Teil 34: „Klimbim, das Café ohne Gäste und die erstaunliche Stabilität internationaler Sponsorenromantik“
Einige Tage nachdem Nok und ihre Tochter mein Condo besichtigt hatten, beschloss ich, aus reiner Höflichkeit einmal ihr Café in Jomtien aufzusuchen.
Schließlich hatte sie mehrfach betont: „You come my café, yes? Very nice place.“
Das sagte sie mit einer Begeisterung, die zumindest theoretisch darauf schließen ließ, dass dort gelegentlich menschliches Leben stattfand.
Also fuhr ich hin.
Und fand es zunächst einmal nicht.
Das Café befand sich nämlich ganz am Ende eines größeren Parkplatzes, eingerahmt von einer Art improvisierter Containerlandschaft aus kleinen Bars, Garagen-Etablissements und einem Visa-Service, der aussah, als könne man dort gleichzeitig ein Retirement-Visum verlängern und einen defekten Kühlschrank reparieren lassen.
Alles wirkte ein wenig provisorisch.
Aber auf diese typisch thailändische Art provisorisch, die seit acht Jahren exakt unverändert existiert.
Ich fuhr einmal komplett im Kreis.
Dann noch einmal.
Nichts.
Zumindest nichts, das eindeutig nach Café aussah.
Eher nach einer leicht erschöpften Raststätte für Menschen mit schwieriger Lebensplanung.
Also rief ich Nok an.
Sie ging tatsächlich ran.
Im Hintergrund hörte ich Wasserrauschen und irgendwelche Stimmen.
„Hello Klimbim!“
„I believe I am somewhere near your café.“
Kurze Pause.
„You where?“
„That is currently one of the great philosophical questions of our time.“
Sie lachte sofort.
Dann erklärte sie mir den Weg.
Allerdings mit der geografischen Präzision eines betrunkenen Piraten.
„You see bar with blue chair?“
„There are approximately seventeen bars with blue chairs.“
„Noooo, another blue chair.“
„Ah. That narrows it down catastrophically.“
Großes Gelächter.
„You see fat dog sleep?“
Ich blickte mich um.
Tatsächlich lagen dort ungefähr fünf dicke Hunde verteilt wie verstreute Sofakissen.
„That may still leave room for interpretation.“
Noch mehr Gelächter.
Irgendwann stellte sich heraus, dass sie gerade in einer Sauna war.
Warum genau man aus einer Sauna heraus einem leicht verwirrten Europäer versucht zu erklären, wo sich ein nahezu unsichtbares Café auf einem Parkplatz befindet, blieb auch danach ungeklärt.
Jedenfalls fand ich es an diesem Tag nicht mehr.
Am nächsten Tag versuchte ich es erneut.
Diesmal war geöffnet.
Das Café lag tatsächlich ganz hinten in einer Ecke des Parkplatzes.
Klein.
Sehr klein.
Nicht unfreundlich klein.
Eher wirtschaftlich mutig klein.
Drinnen saß exakt ein Gast.
Der Gast war Nok.
Sie winkte sofort begeistert.
„Klimbim! Finally you find!“
„Against all statistical probability, yes.“
Sie lachte sofort wieder dieses leicht erschöpfte Kichern, das Thai-Frauen oft entwickeln, wenn ein Farang beginnt, vollständige englische Sätze zu benutzen.
Ich setzte mich.
Sie brachte mir sofort irgendetwas mit Eis, Zucker und einer Farbe, die in Europa vermutlich eine behördliche Untersuchung ausgelöst hätte.
„Special coffee!“
„It appears medically ambitious.“
„No no, very healthy!“
Ich nahm vorsichtig einen Schluck.
Es schmeckte gleichzeitig nach Kaffee, Kondensmilch und einer nicht näher identifizierbaren Frucht, die vermutlich in mehreren Ländern verboten wäre.
„Remarkably alive“, sagte ich höflich.
Sie nickte begeistert.
„Yesss! Alive coffee!“
Nun gut.
Damit hatte das Getränk jetzt offiziell eine Persönlichkeit entwickelt.
Das Café selbst war erstaunlich ordentlich.
Sauber.
Mit Liebe eingerichtet.
Pflanzen. Kleine Lampen. Deko. Kissen. Diese typischen motivational quotes auf Englisch, die grammatikalisch leicht angeschlagen sind, aber emotional sehr bemüht wirken.
An einer Wand stand: “Dream Big Success Happy Smile Forever.”
Man wusste nicht genau, ob es Motivation oder ein medizinischer Zwischenfall war.
Nur Kundschaft fehlte.
Komplett.
Vor dem Laden fuhr alle paar Minuten ein Motorrad vorbei.
Sonst nichts.
Es hatte die wirtschaftliche Dynamik eines Außenpostens in der Antarktis.
Nok setzte sich irgendwann zu mir.
„You like my café?“
Ich schaute mich vorsichtig um.
„It certainly possesses tranquility.“
Sie nickte stolz.
„Very peaceful!“
Das war technisch korrekt.
Ein buddhistisches Kloster während einer Stromsperre hätte kaum stiller wirken können.
Ich fragte irgendwann vorsichtig: „So… how much did all this cost?“
Sie überlegte kurz.
„Maybe two hundred thousand… maybe three hundred thousand.“
Sie sagte das mit der Gelassenheit eines Menschen, der gerade über den Preis eines Toasters spricht.
Ich nickte langsam.
Für Thailand ist das durchaus Geld.
Vor allem für ein Café, dessen Hauptkundschaft aktuell offenbar aus einem einzelnen durstigen Europäer bestand, der sich aus anthropologischem Interesse dort eingefunden hatte.
Also fragte ich: „Did you save the money before?“
Sie lachte sofort.
„Nooooo.“
Längeres Kichern.
„Sponsor.“
Ah.
Natürlich.
Das erklärte einiges.
Nicht alles.
Aber einiges.
„British man.“
Wieder dieses Kichern.
„Very kind man.“
Nun muss man wissen: Wenn eine Thai-Frau in diesem Tonfall „very kind man“ sagt, bedeutet das meistens nicht, dass der Herr ihr einmal beim Tragen von Einkaufstüten geholfen hat.
Ich nickte höflich.
„I see.“
„He pay café.“
„That is certainly generous.“
„He love me too much.“
„A condition not entirely unknown in this country.“
Sie verstand nur ungefähr die Hälfte davon, lachte aber trotzdem begeistert.
Dann kam die eigentliche Pointe.
„He married.“
„Ah.“
„Wife not know.“
Natürlich nicht.
Sie grinste mich an.
Ich grinste höflich zurück.
Dieses sehr kontrollierte europäische Grinsen, das übersetzt ungefähr bedeutet: „Ich verstehe exakt, was hier gerade passiert, werde mich aber diplomatisch verhalten, bis wir beide so tun können, als wäre nie etwas geschehen.“
Offenbar hatte meine wiederholte Erklärung, glücklich verheiratet zu sein, auf Nok ungefähr denselben Effekt wie ein „Bitte nicht füttern“-Schild im Streichelzoo.
Eher unverbindlichen Charakter.
„You handsome man,“ sagte sie irgendwann beiläufig.
„That is exceptionally charitable of you.“
„You have very good skin.“
„Years of disappointment preserve a man surprisingly well.“
Sie starrte mich kurz an.
Dann lachte sie derart laut, dass draußen sogar einer der Hunde kurz den Kopf hob.
„You funny man, Klimbim.“
„That allegation has been made before.“
Sie schüttelte lachend den Kopf.
Dann fragte sie plötzlich: „You have sponsor?“
„Only taxes.“
Sie verstand das offensichtlich nicht vollständig, fand aber den Klang der Antwort ausgezeichnet.
„You come café more often.“
„Possibly.“
Das Wort „possibly“ ist übrigens eine wunderbare Erfindung.
Es klingt freundlich.
Offen.
Fast interessiert.
Kann aber emotional denselben Effekt haben wie eine verschlossene Brandschutztür.
Nok schien das allerdings zunächst nicht weiter zu beeindrucken.
In den folgenden Tagen erhielt ich Nachrichten.
Viele Nachrichten.
Morgens. Mittags. Abends.
„You eat already?“ „You ride bike now?“ „You lonely?“ „You come coffee maybe?“ „I make special cake.“ „You think me little bit?“
Irgendwann hatte ich täglich ungefähr fünf Nachrichten auf dem Handy und begann langsam zu verstehen, warum manche Farangs hier innerhalb von drei Monaten plötzlich ungefragt Mitbesitzer eines Nagelstudios werden.
Dann schrieb ich irgendwann erneut sehr freundlich zurück, dass ich wirklich ausgesprochen glücklich verheiratet sei.
Wirklich glücklich.
Nicht Pattaya-glücklich.
Richtig glücklich.
Mit echter Ehe.
Emotionen. Vertrauen. Gemeinsamer Zukunft. Und ohne geheim finanziertes Caféprojekt.
Die Veränderung danach war bemerkenswert.
Nicht dramatisch.
Sehr thailändisch subtil.
Aber bemerkenswert.
Plötzlich deutlich weniger Nachrichten.
Dann nur noch gelegentlich.
Dann fast gar nichts mehr.
Es war ein wenig so, als hätte jemand langsam den Strom einer sehr höflichen romantischen Werbekampagne heruntergeregelt.
Und ich muss zugeben: Das Ganze hatte schon etwas unfreiwillig Komisches.
Denn einerseits bestätigen solche Situationen natürlich sämtliche Pattaya-Klischees mit der Feinfühligkeit eines Presslufthammers.
Andererseits wäre es unfair, daraus allgemeine Wahrheiten ableiten zu wollen.
Thailand ist komplizierter.
Menschen auch.
Aber ich begann durchaus zu verstehen, warum hier so viele wirtschaftlich vollkommen absurde Projekte entstehen.
Denn wenn das eingesetzte Kapital nicht aus eigener harter Arbeit stammt, verändert sich vermutlich auch der Blick auf Risiko.
Wenn ein europäischer Sponsor aus emotionaler Großwetterlage heraus plötzlich 300.000 Baht für ein Café bereitstellt, stellt offenbar niemand mehr die eigentlich interessante Frage: „Kommt hier überhaupt jemals jemand vorbei?“
Die Antwort lautete in diesem Fall: eher selten.
Möglicherweise entsteht so überhaupt erst diese faszinierende Parallelwirtschaft Pattayas.
Cafés ohne Gäste. Bars ohne Umsatz. Restaurants ohne Besucher. Nagelstudios mit exakt zwei Kundinnen pro Woche.
Und irgendwo dahinter sitzt vermutlich ein leicht verschwitzter Europäer in Wolverhampton, Castrop-Rauxel oder Malmö und glaubt weiterhin, er investiere strategisch in die Zukunft.
Während in Wirklichkeit lediglich sehr freundlich dekorierter Leerlauf finanziert wird.
Ich trank meinen bunten Zuckerkaffee aus.
Bedankte mich höflich.
Und verabschiedete mich.
Nok lächelte weiterhin freundlich.
Aber mit deutlich reduzierter strategischer Wärme.
„You come again maybe tomorrow?“
„One should never exclude future diplomatic relations entirely.“
Sie blinzelte kurz.
„…Yes.“
Ich fuhr anschließend zurück nach Pratumnak und dachte unterwegs:
Thailand ist vermutlich das einzige Land der Welt, in dem romantische Missverständnisse regelmäßig komplette Kleinunternehmen finanzieren.
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