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- 24 November 2024
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Teil 25: Tropen-Zyniker oder die leise Kunst, sich im Paradies zu beschweren
Ich saß auf meinem Balkon, blickte auf eine Straße, die sich ruhig vor mir gabelte, trank meinen Kaffee und bereitete mich innerlich auf den Ruhestand vor. Ein Zustand, den ich mir über Jahrzehnte hinweg sorgfältig erarbeitet hatte, nur um dann festzustellen, dass ich ihn nun die Gesellschaft einer ganz eigenen Spezies mit Sicherheit nicht verbringen würde.
Den Pattaya-Tropen-Zynikern. Finder man hier auch im Forum, durchaus.
Man erkennt sie nicht sofort. Anfangs wirken sie wie ganz normale Auswanderer. Etwas gebräunt, etwas entspannter, leicht verwittert, aber im Kern solide. Erst nach wenigen Gesprächen merkt man, dass sie eine Art inneren Kippschalter umgelegt haben. Irgendwann zwischen Ankunft und Daueraufenthalt. Das wirkt dann "weniger gesund", eher instabil ohne explizite Erklärung.
Sie sitzen meist in Gruppen. Strategisch verteilt. Schattenplätze. Ventilator in Reichweite. Bier griffbereit.
Ich setzte mich dazu.
„Neu hier?“, fragte einer.
„So halb“, sagte ich.
Er nickte langsam, als hätte ich gerade zugegeben, dass ich gelegentlich atme.
Neben ihm saß Bitcoin-Bert. Ein Mann, der aussah, als hätte er einmal Geld gehabt und seitdem darüber spricht.
„Also ich sag dir“, begann er ohne Anlass, „dieser Zyklus, der ist anders. Komplett anders.“
„Inwiefern?“, fragte ich.
„Fundamental“, sagte er.
Pause.
„Ich bin praktisch schon durch.“
Ich nickte.
Sein Bier war leer.
„Alles in Krypto?“, fragte jemand.
„Diversifiziert“, sagte Bert. „Bitcoin, bisschen Altcoins, bisschen Strategie.“
„Und?“
„Timing war nicht optimal.“
„Heißt?“
„Langfristig.“
Alle nickten. Langfristig ist hier das Wort für „weg“.
Zwei Plätze weiter saß Bardieter. Er trug ein Hawaiihemd, das aussah, als hätte es mehr erlebt als er selbst.
„Ich geh nur noch kurz raus“, sagte er.
„Wohin?“, fragte jemand.
„Nur schauen.“
„Wo?“
„Bars.“
„Wie lange?“
„Kurz.“
Alle nickten.
Das war gestern auch schon kurz.
Ein anderer, den sie nur den Professor nannten, saß mit verschränkten Armen da und beobachtete die Welt mit dem Gesichtsausdruck eines Mannes, der sie bereits aufgegeben hatte.
„Früher war alles besser“, sagte er.
„Wann?“, fragte ich.
„Früher.“
„Was genau?“
Er sah mich an, als hätte ich eine unangemessene Frage gestellt.
„Alles.“
Neben ihm saß einer, der aussah wie 75 und laut eigener Aussage 52 war.
„Ich trink ja kaum noch“, sagte er und bestellte ein weiteres Bier.
„Was ist kaum?“, fragte ich.
„Unter Kontrolle.“
„Was heißt das?“
„Ich merke mir, wie viele.“
„Und wie viele sind das?“
Er dachte kurz nach.
„Ungefähr alle.“
Im Hintergrund lief ein Fernseher. Nachrichten. Irgendetwas Politisches.
Sofort wurde es lebhaft.
„Alles gesteuert“, sagte einer.
„Von wem?“, fragte ich.
„Na von denen.“
„Wer sind die?“
Er sah mich an, als wäre ich neu auf diesem Planeten.
„Die da oben.“
Alle nickten.
Die da oben sind hier erstaunlich aktiv.
Einer stand auf, zeigte auf den Bildschirm und sagte:
„Ich sag dir, das geht alles den Bach runter.“
„Was genau?“, fragte ich.
„Alles.“
Ich hatte das Gefühl, dieses Wort hatte hier eine gewisse Beliebtheit.
Zwischendurch kam eine junge Thai-Frau vorbei, stellte Getränke ab, lächelte freundlich.
Alle wurden kurz still.
Dann ging das Gespräch weiter.
„Ich bleib hier“, sagte einer.
„Warum?“, fragte ich.
„Ist besser.“
„Als was?“
„Alles.“
Ich begann zu verstehen, dass hier vieles relativ einfach strukturiert war.
Später am Abend saß ich wieder auf meinem Balkon. Die Straße war ruhig. Die Luft warm. Mein Kaffee inzwischen durch etwas anderes ersetzt.
Ich dachte über diese Männer nach.
Im Grunde waren sie nicht unangenehm. Eher das Gegenteil. Direkt. Ehrlich. Ohne große Umwege. Nur irgendwann falsch abgebogen und dann einfach stehen geblieben.
Ein bisschen wie meine Straße unten.
Die gabelt sich auch.
Der Unterschied ist nur:
Ich hatte noch vor, weiterzugehen.
Und um das der Fairness halber festzuhalten: Ich verurteile diese Spezies keineswegs. Man kann mit ihnen durchaus angenehm Zeit verbringen, solange man nicht versucht, die Welt zu retten oder einen zweiten Espresso zu bestellen.
Ich habe lediglich für mich beschlossen, mich an gewissen Details ihres Lebensentwurfs nicht übermäßig zu orientieren.
Zum Beispiel an jenen abendlichen Monologen, in denen mit bemerkenswerter Ausdauer sehr einfache Antworten auf sehr komplexe Fragen gefunden werden, vorzugsweise in einer Lautstärke, die keinen Widerspruch mehr zulässt.
Oder, um es mit jener britischen Zurückhaltung zu sagen, die in solchen Fällen erstaunlich präzise ist:
I prefer not to.
Ich saß auf meinem Balkon, blickte auf eine Straße, die sich ruhig vor mir gabelte, trank meinen Kaffee und bereitete mich innerlich auf den Ruhestand vor. Ein Zustand, den ich mir über Jahrzehnte hinweg sorgfältig erarbeitet hatte, nur um dann festzustellen, dass ich ihn nun die Gesellschaft einer ganz eigenen Spezies mit Sicherheit nicht verbringen würde.
Den Pattaya-Tropen-Zynikern. Finder man hier auch im Forum, durchaus.
Man erkennt sie nicht sofort. Anfangs wirken sie wie ganz normale Auswanderer. Etwas gebräunt, etwas entspannter, leicht verwittert, aber im Kern solide. Erst nach wenigen Gesprächen merkt man, dass sie eine Art inneren Kippschalter umgelegt haben. Irgendwann zwischen Ankunft und Daueraufenthalt. Das wirkt dann "weniger gesund", eher instabil ohne explizite Erklärung.
Sie sitzen meist in Gruppen. Strategisch verteilt. Schattenplätze. Ventilator in Reichweite. Bier griffbereit.
Ich setzte mich dazu.
„Neu hier?“, fragte einer.
„So halb“, sagte ich.
Er nickte langsam, als hätte ich gerade zugegeben, dass ich gelegentlich atme.
Neben ihm saß Bitcoin-Bert. Ein Mann, der aussah, als hätte er einmal Geld gehabt und seitdem darüber spricht.
„Also ich sag dir“, begann er ohne Anlass, „dieser Zyklus, der ist anders. Komplett anders.“
„Inwiefern?“, fragte ich.
„Fundamental“, sagte er.
Pause.
„Ich bin praktisch schon durch.“
Ich nickte.
Sein Bier war leer.
„Alles in Krypto?“, fragte jemand.
„Diversifiziert“, sagte Bert. „Bitcoin, bisschen Altcoins, bisschen Strategie.“
„Und?“
„Timing war nicht optimal.“
„Heißt?“
„Langfristig.“
Alle nickten. Langfristig ist hier das Wort für „weg“.
Zwei Plätze weiter saß Bardieter. Er trug ein Hawaiihemd, das aussah, als hätte es mehr erlebt als er selbst.
„Ich geh nur noch kurz raus“, sagte er.
„Wohin?“, fragte jemand.
„Nur schauen.“
„Wo?“
„Bars.“
„Wie lange?“
„Kurz.“
Alle nickten.
Das war gestern auch schon kurz.
Ein anderer, den sie nur den Professor nannten, saß mit verschränkten Armen da und beobachtete die Welt mit dem Gesichtsausdruck eines Mannes, der sie bereits aufgegeben hatte.
„Früher war alles besser“, sagte er.
„Wann?“, fragte ich.
„Früher.“
„Was genau?“
Er sah mich an, als hätte ich eine unangemessene Frage gestellt.
„Alles.“
Neben ihm saß einer, der aussah wie 75 und laut eigener Aussage 52 war.
„Ich trink ja kaum noch“, sagte er und bestellte ein weiteres Bier.
„Was ist kaum?“, fragte ich.
„Unter Kontrolle.“
„Was heißt das?“
„Ich merke mir, wie viele.“
„Und wie viele sind das?“
Er dachte kurz nach.
„Ungefähr alle.“
Im Hintergrund lief ein Fernseher. Nachrichten. Irgendetwas Politisches.
Sofort wurde es lebhaft.
„Alles gesteuert“, sagte einer.
„Von wem?“, fragte ich.
„Na von denen.“
„Wer sind die?“
Er sah mich an, als wäre ich neu auf diesem Planeten.
„Die da oben.“
Alle nickten.
Die da oben sind hier erstaunlich aktiv.
Einer stand auf, zeigte auf den Bildschirm und sagte:
„Ich sag dir, das geht alles den Bach runter.“
„Was genau?“, fragte ich.
„Alles.“
Ich hatte das Gefühl, dieses Wort hatte hier eine gewisse Beliebtheit.
Zwischendurch kam eine junge Thai-Frau vorbei, stellte Getränke ab, lächelte freundlich.
Alle wurden kurz still.
Dann ging das Gespräch weiter.
„Ich bleib hier“, sagte einer.
„Warum?“, fragte ich.
„Ist besser.“
„Als was?“
„Alles.“
Ich begann zu verstehen, dass hier vieles relativ einfach strukturiert war.
Später am Abend saß ich wieder auf meinem Balkon. Die Straße war ruhig. Die Luft warm. Mein Kaffee inzwischen durch etwas anderes ersetzt.
Ich dachte über diese Männer nach.
Im Grunde waren sie nicht unangenehm. Eher das Gegenteil. Direkt. Ehrlich. Ohne große Umwege. Nur irgendwann falsch abgebogen und dann einfach stehen geblieben.
Ein bisschen wie meine Straße unten.
Die gabelt sich auch.
Der Unterschied ist nur:
Ich hatte noch vor, weiterzugehen.
Und um das der Fairness halber festzuhalten: Ich verurteile diese Spezies keineswegs. Man kann mit ihnen durchaus angenehm Zeit verbringen, solange man nicht versucht, die Welt zu retten oder einen zweiten Espresso zu bestellen.
Ich habe lediglich für mich beschlossen, mich an gewissen Details ihres Lebensentwurfs nicht übermäßig zu orientieren.
Zum Beispiel an jenen abendlichen Monologen, in denen mit bemerkenswerter Ausdauer sehr einfache Antworten auf sehr komplexe Fragen gefunden werden, vorzugsweise in einer Lautstärke, die keinen Widerspruch mehr zulässt.
Oder, um es mit jener britischen Zurückhaltung zu sagen, die in solchen Fällen erstaunlich präzise ist:
I prefer not to.











