Vor langer langer Zeit, als Corona noch ein Bier und die Walking Street noch nicht zementiert war, hatte ich im Zusammenhang mit der Anwesenheit amerikanischer Marinesoldaten ein fast schon religiöses Erlebnis:
ich kann mich nicht mehr genau erinnern, es muss nur wenige Jahre nach der Jahrtausendwende gewesen sein und Islam vs USA Krieg, möglicherweise Afghanistan oder auch Irak, wer kann sich das schon merken, denn die Muster sind ja immer die gleichen, war voll im Gange.
Den amerikanischen Landgängern war gesagt worden, dass sie sich aus Südpattaya fernhalten sollten, dazwischen der Walking Street und der Second Road mit der Marine Disco das Araberviertel lag.
Wer sich noch an die Soi Diamond erinnern kann, der weiß, dass sie von der Second Road ausgehend noch eine schmale Gasse war, in der man auf beiden Seiten lustigerweise Schweizer Restaurants vorfand, um sich dann kurz vor der Walking Street Massiv zu verbreitern Und in einen Hof zu münden, wo in der Mitte mehrere Bars wie auf einer Insel aufgereiht waren - eine davon die Carousel-Bar, wo man sich tatsächlich langsam drehte - und rechts und links davon bis runter zur Walking Street eine Go Go Bar nach der anderen, ebenso in den oberen Stockwerken.
Wie ich so an meiner Black Coke nippte und mir überlegte, ob ich in einem der Läden nach meiner nächsten großen Liebe für die Nacht Ausschau halten oder besser ein bisschen warten sollte, ob sich nicht noch etwas Lustiges ergibt, das ich unter meinem damaligen Pseudonym, das einen urlaubenden Akademiker beschreibt, veröffentlichen konnte, erledigte sich die Frage von selbst, als ich plötzlich rechts neben mir erst lautes Geschrei und dann das Zerbrechen von Glas hören konnte:
Was war passiert? Nun, die Vorgeschichte, die ich aber erst später durch aufmerksames Lauschen erfahren habe, war folgende:
ein junger amerikanischer Matrose, der vor wenigen Tagen mit seinen Kameraden kriegsmüde in Pattaya von Bord gegangen war, hatte ihn einer der Gobobars, ich meine es war die „The Sea“, die Liebe seines Lebens kennengelernt und seinen gesamten spärlichen Landurlaub mit ihr verbracht, um sich tags zuvor reich an Tränen und noch mehr an Versprechungen schmachtend von ihr zu trennen, nachdem er ihr das Versprechen abgenommen hatte, umgehend mit der Arbeit aufzuhören und schon einmal das Heiratsvisum vorzubereiten. Ein Versprechen, für dass sich die junge Dame auch offensichtlich hat ordentlich entlohnen lassen.
Nun hat es auf seinem Schiff irgendwelche technischen Probleme gegeben, weswegen sich die Abreise um ein oder 2 Tage verzögert hatte, was ihm einen weiteren Landurlaub bescherte, den er mit einem Überraschungsbesuch bei seiner zukünftigen Ehefrau, begehen wollte.
Nur hatte er sie zu seinem Erstaunen in ihrer spärlichen Bleibe nicht angetroffen und war nach langem Suchen, an dem Ort aufgekreuzt, wo sie sich eigentlich gemäß Ihrer festen Zusage gar nicht befinden durfte.
Er kam gar nicht dazu den Laden zu betreten, denn plötzlich kam die junge Maid komplett in Straßenklamotten aus der Eingangstür heraus und für den Bruchteil einer Sekunde, spürte er etwas wie Erleichterung, weil er annahm, dass sie noch möglicherweise offenstehende Lady Drink Einnahmen abholen wollte.
Die Erleichterung währte nicht lange, denn in einer Hand hielt die junge Dame eine Bierflasche und in der anderen einen kräftigen jungen Araber, dessen Gesichtsbehaarung mit der Behaarung seiner Arme wetteiferte.
Dem jungen und verliebten Amerikaner kamen die Tränen, denn seine Familienplanung war gerade wie eine Seifenblase zerplatzt und mit belegter Stimme fragte er sie nach dem Warum, während er versuchte sie von dem Araber wegzuziehen.
Was er nicht wissen konnte, war, dass der Araber und seine beiden Kumpels in den letzten 2 Stunden ein kleines Vermögen in dem Laden gelassen hatten, indem sie dafür sorgten, dass man vor lauter Glockengeläute kaum noch die Musik hörte und weswegen sie sich nun auf ein fürstlich entlohntes Schäferstündchen freute.
Und der letzte von dem sie sich das verderben lassen wollte war diese junge verliebte Trottel.
Es kam zu einem kleinen Handgemenge und irgendwann entschied die junge Dame, ob nun aufgrund ihres hohen Alkoholpegels oder niederen Charakters, dass die Bierflasche im Gesicht des jungen Amerikaners doch viel besser aufgehoben sei als in ihrer Hand.
Das war der Moment, wo ich auf das Spektakel aufmerksam wurde und was dann folgte, gab mir noch viele Jahre lang zu denken.
Kaum war die Flasche an seinem Gesicht zerschellt, lief auch schon ein Rinnsal an Blut von seiner Stirn runter – nicht, dass das der jungen Dame in irgendeiner Form Einhalt geboten hätte, nein, die wurde jetzt richtig munter und hat einfach weiter auf ihn eingedroschen.
Man hätte jetzt erwarten können, dass der Araber die junge Dame zärtlich zurückzieht, während seine beiden Kumpels dem verhassten Kriegsgegner den Rest gegeben hätten, aber damit, was dann geschah hat wirklich keiner gerechnet:
Der Araber zog seine Lady zwar tatsächlich weg, aber um sich dann gemeinsam mit seinen Kumpels schützend vor den Amerikaner zu stellen.
Die Kleine überlegte kurz ob sie jetzt auf die 3 Araber losgehen sollte aber deren Blicke deuteten ihr eindeutig, dass dies möglicherweise nicht die beste Idee sei, weswegen sie versuchte zu retten, was noch zu retten ist, indem jetzt Sie an dem Araber zog und sagte, „Let's Go Boom Boom.“
Aber dieser war wohl von ihrem Verhalten dermaßen abgestoßen, das er nicht mehr die geringste Lust auf sie hatte und befahl ihr zu verschwinden, was sie nach minutenlangem Gekeife dann auch tat.
Dann wandten sich die 3 Araber dem jungen Amerikaner zu und halfen ihm an der Bar, an der auch ich saß, Platz zu nehmen und redeten ihm ruhig zu, während einer von ihnen schnell in der nächsten Apotheke Verbandszeug geholt hat und seine Kopfwunde versorgte.
Der Amerikaner hat sich dann so richtig bei denen ausgeheult - daher auch meine profunde Kenntnis der Vorgeschichte - und die 4 Jungs haben dann noch so manchen Drink miteinander geteilt, Ihre Erfahrungen mit Frauen untereinander ausgetauscht und irgendwann habe ich ihn sogar lachen hören.
Ich weiß noch, wie ich da saß, völlig gerührt und ergriffen, während mir der Gedanke durch den Kopf schoss:
„Wahnsinn, schaut euch das an, die korrupten Kriegstreiber ebenso wie die religiösen Fanatiker schaffen es doch immer wieder unsere Dummheit auszunutzen und uns dazu zu bringen, uns gegenseitig die Köpfe einzuschlagen.
Aber heute und hier in dieser Lotterstadt sind wir alle Brüder und wollen nur unserem grauen und manchmal offensichtlich sogar grausamen Alltag entgehen und etwas Abwechslung finden und Spaß haben.
Vor einer Woche waren diese Jungs aller Wahrscheinlichkeit nach erbitterte Gegner und haben versucht einander umzubringen und in einer Woche werden sie es wieder tun, aber heute haben 3 junge Männer Verständnis für einen vierten aufgebracht, dem man zunächst das Herz und dann die Schädelkalotte zerbrochen hatte und ihn sogar vor weiterem Schaden bewahrt und sich schließlich mit ihm verbrüdert.
Und das, obwohl sie sich gemäß den Vorgaben ihrer Vorgesetzten und ihrer Landesführer eigentlich hassen müssten und an einem Ort, der von unserer ach so moralischen Gesellschaft als tiefst unmoralisch angesehen wird.
Es macht mich traurig und ich empfinde Verzweiflung, wenn ich sehe, dass wir heute, gut ein Vierteljahrhundert später genau da sind, wo wir auch damals waren und uns kein bisschen weiterentwickelt haben.
Nur dass wir uns im Gegensatz zu vor einem Vierteljahrhundert nicht nur nicht weiterentwickelt sondern geradezu rückentwickelt haben: wir schlagen uns nicht nur immer noch gegenseitig die Köpfe ein oder helfen Freunden und Verbündeten dies zu tun, wir untermauern dies mittlerweile auch mit haarsträubenden Rechtfertigungen, die nicht nur an Absurdität und Verlogenheit ihresgleichen suchen, sondern die auch unsere gesamte Sprachwahrnehmung aushebeln und bis ins unkenntliche pervertieren und nicht einmal davor zurückschrecken Massenmord und Kindermord als Selbstverteidigung deklarieren.
Seien wir ehrlich, am Ende des Tages sind wir auch nichts anderes als etwas weiter entwickelte Affen, mit all den aggressiven Urinstinkten und unserem unüberwindbaren Gruppendenken und Herdentrieb, jedoch mit Waffen ausgestattet, mit denen man auf Knopfdruck ganze Landstriche unbewohnbar machen kann.
Und genau das wird auch unser Untergang sein.