter.
Kurz darauf tauchten Kinder auf.
Viele Kinder.
Ich weiß bis heute nicht genau, woher die plötzlich kamen.
Thailand hat manchmal die Eigenschaft, Kinder spontan aus der Landschaft wachsen zu lassen.
Sie standen um das Motorrad herum und betrachteten alles sehr aufmerksam.
Mich.
Das Motorrad.
Meine völlig sinnlose Regenjacke.
Ein Junge zeigte auf das Motorrad.
„Big bike?“
„Emotionally, yes.“
Er nickte ernsthaft.
Wahrscheinlich hielt er das für eine technische Angabe.
Die Dame setzte sich irgendwann ebenfalls unter das Blechdach.
Mit etwas Abstand.
Aber doch nah genug, dass man sich normal unterhalten konnte, ohne den Monsun anschreien zu müssen.
Und dann begann etwas sehr Thailändisches.
Ich sagte fast nichts…
…und bekam trotzdem innerhalb kurzer Zeit ungefähr die komplette Lebensgeschichte erzählt.
Familie. Kinder. Arbeit. Verwandtschaft. Noch mehr Verwandtschaft. Leute, die ich niemals kennenlernen werde, über deren Probleme ich jetzt allerdings erstaunlich gut informiert war.
Thailand ist wirklich das einzige Land, in dem man sich zufällig vor Regen unterstellt und danach emotional ungefähr Cousin dritten Grades einer fremden Großfamilie wird.
Zwischendurch fragte sie plötzlich:
„You married?“
„Yes. Very happily.“
Sie nickte langsam.
„Ahhh.“
Dann schaute sie kurz auf das Motorrad.
Dann wieder zu mir.
„Your wife not worry you ride in rain?“
„I suspect she stopped trying years ago.“
Darüber musste sie erstaunlich lange lachen.
Nicht dieses höfliche Thailand-Lachen.
Richtig lachen.
Kurz darauf rief Achim an.
„Wo bist du?“
Ich schaute hinaus in die grauschwarze Regenwand.
„Schwer zu sagen. Meteorologisch vermutlich bereits kurz vor dem Untergang.“
Im Hintergrund hörte ich wieder Pingpong-Pupu-Pang oder wie auch immer er hieß.
„Rain very bad?!“
„Slightly historic.“
Großes Gelächter am anderen Ende.
Offenbar war meine Situation dort eher Unterhaltung.
Irgendwann fragte mich die Dame: „You know way?“
Ich zeigte ihr mein Handy.
Und damit begann die eigentliche Krise.
Google Maps hatte inzwischen offenbar selbst die Orientierung verloren.
Jedes Mal, wenn ich irgendetwas drückte, erschien plötzlich ein anderes Ziel.
Einmal sollte ich Richtung Rayong.
Dann Richtung Trat.
Zwischendurch hatte ich kurz den Eindruck, die App wolle mich langfristig nach Kambodscha umsiedeln.
Die Dame nahm mir schließlich das Handy aus der Hand.
Und plötzlich funktionierte alles sofort.
Neue Route. Richtige Strecke. Kein Problem.
„Ahhh“, sagte sie freundlich. „You press wrong.“
„That theory has strong evidence.“
Ich stand daneben wie ein leicht verwirrter Europäer, der gerade feststellen musste, dass eine thailändische Mutter unter einem Blechdach technisch deutlich kompetenter war als er selbst.
Dann geschah etwas sehr Merkwürdiges.
Ohne irgendeinen Anlass begann sie plötzlich, mein Motorrad zu putzen.
Einfach so.
Mit Tuch. Mit Wasser. Mit erstaunlichem Ehrgeiz.
„No no please, really no need.“
Sie winkte nur ab.
„Too dirty.“
Das sagte sie mit der Entschlossenheit eines Menschen, der offenbar nicht akzeptieren konnte, dass ein Motorrad in diesem Zustand weiterexistiert.
Inzwischen halfen auch die Kinder.
Eines putzte den Spiegel.
Ein anderes drückte begeistert irgendwelche Knöpfe.
Ich hatte kurz Sorge, dass die Kinder am Ende technisch besser mit meinem Motorrad vertraut wären als ich selbst.
Und dann hörte der Regen plötzlich auf.
Einfach so.
Als hätte jemand oben beschlossen: „Genug.“
Die Sonne kam leicht zurück.
Dampf stieg von der Straße auf.
Fünf Minuten nach dem Weltuntergang sah plötzlich wieder alles vollkommen friedlich aus.
Thailand macht das ständig.
Ich bedankte mich mehrfach.
Die Dame lächelte.
Etwas länger diesmal.
„You come again maybe.“
Nicht ganz Frage.
Nicht ganz Aussage.
Eher eine vorsichtig formulierte Möglichkeit.
Ich setzte den Helm auf.
„Maybe yes. Maybe no. Life mysterious.“
Sie lachte laut.
Die Kinder winkten.
Ich startete das Motorrad und fuhr weiter Richtung Chanthaburi.
Während hinter mir Menschen standen, die ich vorher nie gesehen hatte…
…die mir aber innerhalb einer Stunde mehr geholfen hatten als manches europäische Navigationssystem in seinem gesamten Berufsleben.
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