Um die Geschichte zu einem rühmlichen Ende zu bringen, irgendwann war sein Urlaub vorbei und er flog wieder zurück, aber mir war aufgefallen, daß er vor allen Dingen in den letzten Tagen, seit er mit Lippenstift und einem Knutschfleck von dem Konzert nach Hause gekommen war, gar nicht mehr so oft auf sein Handy starrte, und sich auch nicht mehr stundenlang in mein Gästezimmer verkroch, wenn sein Schätzchen ihn mal wieder terrorisierte.
Wenige Tage nach seinem Rückflug kamen die ersten WhatsApp Nachrichten eingetrudelt.
Erst war ich geschockt. Was habe ich da bloß angerichtet.
Der Bursche ist viel zu jung, um sich mit dem Pattaya Virus anzustecken. Der braucht erst einmal eine solide Basis und vernünftige Zukunftsplanung und überhaupt hat er ja noch gar nichts von der Welt gesehen.
Auf der anderen Seite kann Sehnsucht ein sehr starker Motivator sein. So war es zumindest mir ergangen, oder meint hier jemand, daß ich aus purer Langeweile Thailändisch gelernt habe.
Um hier gut aufgestellt zu sein, musste ich die Sprache auf Universitätslevel lernen, damit ich die blöden Prüfungen bestehen konnte, um hier in meinem Job arbeiten zu können.
Zahnarzt ist nun einmal das, was ich am wenigsten schlecht kann.
Für alles andere war ich schon immer zu dämlich.
Mal schauen, ob wir nicht das Verlangen des jungen Mannes in die richtigen Kanäle leite können.
Tja, was soll ich sagen.
Daraufhin hat er seine Bewerbung bei der EDHEC Universität in Nizza, das ist wie bereits geschrieben eine Business School, die regelmäßig in den Top 10 in Europa vertreten ist und im Financial Times Ranking 2024 auf Platz 6 stand, wieder aktiviert.
Und ist angenommen worden!
Natürlich hat sich seine Freundin wie erwartet übel aufgeführt, denn sie hatte ihn ja emotional erpresst und ihm verboten sich an dieser Uni einzuschreiben, weil er dann so weit weg wäre und ihr somit nicht mehr zu Diensten sein könnte:
„Für so ein Schwein hätte ich dich nie gehalten, mir einfach so das Messer in den Rücken zu rammen. Schade um die verschwendete Zeit mit dir. Tja, dann wird mir wohl nichts anderes übrigbleiben, als mir einen richtigen Mann zu suchen, der mich auch wirklich liebt. Heul mir später ja nicht die Ohren voll. Du hast mir ja keine Alternative gelassen als Schluß zu machen und nach anderen Jungs zu schauen.“
Nach dem, was er mir berichtet hat, hat er sich tatsächlich diesen kleinen Erpressungsvortrag höflich und ruhig aber mit Pokerface angehört und ist dann aufgestanden und gegangen.
Damit hatte sie natürlich nicht gerechnet, sondern eher darauf gebaut, daß er jetzt heulend im Büßergewand vor ihr stehen und sie anflehen würde ihn doch nicht zu verlassen.
„Hast du mir überhaupt zugehört? Ich habe gesagt, daß ich jetzt wohl Schluß machen muss, um mir einen anderen Freund zu suchen.“
Daraufhin hat er - und ich kann gar nicht sagen, wie stolz ich auf ihn bin - sich noch einmal lässig zu ihr umgedreht und gesagt:
„Up to youuu. I not cääääre.“
Guter Junge.
Natürlich hatte auch meine Schwester angerufen aber statt sich zu bedanken, wie toll ich ihren Sohn bewirtet hatte, nein kein einziges Wort des Lobes, nicht daß ich jemals eines von ihr gehört hätte, stattdessen nur Rüge nach Rüge.
„Was hast du mit meinem Sohn gemacht? Der ist ja gar nicht mehr wiederzuerkennen. Und überhaupt, ich hätte nichts dagegen gehabt, wenn er mal ein paar Worte Thailändisch gelernt hätte, aber stattdessen sagt er neuerdings so komische Sachen, wie „Ding Dong“ oder wenn ich ihn zu sehr ermahne, dann geht er nach oben in sein Zimmer und sagt vorher irgendwas wie „I go upsaatääär." Überhaupt verhält er sich plötzlich so machomässig und Frauen sind jetzt plötzlich Schwutten “
„Mag sein, aber dafür ein Macho mit Zukunft.“
„Was soll das jetzt schon wieder heißen?“
„Du weißt doch, daß seine Freundin ihm verboten hatte, an dieser Business School in Nizza zu studieren.“
„Ach, das war die Freundin? Ich habe mich schon gewundert, warum er es sich plötzlich anders überlegt hat. Bist du sicher? Davon hat er mir ja gar nichts erzählt.“
„Ja, das war die Freundin Und erzählt hat er es dir nicht, weil er sich vermutlich geschämt hat.“
„Naja, er wird schon irgendeinen Job finden.“
„Braucht er nicht. Er hat den Studienplatz in Nizza bekommen. Du kannst mir später danken.“
Wieder Stille in der Leitung.
Die neueste Message vom Neffen:
Jetzt vergleicht er schon die Bierpreise.
Damit dürfte eines klar sein:
Sollte er eines Tages wirklich für längere Zeit nach Pattaya kommen oder sogar ganz hier bleiben, wird er sich gut zurechtfinden, da habe ich jetzt keinen Zweifel mehr.
Ende, ihr Diggas.