Samira
Schon das Ende?
OK, irgendwie aufgedreht ist sie schon, dachte ich mir. Vorsicht! Keine Rocker-Grenzen überschreiten. Als Samira pinkeln ging, äußerte ich in Rollis Richtung: „Alles klar Jung?“ Der antwortete „Nein, bin schlecht drauf.“ Mit einer recht hohen und sanften Stimme, die so gar nicht zu ihm passt und das Gegenteil von sonor ist.
„Was’n los?“
„Will ich nicht drüber reden“.
Und plötzlich wurde er zum weinerlichen Typen, vor dem noch nicht einmal ein Kätzchen Angst haben musste.
Samira kam zurück, Rolli war gerade draußen Tüten rollen, und ich fragte sie, wer dieser Typ überhaupt sei?
„Mein Ruhepol. Mein Anker.“
OK, was auch immer das bedeutete. Ich nahm es nicht als eventuelle Enttäuschung, denn es hörte sich irgendwie asexuell an. Bildete ich mir wunschträumend zumindest ein. Meine Taktik, um den Abend nicht alleine zu verleben, nahm Formen an.
Samira schwärmte weiter von Rolli. Wie hilfsbereit und lieb er wäre, etc. Er hätte sich auch immer darum gekümmert, dass sie irgendwie nach Hause käme, wenn sie mal über die Stränge schlug und zu angeturnt war. Außerdem wäre er mit ihr und ihrer Schwester einige Male in andere Musiklokale ausgegangen.
Samira sprang plötzlich auf, und begrüßte und umarmte ein dunkelblondes Mädel. Kurz darauf flüsterte sie mir ins Ohr, dass diese „Blonde“ die Ex von Rolli sei, worunter er immer noch leide. Ich fasste Mut. Samira gehörte den Abend vermutlich mir. Wichtig war, den verständnisvollen Zuhörer mit einem gewissen Abstand zu spielen. Nur nicht zu nahe treten. Abstand vom Geschehen um Samira herum, das war hinterhältig als „dirty old man“ Strategie angesagt. Einfach den aufmerksamen Beobachter spielen.
Mittlerweile weiss ich, dass Rolli ständig unglücklich verliebt ist, weil er im Gegensatz zu seiner jeweiligen angeblichen „Geliebten“ glaubt, ein Verhältnis mit ihr zu haben. Sie ist allerdings meistens anderer Meinung. Deswegen trifft man Rolli grundsätzlich mit Liebeskummer an. Die weibliche Verursacherin seines Leidens wechselt alle paar Wochen.
Samira wurde immer handgreiflicher zu mir und neutraler zu Rolli. Der nahm es locker hin. Die waren nie zusammen, wie sie mir gestand, als sie mir die Geschichte ihres Lebens erzählte. Samira fing an zu reden und hörte nicht mehr auf, sodass ich es schon bereute, neben ihr zu stehen. Eine absolute Quasselstrippe. Sie sei Marokkanerin, stolz darauf, eine echte Araberin zu sein, dreizehnjährige Tochter, wohlhabender schweizer Vater und geschieden.
Ohne, dass ich fragte, sagte Samira: „Warum ich geschieden bin? Nach fünf Jahren stellte ich fest, dass er keine Personality hatte.“
Sehr interessante Bemerkung. OK, Mädel. Hauptsache du bleibst auf mich fixiert – dachte ich mir. So kam es auch. Auf Rolli, ihren lieben Anker und Ruhepol angesprochen, meinte sie, „Der kann “personality” noch nicht einmal buchstabieren.“
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Als solidarischer Mann fand ich das nicht so gut, aber egal. Heute Abend ist heute Abend. Samira ist heute Nacht meine Gesprächspartnerin und ich will mich mit keiner anderen unterhalten. Erst später fand ich heraus, dass dies eine der Übersetzungen ihres Namens ist.
Samira =
“Gefährtin oder Gesprächspartnerin der Nacht.” So eine Marokkanerin ist schon was Feines – waren meine Gedanken.
Samira trug ein weißes geiles T-Shirt, dass sie des öfteren am Halsansatz hochzog, weil es ständig runter rutschte und die weißen Ansätze ihrer Brüste zeigte. Darüber eine Bluse mit langen Ärmeln und vorne leger offen. Sie erinnerte mich an die Süßen in Pattaya. Ansprechende offene Art, beim Reden Hand auflegen und die volle Breitseite mit ihrem Busen als Waffe ständig an meinem Oberarm. „The full metal jacket“. Samiras Busen war ständig in Tuchfühlung an mir.
Solch eine Freundin hatte ich abgesehen von Thailand, wo einem so etwas ständig unbedeutenderweise passiert, 1986 in Deutschland. Es endete in einer Katastrophe. Aber falls es einen Anfang mit Samira geben sollte, dann war das Ende schon vorprogrammiert, und zwar zivilisiert am Airport Kloten, einer eventuellen Katastrophe entrinnend, sagte ich mir, mich selber beruhigend.
Samira fand das mit den „drei Monaten“ auch ganz lustig. Einfach in die Nacht hinein leben, ohne an Morgen zu denken, ohne Zukunftspläne zu schmieden. Frei und voll die Gegenwart, den Moment, ausleben. Komme, was wolle.
Eine kleine sexy und relativ junge Schwarze gesellte sich zu uns. Gut drauf. Wir haben zu Dritt rumgealbert und ein paar Sachen getrunken. Die Kleene war über irgend etwas empört und machte zwischendurch immer wieder ihrem Ärger Luft. Samira fand die süss und empfand sie nicht als Konkurrenz. Behandelte sie fast wie eine Mutter, aber sehr lustig um sie runter zu bringen, wenn sie wieder einmal ein trotziger Ärger auf irgend etwas übermannte.
Als das GO IN um 1:30 morgens Anstalten machte zu schließen, meinte Samira, dass sie noch etwas unternehmen wolle. Keine Lust, schon nach Hause zu fahren. Die kleene Schwarze könnten wir auch mitnehmen. Der letzte Bus war schon weg. Ob ich denn noch ein nettes Nachtlokal kenne. Draußen vor der Türe seilte sich die Kleene in einer weiteren Trotzphase allerdings plötzlich ab.
Ein Nachtlokal kannte ich, nämlich den Moonlight Club ganz bei mir in der Nähe. Geöffnet bis 7 Uhr morgens. Dort verkehren auch die Schwalben der Nacht nach getaner Arbeit. So wie ich Samira bis dahin einschätzte, würde sie das Publikum schon ertragen können. Ich war schon lange nicht mehr dort. Der Club gehörte zu meiner anfänglichen Sturm und Drang Zeit hier in Baden. Der Besitzer, Peter, kannte mich noch und begrüßte mich mit Handschlag. Meine Club-Karte brauchte ich gar nicht vorzeigen. Die hatte ich nämlich sowieso nicht dabei.
Samira und ich setzten uns an die Theke. Dort haben wir ununterbrochen rumgealbert, ja gekichert. Da gab ein Wort das andere, und dem anderen fiel immer noch eine Steigerung ein. Kennst ihr sicher. Niemand störte uns und ich kann mich an kein anderes Gesicht der Anwesenden erinnern, ausser an die Bedienung, Peters Freundin. Gutaussehend, schlank, cool, routiniert, professionell, nicht zu anbiedernd, aber aufmerksam und zuvorkommend. Genau mein Barfrau-Typ. Zwischendurch tanzte Samira immer wieder alleine auf der Tanzfläche. Die Musik war nämlich gut. Gegen Sechs, Halbsieben, es war schon hell, hatten wir genug. Getorkelt ist keiner von uns beiden, das ständige Gerede und Gekicher hat uns wohl vor dem Absturz bewahrt und den Alkoholpegel am Überschwappen gehindert.
Ich hab mir gedacht: war ein schöner Abend, mal wieder so richtig wie in alten Tagen durchgezogen, aber jetzt erst einmal ins Bett und zwar alleine und morgen in aller Ruhe ungestört wieder ausnüchtern. Für mich nur ein Fünfminuten-Fussweg nach Hause. Bloß keine intellektuelle Diskussionen nach dem Aufwachen mit einer eventuellen Bettgenossin. Und endloses Gequassel erst gar nicht. Egal mit wem. Ich gab Samira meine Karte, aber fragte nicht nach ihrer Nummer. Typisch Iffi! Nach dem Motto: Mal sehn, was sich daraus ergibt. Schicksal nimm deinen Lauf.
Soll Samira doch die Initiative ergreifen. Ansonsten gibt es ja noch das GO IN. Da würde ich bis Ende September ab jetzt sowieso wieder öfters hingehen und eventuell Samira zufällig wiedersehen. Am Taxi: “Tschüss”, ein nasser Kuss von ihr auf meinen Mund und das war's…