Reisevorbereitungen – oder: Familie Klimbim hebt ab
Diesmal läuft’s fast nach Plan. Teresa (meine Frau) und ich fliegen eine Woche früher nach Korsika. Ohne Kinder. Ja, ich weiß – das ist fast ein paradiesischer Zustand - eine kleine Auszeit.
Sie will Wasserfälle sehen, wandern, kurven fahren, wie damals als ich sie kennen lernte, vor nun schon einigen Jahren... damals fuhren wir durch Marokko im Atlas. Die Anreise war extrem kompliziert, aber Marokko war visafrei für sie, damals noch Filippina. Meine Gedanken reisen...
Fast Offload – oder: Teresa gegen den Flughafen Manila
2018.
Ich sitze irgendwo zwischen Koffer, Kaffee und Kontrollblick aufs Handy, schon halb im Abflugmodus Richtung Marokko. Casablanca. Abenteuer.Und Teresa – meine Teresa – irgendwo in Manila. Auf dem Weg zum Flughafen.
Zumindest:
hoffentlich.
Denn mein Handy blinkt. Nachricht von ihr.
„Stuck. Traffic. Still in Makati. OMG. 

“
Mein Herz? Kurz still. Der Flug? In zwei Stunden. Der Verkehr in Manila? Eine apokalyptische Mischung aus Karneval, Weltuntergang und Dauerbaustelle.
Ich? Nervlich irgendwo zwischen Gebet und Verzweiflung.
Das nächste Selfie kommt fünfzehn Minuten später. Sie im Taxi. Schweißperlen. Wut-Face. Die langen schwarzen Haare wild, wie frisch durchgeweht vom Taifun. Der Blick:
„Ich bringe gleich das gesamte Verkehrsministerium um.“
„This driver... like grandpa after 10 Joints. I swear. I will walk if he don’t move soon."
Ich sitze da, starre aufs Display und sehe in Zeitlupe, wie meine sehr kleine, sehr zarte Frau innerlich explodiert – und gleichzeitig noch irgendwie aussieht wie ein aufgescheuchter Disney-Charakter mit Flipflops und riesiger rosa Schleife im Haar.
Dann:
„At airport. Maybe too late. They want offload me.
“
Offload. Dieses Wort. (Forenfreunde mit Philippinenbezug kennen dieses Wort wenn sie eine Freundin dort haben, 100%).
Ich lese es und mein Magen stürzt in den Keller.
Aber Teresa – damals 27 Jahre alt, 45 Kilo pure Entschlossenheit – war nicht bereit, sich offloaden zu lassen.
Sie berichtete mir später mit blitzenden Augen:
„I stand there. They say "Ma’am, gate closed."
I say: "NO".
I stomped my foot! I say: That’s my boyfriend. I fly!
I gave passport. I looked like crazy. But cute. You know?
And them... they did let me go!!“
Das Englisch meiner Frau war nicht sooo gut. Ihr Deutsch ist 10x, 1000x besser. Die Behauptung, Filipinos würden sehr gut Englisch sprechen... ich bin davon nicht überzeugt und denke, sie sollten aufhören zu versuchen Amerikaner nachzuahmen - aber das, das ist eine ganz andere Geschichte...
Ich schwöre, ich habe sie dabei vor Augen, heute noch.
Klein wie ein Teenie, aber mit der Haltung eines Generals, der gerade den Sieg erklärt.
Sie – in ihrer Teresa eigenen Wut – wahrscheinlich so süß, dass selbst der Bodenchef kurz vergaß, was Vorschriften sind. Eigentlich eine asiatische Latina...
Und dann – als Allerletzte – stieg sie tatsächlich ins Flugzeug. Und 18 Stunden später kam sie in Casablanca mit Zwischenstopp in irgendeinem Golfstaat an. Strahlend. Lachend. In der Ankunftshalle rannte sie auf mich zu und rief laut:
„I won, Mister FOX! I won against Manila traffic!“
Dann fiel sie mir um den Hals.
Ich stand da. Gerührt. So verliebt...
Denn so ist sie eben.
Klein, wütend, charmant, ein bisschen irre – und nicht aufzuhalten, wenn es um Liebe (oder pünktliche Flüge) geht.
DJ Aku Rindu Padamu - Evie Tamala Remix Galau Slow Bass
Filipina, abstammend von den Seenomaden aus dem äußersten Westen Mindanaos, vorgelagerte Insel...
Korsika? Neue Reise, wieder...
JA.
Ich lasse sie ans Steuer. Serpentinen – mein Gott. Sie liebt das. Ich liebe sie. Also: überleben. Eine Filipina im Abenteuermodus. Die Korsen werden ihre Freude haben... und ich brauch gute Nerven.
Die Kinder? Kommen später. Eine Woche später. Bis dahin – Hotel Oma.
Der Knirps, 12, ruft schon beim Verstauen seines Rucksacks quer durch den Flur:
„Oma, können wir zu einem Autorennen? Also so mit Qualifying und allem, ja?“
Meine Tochter (18, Lippenstift in Pantone-Rot und Laune in Nebelgrau) verzieht keine Miene, rollt nur die Augen.
„Boah. Ich will feiern. Oma? Ich brauch WLAN. Und ich bring mein ganzes Make-up mit. Also alles.“
Alles, das hieß: ein halber Koffer. Ich vermute, der andere halbe ist für Lidschatten, der nach Ländern benannt ist.
Oma? Absolut unbeeindruckt. Die Frau hat drei Weltkrisen überlebt und den 2CV durch Berliner Winter gesteuert. Ihre Reaktion:
„WLAN gibt’s. Herrenbesuch nicht. Punkt.“
Der Knirps (trocken und Schwester auslachend wie ein Zwieback in der Sahara):
„Haha. Also keine Typen, aber dafür Lidschatten in zwölf Hauttönen. Das wird 'ne Party.“
Oma, mittlerweile in ihrem roten Audi A2 (sie nennt ihn „das Kirscherl“), fährt täglich drei Mal zum Supermarkt, weil sie „noch was vergessen“ hat. Sie kauft wie eine französische Armee im Belagerungsmodus.
Ihre Liste der „Essenswünsche der Kinder“ liest sich wie ein interkultureller Showdown:
* Für meine Tochter: vegane Nuggets, Bubble Tea, Nudeln ohne „diese grünen Sachen“.
* Für den Knirps: Burger, Pommes, irgendwas mit Ketchup.
* Für Oma: Ratatouille, gebackene Tomaten, Lamm mit Kräutern der Provence.
* Für mich: bitte keine Diskussion.
Sie verzweifelt still. Aber sie verzweifelt.
„Früher“, sagt sie und schaut in die Luft, „wolltet ihr nur Baguette und Schokolade.“
Und dann erzählt sie wieder von 1978. Als wir mit dem alten 2CV – Klappdach, Fenster zum Hochklappen – von Berlin nach Südfrankreich gefahren sind.
Drei Tage. Mein Vater, zwei Schwestern, ich. Soooooo eng... es war echt anstrengend. Übereinander gestapelt. Der Wagen voll bis unters Dach. Ich saß hinten, zwischen einem Koffer, einem Klappstuhl und einem Sack braunes Brot (oder grau) der mitgereist war, weil „man da unten kein richtiges bekommt“ - meinte mein Vater immer.
An der DDR-Grenze wurden wir skeptisch betrachtet. Mein Vater trug Espadrilles, meine Mutter redete französisch – der Grenzer fragte ernsthaft, ob wir
Subversive seien. Wir fanden die DDR lächerlich, muss es so sagen.
1978 – Die Grenze. Ein Klappriger Citroën, ein gestärkter Grenzer und meine Mutter in Weiß.
Grenzübergang Drewitz. Früher Morgen.
Unser 2CV stand da wie ein zitternder Blechkäfer, der kurz vor dem Nervenzusammenbruch war. Klappfenster offen, Dach zurückgerollt, der Geruch von französischem Käse mischte sich mit Berliner Unruhe.
Meine Mutter – weiße Caprihose, Sonnenbrille mit Goldrand, Zigarettenspitze aus Bakelit – thronte auf dem Beifahrersitz wie Sophia Loren - die war echt hübsch - sehe ich auf alten Photos.
Der DDR-Grenzer kam näher. Steif wie ein Laternenpfahl. Uniform wie frisch gebügelt, Blick wie Beton.
„Zweck der Reise?“ bellte er, und sein Blick fiel auf meine Mutter.
Sie zog langsam die Brille ab, musterte ihn von oben bis unten, und lächelte... charmant. „Wir besuchen die Familie“, sagte sie – mit einem Hauch von Côte d’Azur in der Stimme. Dann fügte sie hinzu: „Haben Sie eigentlich auch so schönes Wetter in Ihrer Zone, Herr… Hauptmensch?“
Er blinzelte irritiert. „Ich bin Hauptmann.“
„Oh, pardon. Man verliert da so leicht den Überblick bei all den schönen Abzeichen.“ Sie paffte elegant. Mein Vater sagte nichts. Er saß da, als wäre er in eine Theaterprobe geraten.
Der Grenzer drehte sich zu mir, dem Jüngsten, der zwischen Koffern und einem gebratenen Huhn in einer Kiste hockte. (Langgeschichte. Urlaubshuhn.)
Er beugte sich runter, um Eindruck zu schinden.
„Na, junger Mann. Und du willst wohl zur See fahren, was?“ Ich sah ihn an. Müde vom Stau. Genervt vom Huhn. Klebrige Hände vom Nougat.
Dann sagte ich wie ich halt so war als Junge:
"Wollnse mit? Ach so, Sie dürfen ja nich. Allet klar Herr Kommissar".
Stille.
Der Grenzer richtete sich auf, schniefte, klappte sein Büchlein zu, und ließ uns mit einem knappen „Fahren Sie weiter“ passieren.
Meine Mutter setzte die Brille wieder auf, sah mich durch den Rückspiegel an und sagte leise:
„Ich glaub, ich hab dich ein bisschen zu gut erzogen.“
Ich grinste. Der 2CV hoppelte los.
In Richtung Sonne, Freiheit – und viel zu warmer Camembert im Kofferraum mit entsprechendem Aroma.
Der 2CV schaukelte bei jedem Windstoß wie ein Ruderboot im Orkan. Aber wir waren frei. Und jung. Und der mitgebrachte Monokasettenrekorder spielte Musik:
Plastic Bertrand - Ça Plane Pour (Lyrics/) (From Money Heist Season 5 Vol 2)
Diese Erinnerung könnte mich treffen, wenn wir später in Ajaccio am Mietwagenschalter stehen könnten. Ich bekomme da dann einen Fiat Panda. Kleinwagen. Auf Korsika. Ich schlucke bei diesem Gedanken...
Aber ich weiß: es wird schaukeln. Vielleicht nicht wie damals. Aber es wird gut.
Was hören wir? Mit dem Internet verbunden aus dem Handy und Verstärker?
Dimanche Aux Goudes
Und ich werde Teresa fahren lassen. Sie kann das. Und ich werde schweigen. Und Fotos machen. Und atmen.
Denn ich weiß: sie braucht das, will auch bestimmen. Trotzig aber glücklich.
Und dann beginnt das echte Abenteuer, da bin ich sicher. Gedanklich kenne ich das bereits... hatten wir so ähnlich letztes Jahr in Griechenland, nun Korsika
Zärtliche Serpentinen – oder: Wenn Teresa fährt - vorauseilende Gedanken auf Reisen
Ich sitze im Beifahrersitz. Neben mir Teresa – meine Frau, mein Herz, meine kleine Naturgewalt auf 150 Zentimetern, 45 kg. Ihre Hände am Lenkrad, konzentriert, aber mit einem Lächeln. Schwarze Haare flattern im heißen Wind, der durchs halb geöffnete Fenster hereinsticht wie der Geruch von wildem Thymian.
Wir sind allein unterwegs. Eine Woche nur sie und ich, vor dem Familienaufprall. Die Kinder noch bei meiner Mutter, wir auf Korsika. Zwei Verliebte, die sich sonst im Alltag zwischen Küchenspülen, Dienstplänen und schnoddrigen Pubertieren verlieren.
Sie fährt. Und sie fährt gut. Kurven, Serpentinen, schmale Straßen mit tiefen Abgründen – Teresa bleibt gelassen. Ich überlege, wie oft sie im Krankenhaus mit ruhig pochendem Herz einen Menschen wieder zusammenflickt, während ich überlege, ob das Bier im Kühlschrank noch reicht. Hier darf sie frei sein. Leicht. Fast wie ein Teenager, der barfuß tanzt. Sie ist so... anders, wenn der Alltag Pause macht. Niedlich, ja. Aber auch stolz. Wach. Verspielt. Wild wie der Süden selbst.
Ich lehne mich zurück. Schaue hinaus. Denke zurück.
1978...ich war 12... wie der Knirps heute.
Citroën 2CV. Meine Mutter vorne links, Zigarette mit Spitze, Sonnenbrille wie aus einem Fellini-Film. Mein Vater – schweigend. Ich hinten, mit meiner nervigen Schwester, einem gebackenen Huhn und einem Gefühl von Aufbruch. DDR-Grenze. Ein Grenzer, der sich durch seinen Dienstgrad definierte und sich von meiner Mutter – mit einem einzigen Satz – höflich zur Witzfigur machen ließ.
Heute, Jahrzehnte später, denke ich: nächste Woche Kleinwagen auf Korsika, bei Teresa.
Ich sehe sie an. Dieses Lächeln, das sie manchmal nicht merkt. Die Art, wie sie sich die Haarsträhnen aus dem Gesicht pustet, wenn sie denkt, ich schau grad nicht hin. Und ich weiß, was ich damals im Citroën noch nicht wusste:
Liebe ist nicht der große Knall. Es ist der Moment, in dem man sagt: „Fahr du ruhig.“
Und sie fährt. Und du schaust. Und alles ist gut.
Sie mag idonesischen Kitsch... akzeptiere ich. Ihr Dialekt ist dicht am Malayischen. Alles gehört zusammen, wunderbar.
Mala Agatha - Satu Hati Sampai Mati (Official Music Video)