Teil 16:
„Ein ganz normaler Traum, in dem ich dem Tod erkläre, dass er bitte einen Termin braucht“
Das Folgende entspricht meinem gestrigen Traum. Ich habe ihn exakt so erlebt. Zumindest gefühlt. Und Gefühle sind bekanntlich Fakten mit Fantasieanteil.
Der Tod klopfte neulich bei mir an. Nicht laut. Nicht dramatisch. Eher so dieses leise, selbstverständliche „Ich bin dann mal da“-Klopfen.
Ich machte auf.
Er stand da. Dunkel. Ruhig. Mit diesem Gesichtsausdruck von jemandem, der Termine hat.
„Klimbim“, sagte er, „es ist soweit.“ Ich schaute ihn an. Dann schaute ich an ihm vorbei.
Dann wieder ihn. „Nein“, sagte ich. Er war irritiert. Das passiert ihm selten.
„Wie bitte?“
„Ich sehe das überhaupt nicht ein.“
Pause.
Er blätterte in seinem unsichtbaren Kalender. „Aber… es ist Zeit.“ Ich verschränkte die Arme.
„Falsch. Gerade jetzt geht es mir außergewöhnlich gut.“
Er wirkte beleidigt. „Das sagen sie immer.“
„Nein“, sagte ich. „Ich habe eine neue Wohnung in Pattaya. Das ist kein Zeitpunkt zum Sterben. Das ist ein Einweihungszeitpunkt.“
Er seufzte. Ich fuhr fort. „Außerdem ist meine Frau gerade in einer Phase der brillanten Entwicklung. Das Timing wäre völlig unhöflich.“
Der Tod nickte langsam. „Ich komme sonst selten ungelegen.“
„Heute schon“, sagte ich.
Er sah sich um. „Und das hier ist also dein neues Leben?“
„Ja.“
„Mit Familie?“
„Sehr sogar.“
Er machte eine kleine Notiz.
„Glückliche Ehe?“
„Extrem.“
„Humorvolle Stiefsohn-Situation?“
„Ja. Wir haben denselben Humor. Das ist selten. Und gefährlich für dich.“
Er hob eine Augenbraue.
„Tochter?“
„Die sagt immer: Papa, für dich gibt es immer eine Lösung.“
Der Tod runzelte die Stirn.
„Das klingt nach Widerstand.“
„Das ist Widerstand“, sagte ich.
Er versuchte es anders.
„Aber Angst vor dem Tod ist normal.“
Ich nickte.
„Natürlich. Ich habe auch Angst.“
Er lehnte sich leicht vor.
„Aha.“
„Nicht vor dir“, sagte ich schnell. „Eher davor, dass ich all das hier verpasse.“
Pause.
„Meine Frau., sogar meine Mutter, die ich problemlos überallhin mitnehmen kann, ohne dass sie mich nervt...
Was statistisch betrachtet eine seltene Kombination ist. Und Reisen mit ihr sind erstaunlich angenehm. Das sollte man nicht abbrechen.“
Der Tod wirkte leicht irritiert. „Mütter sind sonst… komplex.“
„Nicht meine“, sagte ich. „Ich habe da Glück.“ Er notierte etwas.
„Und deine Frau?“ „Die liebe ich unendlich“, sagte ich. „Gemeinsam mit ihrem Sohn. Wir lieben sie beide sehr.“
Der Tod nickte langsam. „Und sie nervt euch manchmal?“
Ich grinste: „Natürlich. Das gehört dazu. Deshalb verreisen wir im Sommer auch mal ohne sie.“
Er sah mich an. „Sehr erwachsen.“
„Ich weiß.“
Er wurde ungeduldig: „Also komm jetzt.“
Ich stand auf.
„Nein.“
Er wartete.
Ich zeigte zur Tür.
„Du kannst gehen.“
Stille.
Er schaute beleidigt aus.
„Du schmeißt mich raus?“
„Ja.“
„Das hat noch niemand gemacht.“
„Ich bin eben früh dran.“
Er versuchte es ein letztes Mal.
„Aber ich bin unvermeidlich.“
Ich nickte freundlich.
„Mag sein. Aber nicht heute.“
„Warum nicht?“
Ich setzte mich wieder hin.
„Weil ich gerade erst angekommen bin. Neue Wohnung. Neue Pläne. Prüfungen. Zukunft. Humortraining mit meinem Ziehsohn. Reisen mit meiner Mutter. Sommer ohne Drama. Meine Frau auf ihrem Weg zur Spezialisierung, damit sie künftig Flugbegleitungen für Versicherungen machen kann. Das ist ein Projekt. Und Projekte beendet man nicht mitten im Satz.“
Der Tod schwieg.
Er sah tatsächlich ein bisschen enttäuscht aus.
„Du hast Angst“, sagte er leiser.
Ich dachte kurz nach.
„Ja“, sagte ich ehrlich.
„Wovor genau?“
Ich lächelte.
„Nicht vor dir. Sondern davor, dass ich noch mehr solcher Momente verpasse.“
Pause.
„Und ich habe noch einiges vor.“
Er betrachtete mich lange.
Dann sagte er:
„Du bist ungewöhnlich trotzig.“
„Danke“, sagte ich.
Er stand auf.
„Ich komme wieder.“
„Natürlich“, sagte ich.
„Und dann?“
Ich grinste.
„Dann rede ich wieder mit dir.“
Er war kurz irritiert.
„Du redest mit mir?“
„Klar. Aber heute nicht. Heute habe ich Termine.“
Er verschwand nicht dramatisch.
Er ging einfach.
Etwas gekränkt.
Und hier kommt der Teil, den der Tod vermutlich noch nicht bedacht hat.
Ich habe ihm nämlich erklärt, dass er sich gut überlegen sollte, was passieren würde, wenn er mich jetzt holt.
Wenn ich mitkomme, müsste er danach auch meine Frau holen.
Und dann meine Tochter.
Und dann meinen Ziehsohn.
Und dann meine Mutter.
Und irgendwann gäbe es niemanden mehr, der überhaupt noch stirbt.
Das wäre organisatorisch ziemlich unpraktisch.
Sterben würde dann wie eine geschlossene Gesellschaft wirken.
Der Tod müsste dann anfangen, Absagen zu verschicken.
Sehr unangenehm.
Er würde im Wartezimmer sitzen wie ein Beamter ohne Formular.
Und wenn er wirklich konsequent wäre, hätte er am Ende gar nichts mehr zu tun.
Keine Termine.
Keine Kunden.
Keine Arbeit.
Das käme ihm vermutlich sehr ungelegen.
Ich stelle mir vor, wie er irgendwann die Geduld verliert.
Er klopft wieder an.
Ich öffne.
Er seufzt.
Ich lächle.
Er sagt nichts mehr.
Er dreht sich um.
Und ich lache mich kaputt.
Nicht über ihn.
Sondern darüber, dass er dachte, ich hätte heute Zeit.
Und solange ich lachen kann,
solange ich liebe, solange ich Pläne mache, solange meine Familie lebt, liebt und diskutiert,
solange ich neue Wohnungen kaufe und alte Sorgen nicht einziehen,
solange darf der Tod gern noch draußen warten.
Mit Termin.
Und am besten mit Geduld.
Denn die brauche ich gerade mehr als er. Und das ist, wie ich finde, eine ausgesprochen faire Ausgangslage.
Ich bin 60. Mit Hilfe meiner Frau werde ich vermutlich mindestens 100.
Dem Tod sei gesagt, dass es absehbar erstmal sinnlos ist, sich mit mir zu befassen. Ich habe das beschlossen. Und in meinem Leben habe ich mich auf meine Art immer wieder durchgesetzt. Das hier ist keine Verhandlung. Das ist eine langfristige Beziehung mit der Zeit.
Und falls er trotzdem nochmal klingelt, werde ich ihm freundlich sagen, dass er bitte einen Kaffee trinken soll, draußen warten darf und sich in der Zwischenzeit überlegen kann, wie er überhaupt ohne mich klarkommen will.
Denn wenn er mich jetzt mitnimmt, muss er sich ernsthaft fragen, wer dann noch in Pattaya sitzt, lacht, lebt, liebt und ihm erklärt, dass er heute wieder zu früh dran ist.
Und ganz ehrlich:
Wenn der Tod eines Tages merkt, dass ich ihm die Tür nicht öffne, weil ich gerade mit meiner Frau im Sommerurlaub bin, meiner Mutter den Sonnenhut reiche und mit meinem Ziehsohn über Witze diskutiere, dann wird selbst er verstehen, dass es im Moment einfach keinen freien Termin gibt.
Er kann gern wiederkommen. Aber bitte erst nach meinem 100. Geburtstag.
Und selbst dann nur, wenn er vorher anruft. Meine Thainummer bekommt er nicht und die deutsche und schweizerische, werde ich blocken.
Und wenn er glaubt, er könne mich hetzen, dann hat er noch nie gesehen, wie stur ein Expat mit neuem Helm, neuer Wohnung und neuem Lebensplan sein kann.
Ich bin nämlich terminlich hervorragend ausgebucht.
Und das bleibt auch so.
beatles ( when i'm sixty four)
